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"Wichtig war eine Codierung von Kritik"

Interview mit Barbara Henniger

Kritisch, unbequem und vielfach ausgezeichnet - Barbara Henniger kommentiert seit fast vierzig Jahren mit ihren Karikaturen Zeitgeschehen. Seit 1967 arbeitet sie für das ostdeutsche Satiremagazin "Eulenspiegel" und mehrere Tageszeitungen. Ihr Motto: "Ich schlage zurück, indem ich zeichne."

mm Frau Henniger, unter welchen Bedingungen konnten Sie in der DDR zeichnen?

Henniger Papier und Feder gab es, wenn auch nicht immer in Premium-Qualität. Zeichnen konnte man alles. Die Frage war, wurde die Zeichnung veröffentlicht oder nicht.


mm
Gab es staatliche Zensur?

Henniger Offiziell nicht. Inoffiziell schon. Die Sprachregelung war: In der DDR gibt es keine Zensur und keine offizielle Zensurbehörde. Jedoch waren alle wichtigen Führungspositionen in den Medien zugleich Parteipositionen. Sie wurden mit Nomenklatur-Kadern besetzt, auch die Chefredaktionen. Die entschieden, ob eine Karikatur erscheint oder nicht. Und sie hatten die Aufgabe, keine grundlegende Kritik am System zuzulassen.

 

mm Gab es weitere Tabu-Themen?

Henniger Natürlich. Keine Kritik am Politbüro, an der führenden Rolle der Arbeiterklasse und ihrer " Avantgarde", der Partei, an der Mauer als antifaschistischem Schutzwall, am Sieg des Sozialismus und seiner Überlegenheit oder an der ewigen Freundschaft mit der Sowjetunion.

 

mm Wie verpackten Sie Kritik an Staat und Politik?

Henniger Wichtig war, eine eigene Bildsprache zu entwickeln, eine Codierung von Kritik, die sich Metaphern bediente oder Sujets, die für die Interpretation offen waren. Außerdem musste man Personalisierung und Porträtzeichnungen vermeiden, weil sie zu direkt waren. Ein Beispiel: Anfang der 1980er Jahre zeichnete ich die Barbarossa-Sage mit einem großen runden Tisch, an dem alte Männer saßen, deren Bärte durch den Tisch wuchsen und sich über die ganze Landschaft ausbreiteten. Ein Sinnbild für Stagnation, abgenutzte Parteikader, Vergreisung, Ideenlosigkeit und das Ersticken jeglichen Aufbruchs.

 

mm War der Verband bildender Künstler ein Regulierungsinstrument?

Henniger Ja und nein. Nur wer Mitglied wurde, bekam eine Steuernummer, ohne die es praktisch unmöglich war, freiberuflich zu arbeiten. Der Hintergedanke dabei: Die Künstler sollten unter Kontrolle gehalten werden. Doch durch die gemeinsame Organisation konnten wir uns Freiheiten schaffen und diese nutzen. Ich möchte hinzufügen, dass die Aufnahme in den Verband nach ziemlich strengen künstlerischen Kriterien erfolgte.

 

mm Versuchte die SED, den "Eulenspiegel" ebenfalls als Veröffentlichungsorgan zu benutzen?

Henniger Als ich 1967 beim "Eulenspiegel" anfing, hieß es in Anspielung an das "Neue Deutschland" als Zentralorgan der SED, er sei das Zentralorgan für Humor und Satire. Mir war schnell klar, dass er die Funktion gelenkter Kritik erfüllen sollte. Der Chefredakteur, der der Abteilung Agitation und Propaganda beim ZK der SED verpflichtet war, sollte Karikaturen als kontrollierbare Kritik zulassen. Aber wie so oft - wo die Tür ein Spalt weit auf ist - versucht man, sie noch weiter aufzumachen.

 

mm Sie konnten beim "Eulenspiegel" jedoch keine grundsätzliche Kritik üben?

Henniger Wir wollten den Sozialismus auch nicht abschaffen, sondern ihn menschlicher machen, demokratisieren. In einem Land, wo Demonstrationen verboten waren, es keine freie Meinungsäußerung gab, sah ich mich als eine Stimme, die dem Frust über das Erstarren des real existierenden Sozialismus Ausdruck verleiht, das allgemeine Unbehagen pointiert und Veränderungen einforderte.

 

mm Welche thematischen Schwerpunkte gab es vor und nach 1989?

Henniger Der enorme Stellenwert der Karikatur, wie der Künste überhaupt, in einer geschlossenen Gesellschaft ohne Meinungs- und Informationsfreiheit verflüchtigte sich mit dem Untergang des alten Systems. Kritik an Staat und Gesellschaft war vor 1989 zwar nur begrenzt möglich, dafür entsprachen die Themen der Zeichnungen in ihrer Haltbarkeit der Unbeweglichkeit der Verhältnisse. Dies änderte sich natürlich schlagartig. Karikaturen bekamen plötzlich ein Gesicht, sie wurden tagesaktuell, neue Formen boten sich an.

 

mm Wie änderte sich der Arbeitsalltag der Karikaturisten?

Henniger Die Arbeit wurde zunächst sehr viel schneller. Es gab viel zu tun. Das änderte sich, als die West-Verlage das Kommando über die Ost-Medien übernahmen. Sie tauschten die Redaktionen aus, von den Karikaturisten aus dem Osten blieben manche auf der Strecke.

 

mm Welche Möglichkeiten der Veröffentlichung gab es für Karikaturen?

Henniger. Grundsätzlich galt: Je kleiner die Öffentlichkeit für eine Karikatur war, desto kritischer konnte sie thematisch mit Staat und Gesellschaft umgehen. Was im Millionen-Leser-Blatt "Eulenspiegel" im kritischen Ansatz nicht durchsetzbar war, konnte durchaus schärfer als Blatt für ein Buch oder für eine Ausstellung gezeichnet werden. Die großen regelmäßigen Ausstellungen in Berlin, Leipzig und im "Satiricum" in Greiz waren Dialoge zwischen Publikum und Karikaturisten. Bissige, manchmal bittere Satire kursierte als Grußblatt im kleinen Kreis.

 

mm Welchen Stellenwert hat heute die Karikatur noch in den Medien?

Henniger Sie hat an Bedeutung verloren in einer Medienwelt, die immer unübersichtlicher wird. Jedoch haben viele Politiker erkannt, dass die Ironisierung ihrem Image auch gut tun kann und sie dadurch populärer werden können.

Interview: Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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