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Außer Rand und Band

Rock-Musik und Jugendkrawalle in den 1950er Jahren

Lederjacken und Nietenhosen, Rock 'n' Roll und eine provozierende Lässigkeit - die so genannten "Halbstarken" unter den Jugendlichen erregen vor rund fünfzig Jahren Aufsehen und stoßen bei Erwachsenen auf Unverständnis. Nach Konzerten und Kinobesuchen kommt es Ende der 1950er Jahre in westdeutschen Großstädten zu zahlreichen Krawallen und Zusammenstößen mit den Polizeikräften.

Am 21. September 1956 läuft in der Bundesrepublik der Rock 'n' Roll-Film "Außer Rand und Band" an. Mit dem Film erreicht eine Welle von Krawallen so genannter "Halbstarken" ihren Höhepunkt. Vom 9. bis 15. November 1956 blockieren Hunderte von Jugendlichen in Gelsenkirchen nach Aufführungen des Filmes den Verkehr und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Zwei Wochen später ziehen Tausende von "Halbstarken" "im genormten Dreß von genieteten Texashosen, Lederjacken oder buntgestreiften Rollkragenpullovern", wie es in der Presse heißt, die Öffentlichkeit in Dortmund in ihren Bann.

Jugendliche randalieren nach einem Bill-Haley-Konzert in Hamburg 1958

Das Einschreiten der Staatsmacht steigert die Gewalt. Am dritten Abend der Krawalle geht die Polizei mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln gegen 3.000 bis 4.000 "Halbstarke" vor, die nach dem Film auf der Hansastraße randalieren.

Während der Laufzeit von "Außer Rand und Band" werden in ganz Europa Krawalle von "Halbstarken" verzeichnet. In Deutschland erleben neben den stark betroffenen Städten des Ruhrgebiets unter anderem Mannheim, Berlin und Hannover Unruhen, die meist demselben Muster folgen: Bereits während der Filmvorführung tanzen die Jugendlichen auf den Sitzen, sie johlen und pfeifen. Anschließend blockieren sie auf der Straße den Verkehr und versuchen, Autos umzuwerfen. Sie demolieren Schaufensterscheiben, Telefonhäuschen, Verkehrsschilder oder Mülltonnen. Sprechchöre wie "Bill Haley" oder "Rock 'n' Roll" begleiten die Tumulte. Ordnungshüter werden veralbert oder mit Rufen wie "Pfui Polizei" verhöhnt.

On air: Rias sendet Rock 'n' Roll zum Unmut der DDR-Funktionäre

Nicht nur die Polizei reagiert hilflos. Auch Eltern, Pädagogen, Journalisten und Politiker sind überfordert von den Ausbrüchen jugendlicher Aggression. Als fünfzig "Halbstarke" aus der Münchener "Totenkopfbande" Passanten mit Wasser bespritzen und sich anschließend auf eine Schlägerei mit der Polizei einlassen, fordert der bayerische Innenminister August Geislhöringer von der Bayernpartei, die Polizei müsse "mit Brutalität" gegen die "jugendlichen Banditen" vorgehen. Markig fordert die "Hannoversche Allgemeine" nach einem Krawall "Sofort bestrafen!". Vom "Terror der Halbstarken" schreibt die "Stuttgarter Zeitung.

Das Psychologische Institut der Universität Hamburg um seinen Direktor Curt Bondy widmet den "Halbstarken" eine breit angelegte Untersuchung unter dem Titel "Jugendliche stören die Ordnung".

Lipsi Nr. 1: Volkseigener Tanz als Gegengewicht zur "amerikanischen Unkultur"

Die Wissenschaftler machen den Rock 'n' Roll als häufigen Begleiter, nicht jedoch als Ursache der Krawalle aus. Etwa die Hälfte der - fast immer männlichen - Teilnehmer an den Tumulten in der Bundesrepublik ist 16 oder 17, ein Drittel ist 18 oder 19 Jahre alt. Arbeiter oder Lehrlinge des Handwerks sind zu 90 Prozent daran beteiligt. Etwa die Hälfte der Jugendlichen ist ohne Vater aufgewachsen. Im Rock 'n' Roll und in amerikanischen Filmen finden die jungen Menschen einen Ausdruck gegen Langeweile, übertriebene öffentliche Ordnung und beengte Wohnungen. Erstmals entsteht hier nach dem Zweiten Weltkrieg eine Jugendkultur mit eigenständigen Ausdrucksformen in Musik, Kleidung und Verhalten. Nach den Wiederaufbaujahren, die von allen gesellschaftlichen Gruppen hohe Disziplin verlangten, stehen die "Halbstarken" auch für eine neue Normalität im wirtschaftlich boomenden Nachkriegsdeutschland: Die Jugendlichen haben mehr Freizeit und auch mehr Geld, das sie für den Konsum aufwenden können. Häufig treibt die geringe Toleranz der Älteren die "Halbstarken" zu ihren Taten an. Um Anstoß zu erregen, reicht es aus, betont lässig an der Straßenecke zu stehen, amerikanische "Nietenhosen" zu tragen oder knatternd mit dem Moped durch die Gegend zu fahren. Oft entbrennen die Krawalle erst mit dem - in der Wahrnehmung der Jugendlichen provozierenden - Auftauchen der Polizei.

Zwei Jahre nach den Krawallen um den Film "Außer Rand und Band" erreichen die Tumulte bei einer Bill-Haley-Tournee durch die Bundesrepublik noch einmal einen Höhepunkt. Ende Oktober 1958 randalieren Jugendliche in West-Berlin, Hamburg, Essen und Stuttgart. Zwar scheint sich der etwas dickliche Haley, der zu diesem Zeitpunkt bereits 33 ist, kaum als Jugendidol zu eignen, doch wird sein Song "Rock around the Clock" 1955/56 als Vorspannmusik des Films "Saat der Gewalt" zum ersten Welthit des Rock 'n' Roll.

Auch in der DDR gibt es Auseinandersetzungen um den Rock 'n' Roll. Die SED bekämpft die "transatlantische Veitstanzmusik" entschieden. Dennoch greifen die neuen Rhythmen auch auf Unterhaltungsorchester in der DDR über. 1959 verläuft der Versuch im Sande, dem Rock 'n' Roll mit der Erfindung des Lipsi einen volkseigenen Tanz entgegenzusetzen. Aggressiv geht die Staatssicherheit gegen "Rock 'n' Roll-Banden“ vor. Bekannt wird der Fall des 16-jährigen Autoschlosserlehrlings Michael Gartenschläger, der im April 1960 gemeinsam mit Freunden einen Ted-Herold-Club gründet. Als die Jugendlichen kurz nach dem Mauerbau im August 1961 Parolen ("Macht das Tor auf", "Freie Wahlen") an Ost-Berliner Gebäude schreiben und - ohne dass jemand zu Schaden kommt - die Scheune einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Brand setzen, werden sie verhaftet. In einem Schauprozess werden drei Angeklagte zu Haftstrafen zwischen sechs und fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Gartenschläger und sein ebenfalls 17-jähriger Freund Gerd Resag erhalten lebenslängliches Zuchthaus. Als strafverschärfend legt ihnen der Richter die Begeisterung für die "heiße Musik" und die "amerikanische Unkultur" aus.

Nach dem anfänglichen Erschrecken über die amerikanische "Negermusik" gewöhnt sich die Gesellschaft der Bundesrepublik schnell an das neue Lebensgefühl aus den USA. Die Industrie entdeckt den "Teenager" als Konsumenten; Zeitschriften, Schallplatten und andere Luxusartikel werden nun eigens für Jugendliche produziert. Die Revolte der "Halbstarken" schlägt sich in der Konsumwelt nieder. Jugendlichkeit wird zu einem neuen Lebensgefühl und prägt weithin den Lebensstil - auch den der Erwachsenen.

Ingo Grabowsky

 

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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