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„Wilde Zeiten“

Günter Zint in der U-Bahn-Galerie

Der Fotograf und Sammler Günter Zint gilt als Vorreiter eines sozial engagierten, aufklärerischen Bildjournalismus in der Bundesrepublik. Eine Ausstellung in der U-Bahn-Galerie der Stiftung Haus der Geschichte zeigt einen Querschnitt seines fotografischen OEuvres und dokumentiert damit auch sein gesellschaftspolitisches Engagement.

Spötter sagen, die norddeutsche Tiefebene sei für die menschliche Besiedlung nicht geeignet: Nebel, Nieselregen, blattlose Baumgiganten, steingraue Wolken über flachem Land und nichts als Trübsal – alles Unsinn! Bremens bekanntester Vorort Worpswede, den Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker, Heinrich Vogeler und andere berühmt gemacht haben, ist auch heute noch Zentrum für Künstler und Kunst – darüber hinaus Dreh- und Angelpunkt einer Szene politisch und kulturell engagierter Zeitgenossen. Hierhin hat es auch Günter Zint verschlagen. Zurückgezogen hat er sich nicht: „Ich lebe hier, um konzentriert zu arbeiten. Einsam wird man auch im Moor nicht.“

Zint versteht sich als politischer Fotograf, der alles andere als ein stiller Beobachter des Geschehens ist. Weit mehr ist er Chronist der soziokulturellen und politischen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland und dabei selbst auch immer Teil einer politischen Bewegung, über die er berichtet. Aus der Perspektive der Agierenden, aus der Bewegung der Gegenkulturen heraus richtet er seinen Blick auf die Reaktionen der Gesellschaft. Konflikte hat er nie gescheut. „Mittendrin“ und „Ran ans Motiv“ ist sein Credo, das er stets wörtlich nimmt. Seine Schwarz-Weiß-Fotos sind Dokumente der Zeitgeschichte, keine manierierten, überhöhten Kunstprodukte für Zeitgeistillustrierte.

Ikonen des Aufbruchs

Das echte, wahre Leben ist sein Sujet, ohne Schnörkel, ohne modische Effekthascherei. „Ich will Realität zeigen“, so Zint und „meine Bilder sind Gebrauchsfotografien“. Hier hat Günter Zint zu tief gestapelt: Viele seiner Fotografien haben sich in das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft eingegraben. Für eine ganze Generation sind sie Ikonen des Aufbruchs in eine hoffnungsvolle Zukunft: Die Beatles vor dem Hamburger „Star Club“, The Who, Jimi Hendrix, Studentenproteste 1968 in Paris und Berlin, neue Lebensformen, Kommunenleben, Günter Wallraf alias Ali, wie er sich von Franz Josef Strauß eine Unterschrift für ein Spendenprojekt geben lässt, Frauenpower. Seine Frau Mackie, schwanger und nackt fotografiert, provozierte einen Sturm der Entrüstung in konservativen Kreisen ebenso wie im feministischen Lager, das ihn als Protegé der neuen Mütterlichkeit ächtete. Das Foto von der Vorsitzenden der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, die misstrauisch die Polizisten betrachtet, ist vielen noch in guter Erinnerung; ebenso wie die Fotos aus dem Milieu des Hamburger Kiez. St. Pauli ist ihm zur Heimat geworden. „Hier tobt das Leben im positiven wie im negativen Sinne“ meint Zint, der von hier aus sein „Pan“ Foto-Studio betreibt und auf sein berufliches Leben zurückblickt.

Gegenkultur und Alltag

Seine Karriere begann Zint, 1941 in Fulda geboren, Anfang der 1960er Jahre als Pressefotograf bei der dpa mit fotojournalistischen Aufträgen für die Zeitschriften „Twen“ und „Quick“. Im Alter von 25 Jahren siedelte er endgültig nach Hamburg über. Zentrum jugendlicher Gegenkultur war hier Mitte der 1960er Jahre der „Star Club“, bei dem Zint schnell zum Haus- und Hoffotografen avancierte. Ein Glücksfall für den jungen Fotografen. Hier entwickelte er seine Kontakte zur Szene und zum St. Pauli-Milieu. Die Sympathie für eine außerhalb des Establishments stehende Gesellschaft hat ihn ein Leben lang begleitet. Als der „SPIEGEL“ begann, Reportagen und Fotostrecken über die Studentenbewegung zu veröffentlichen, war Zint zur Stelle. Schnell wurde er zum Chronisten der 1968er-Bewegung. Seine Bilder der Friedens- und vor allem der Anti-AKW-Bewegung gehören zum festen Bestandteil des nationalen Gedächtnisses.

Noch vor dem Zusammenbruch der DDR zog es ihn in den Osten Deutschlands. Als die Mauer fiel, dokumentierte er den Gang der Ostdeutschen in den Westen – mit dem Auslöser am Puls der Zeit. „Seine Kamera scheut nicht das Banale, und so findet sie die schreckliche Schönheit unseres alltäglichen Kampfes um ein sinnvolles Überleben“, so der Bielefelder Professor für Fotografie Jörg Boström.

Mit vielen seiner Arbeiten steht Zint in der Tradition der Arbeiterfotografiebewegung der Weimarer Republik; sein Vorbild ist Graf Alexander Stenbock-Fermor, der vor allem mit der Reportage „Deutschland von unten. Reise durch die politische Provinz“ von 1931 als einer der ersten deutschen Sozialreportagefotografen gilt: „Es ist wichtiger geworden, die Welt zu verändern, als sie darzustellen.“ Zint ist im besten Sinne des Wortes ein Unruhestifter. Auch wenn er es heute etwas ruhiger angehen lässt, ist er seiner Sache treu geblieben: „Ich bin nicht objektiv“, und „ich will Realität zeigen“, beurteilt er selbst seine Bildkunst.

Jürgen Reiche

Der Junge an der Mauer, Berlin 1963

Demonstration der Außerparlamentarischen Opposition gegen die Notstandsgesetze in Hamburg

Demonstration in Berlin, Ostern 1968

Jimi Hendrix im Hamburger Star-Club 1967

Brokdorf 1981: Hubschrauber werfen Tränengas auf Demonstranten vor dem AKW-Baugelände.

Exi (Gammler) vor einem Friseurladen auf St. Pauli 1965

Die Fotografien von Günter Zint (o.) sind seit Mai 2007 in der U-Bahn-Galerie zu sehen.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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