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Emigration nach Palästina

Kein „Land der Verheißung“,
aber Zufluchtsstätte

Das britische Mandatsgebiet Palästina unterschied sich von allen anderen Aufnahmeländern dadurch, dass die zionistischen Organisationen die jüdische Einwanderung ins Land förderten. Die Juden aus Deutschland, „Jekkes“ genannt, wurden ausdrücklich nicht als Exilanten, sondern als zukünftige Bürger eines angestrebten jüdischen Nationalstaates betrachtet.

Bis 1933 blieb die Zahl der aus Deutschland nach Palästina ausgewanderten Juden allerdings gering. Weit weniger als ein Prozent der deutschen Juden hielten Palästina – das Land Israel, Erez Israel – für ein attraktives Auswanderungsland. Im Vergleich zu anderen Zielorten der Emigration oder selbst im Vergleich zu einem Verbleiben im „deutschen Vaterland“ stellte es für viele keine erstrebenswerte Alternative dar. Zionismus bedeutete für deutsche Juden bis 1933 vielmehr eine Lösung für osteuropäische Juden, um die nach Deutschland strebende jüdische Massenauswanderung aus dem Osten in eine andere Richtung abzuwenden.

Erez Israel als Land der Verheißung sprach die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden vor allem deswegen nicht an, weil sie entweder als liberale Juden die messianische Zeit nicht mehr mit dem historischen Territorium des Landes assoziierten oder als „indifferente“, säkularisierte Juden ihre Beziehungen zur antiken jüdischen Geschichte abgebrochen hatten. Darüber hinaus wurde Palästina – so nannten die Briten ihr Mandatsgebiet seit 1917 – von den meisten deutschen und westeuropäischen Juden mit Wüste, Rückschritt und Kulturlosigkeit assoziiert; demnach in einen absoluten Gegensatz zum Leben „in der Kultur“ in Deutschland gesetzt. Auf der anderen Seite sorgte auch die britische Mandatsregierung dafür, dass vielen deutschen Juden Israel als Zufluchtsstätte nicht attraktiv erschien: Die Briten verfolgten in der Region mit Rücksicht auf die Interessen der arabischen Bevölkerung seit 1930 eine restriktive Einwanderungspolitik für Juden.

„Jekkes“ in Erez Israel

Deutsche Juden kämen nicht aus zionistischer Überzeugung nach Palästina, sondern aus Deutschland – der populäre Witz traf durchaus zu. Dabei ist zu berücksichtigen, dass viele der aus anderen Ländern nach Palästina ausgewanderten Juden den Schritt der Emigration ebenfalls nicht ohne Antisemitismus und Verdrängung unternommen hätten. Dennoch wurde der Vorwurf einer eher mit Unwillen unternommenen „Aliyah“, also einer Einwanderung in das Land Israel, mit Nachdruck dem deutschen bzw. mitteleuropäischen Judentum der „fünften Aliyah“ gemacht. Dadurch wurde diese Gruppe in der zionistischen Gesellschaft in Palästina bereits vor der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948, aber auch noch danach, schwer belastet.

So erklärt sich die auffällige apologetische Haltung der Vertreter und Historiker der so genannten „Jekkes“. Sie pochen immer wieder auf den „Beitrag“, den sie für den Zionismus und für Erez Israel geleistet haben. Diese Haltung war bereits eingeübt: Schon lange vor 1933 sprachen deutsche Juden vom „Beitrag der deutschen Juden zur deutschen Kultur“; als wäre ihre Präsenz inmitten der deutschen Gesellschaft erklärungsbedürftig und ohne dieses Argument nicht legitim. Die deutsche „Volksgemeinschaft“ nach 1933 blieb als tragisches Resultat dieser Bemühungen von diesem Argument allerdings unbeeindruckt. Tragisch ist zudem, dass sich die „Jekkes“ in Israel bis heute nicht von der Taktik befreien konnten, stets auf den „kulturellen Beitrag“ zur israelischen Gesellschaft als Rechtfertigung für ihre Gleichberechtigung in der zionistischen Gesellschaft hinzuweisen oder ihn als Kompensation für den angeblichen Mangel an zionistischer Überzeugung in der Vergangenheit vorzulegen.

Moshe Zimmermann, Jerusalem

Mit dem „Alijah-Spiel“ wurden Kinder Anfang der 1930er Jahre auf die Einwanderung in Palästina vorbereitet.

 

Deutsche Juden brachten ihre Kultur mit nach Palästina. Kaffeehäuser wurden zu beliebten Treffpunkten, wie hier das Café Mugrabi in Tel Aviv 1935.

 
Moshe Zimmermann, geb. 1943 in Jerusalem, ist Professor für deutsche Geschichte und seit 1986 Direktor des Richard-Koebner-Minerva-Zentrums für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Von ihm erschienen zahlreiche Publikationen in deutscher und hebräischer Sprache, unter anderem zu den Themen Nationalsozialismus, Antisemitismus, deutsch-jüdische Geschichte sowie zum Holocaust.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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