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Sie reisten per Zug und
Schiff über die Niederlande
nach Großbritannien:
Etwa 10.000 jüdische
Kinder wurden zwischen
Dezember 1938 und
August 1939 in einer beispiellosen
Rettungsaktion
aus Deutschland und den
heutigen Gebieten von
Österreich und Tschechien
vor dem nationalsozialistischen
Regime in Sicherheit
gebracht.
Die Kindertransporte, die mit dem Ausbruch
des Krieges ein abruptes Ende fanden,
wurden in Großbritannien zunächst vom
Council for German Jewry, später vom Refugee
Children's Movement geleitet – in Deutschland
waren es einzelne Kultusgemeinden, die innerhalb
kürzester Zeit die organisatorischen
Voraussetzungen für die Ausreise der Kinder
schufen. Die Eltern mussten zurückbleiben.
Am 1. Dezember 1938 startete in Berlin,
Schlesischer Bahnhof, der erste Kindertransport.
Jedes Kind erhielt ein Namensschild und
wurde mit einer Nummer gekennzeichnet. Nur
wenige Habseligkeiten – etwas Kleidung, eine
Puppe oder ein Stofftier, einige Fotografien
der Eltern – durften in einem Köfferchen mitgenommen
werden. Für die meisten Kinder
war es die erste große Reise überhaupt. „Wir
Kinder standen dichtgedrängt am Zugfenster,
um uns letzte Ratschläge mit auf den Weg geben
zu lassen. Auch wenn wir leise weinten,
machten wir uns keinen rechten Begriff von
der verzweifelten Hoffnungslosigkeit derer,
die wir zurücklassen mussten. (...) Viele Kinder
waren verstört, schlicht weil sie nicht verstanden,
weshalb sie von ihrem Zuhause und
ihren Eltern fortgehen sollten; andere Kinder
hingen der Vorstellung an, eine Reise in ein
fernes, sagenumwobenes Land anzutreten.“
So schilderte Gerta Ambrozek die Gefühle der
Kinder kurz vor der Abfahrt des Zuges. Später
wurde den Eltern der Abschied auf dem
Bahnsteig verweigert. In abseits gelegenen
Warteräumen, den Blicken der Öffentlichkeit
entzogen, umarmten Eltern und Kinder einander,
die meisten ein letztes Mal.
Nach ihrer Ankunft wurden die Kinder in
ganz Großbritannien verteilt, kamen in Heime
oder Pflegefamilien. Einige hatten Glück und
fanden in ihrem neuen Umfeld Geborgenheit
und Respekt vor ihren jüdischen Wurzeln. Andere
trafen auf unvorbereitete, teils ungeeignete
Pflegefamilien. Vor allem Mädchen wurden
häufig als billige Arbeitskräfte betrachtet,
ihre schulische Bildung vernachlässigt.
Von einem Tag auf den anderen konnten
sich die Kinder nicht mehr in ihrer Muttersprache
verständigen. Nur wenigen gelang es,
diese im Zusammensein mit Geschwistern oder
anderen Flüchtlingskindern zu bewahren. Die
während des Krieges von der britischen Regierung
veranlassten Evakuierungen aus den Ballungsräumen
bedeuteten für die Teilnehmer
der Kindertransporte eine erneute Erfahrung
des Verlassenwerdens.
Anfangs war häufig noch ein Briefkontakt
zu den Eltern möglich. Nach Kriegsbeginn erfolgte
ein Austausch jedoch nur noch in sehr
knapper Form über Rot-Kreuz-Postkarten,
schließlich brach der Kontakt ganz ab. Nachrichten
vom Tod der Eltern zerstörten die Hoffnung
auf eine Wiedervereinigung endgültig.
Vielen gelang es, sich trotz der schwierigen
Voraussetzungen in das Land, das ihnen einst
Schutz und Rettung bot, zu integrieren, andere
wanderten weiter nach Israel oder in die
USA. Ende der 1980er Jahre fanden erste
Kindertransport-Treffen statt, die den „Kindern“
einen Austausch über ihre Erlebnisse und
Empfindungen ermöglichten. Bei den meisten
wirkten traumatische Erinnerungen an die in
Deutschland erlittene Verfolgung, die frühe
Trennung von den Eltern, die Erfahrung, Außenseiter
in einem fremden Land zu sein sowie
die Trauer über den Verlust naher Angehöriger
und Schuldgefühle bis in die Gegenwart.
Antoinette Lepper-Binnewerg
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Teilnehmerin des ersten Kindertransportes aus Wien bei der Ankunft in Harwich im Dezember 1938
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Ankunft eines Kindertransportes im Bahnhof von London am 2. Februar 1939
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Die Karteikarte eines britischen Hilfskomitees enthält Angaben über das jüdische Mädchen Lilly Abraham aus Berlin sowie über die Unterstützter in England, die sich bereit erklärt hatten, für den Unterhalt des Flüchtlingskindes aufzukommen.
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