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Interview mit Ulrich K. Wegener

"Ein Nachgeben des Staates hilft nicht"

Ulrich K. Wegener war von 1972 bis 1979 Kommandeur der Bundesgrenzschutz-Sondereinheit GSG 9. Nach dem Blutbad an der israelischen Olympiamannschaft von 1972 baute er die Sondereinheit im Auftrag des damaligen Bundesinnenministers Genscher auf. 1977 leitete Wegener die Geiselbefreiung der von vier Palästinensern gekaperten Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Flughafen von Mogadischu. Heute ist er nach seiner Pensionierung internationaler Berater für Terrorismusbekämpfung.

mm Herr Wegener, Sie leiteten die Geiselbefreiung in Mogadischu 1977. Wie sah Ihr Einsatzplan und dessen Ausführung aus?

Wegener über Verhandlungen versuchten wir die Terroristen hinzuhalten. Der Angriff war für die zweite Nachthälfte vorgesehen. Um null Uhr bekam ich vom Staatsminister Wischnewski den Einsatzbefehl. Ich führte Sturmtrupps an das Flugzeug heran. über die Zugänge drangen wir in die Maschine ein. Es kam sofort zu einem schweren Feuergefecht. Der Anführer und die Nummer zwei, die überlebte, wurden sofort außer Gefecht gesetzt. Nummer drei überwältigten wir in der ersten Klasse und die Nummer vier auf der Toilette. Das war das Ende des Einsatzes. Das Ganze dauerte nur sieben Minuten, dann war das Flugzeug leer und die Geiseln in Sicherheit.

mm Warum ging der Mythos der "Helden von Mogadischu" verloren?

Wegener Mir war der so genannte Mythos nie recht. Den bauten die Medien auf. Doch nach den Niederlagen des Staates in der Terrorbekämpfung war Mogadischu eine Befreiung, ein Erfolg.

mm Nach den Vorfällen in Bad Kleinen 1993 kam die GSG 9 in die Schlagzeilen. Vom Killerkommando bis zum besseren Schlüsseldienst reichten die Meinungen über die Spezialeinheit.

Wegener Das ist absoluter Blödsinn, was da behauptet wurde. Bad Kleinen ist geklärt. Grams hat sich selbst erschossen. Die GSG 9 trifft keine Schuld. Ein unabhängiges Schweizer Gutachten stellt das eindeutig fest. Außerdem war die GSG 9 in den letzten Jahren in über 1.000 Einsätzen sehr erfolgreich. Sie tut heute ihre Pflicht besser denn je und ist auch international als eine der besten Spezialeinheiten anerkannt.

mm Der GSG 9 fehlt es seit Jahren an Nachwuchs. Woran liegt das?

Wegener Das geht allen Spezialeinheiten auf der ganzen Welt so. Die Jugend lebt heute in einer Fun-Gesellschaft. Dass man etwas für Freiheit und demokratische Grundordnung tun muss, scheint vergessen. Leistung und Dienen in einer Spezialeinheit sind keine große Ehre mehr, sollten aber wieder eine Verpflichtung werden.

mm Wo lagen die Ursachen des damaligen Terrorismus und was konnte man ihm entgegnen?

Wegener Die Ursachen des Terrorismus waren und sind vielfältig. Wir haben leidvolle Erfahrungen gemacht: München 1972, Peter Lorenz 1975 oder Jürgen Ponto 1977. Ein Nachgeben des Staates hilft jedenfalls nicht.

mm Wie kann eine Demokratie auf terroristische Gewaltakte reagieren?

Wegener Eine streitbare Demokratie muss sich verteidigen, wenn sie angegriffen wird. Sie muss ihre Staatsbürger schützen. Natürlich sind friedliche Mittel bis zu einem gewissen Grad sinnvoll. Doch wer Gewalt anwendet, dem muss man mit Gewalt antworten.

Interview:
Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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