3/2002

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Brennpunkt

 

Interview mit Hans Nusser

"Der 7. Stock wurde eine kleine Festung"

Mit Einweisung der RAF-Terroristen wurde ein Teil der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stuttgart-Stammheim zu einem Hochsicherheitsgefängnis ausgebaut. Der Name des kleinen Stuttgarter Vorortes steht seither für die international Aufsehen erregenden Prozesse und Selbstmorde der so genannten ersten Generation der RAF-Terroristen.

mm Wie hat sich Stammheim mit Einweisung der ersten Terroristen aus der Roten-Armee-Fraktion (RAF) verändert?

Nusser Stammheim war für Untersuchungshäftlinge und Straftäter ausgelegt. Die inhaftierten RAF-Mitglieder waren allerdings eine ganz besondere Spezies, mit der man damals noch gar keine Erfahrungen hatte. Sie gaben vor, aus politischen Motiven heraus zu handeln, Kriegsgefangene zu sein. Der Sicherheitsstandard war ein viel größerer. Also der Teil der JVA, in dem sie untergebracht wurden, der 7. Stock, wurde schon eine kleine Festung.

Hans Nusser, Oberstaatsanwalt und Anstaltsleiter von Stammheim 1975 bis 1977

Hans Nusser, Oberstaatsanwalt und Anstaltsleiter von Stammheim
1975 bis 1977

mm Wie verhinderte man den Kontakt zwischen den Gefangenen?

Nusser Anfangs hatten die Gefangenen ständige, permanente Kontakte. Auf diese Weise planten Baader und seine Leute eine Reihe von Aktionen. über ihre Anwälte gingen die Direktiven nach draußen und gelangten Waffen ins Gefängnis. In der heißen Phase während der Schleyer-Entführung versuchte man, die Kontaktsperre umzusetzen, was jedoch schon aus bautechnischen Gründen kaum möglich war. Außerdem gelang es Raspe, der technisch begabt war, ein Radio zu präparieren, mit dem man Nachrichten übermitteln konnte.

mm Hatten Sie Kontakt zu den Menschen hinter den Terroristen?

Nusser Ich hatte oft Kontakt mit ihnen. Sie trugen mir vielfach Bitten, Wünsche, Beschwerden und Anliegen vor. Die Frauen haben sich nicht auf Gespräche mit uns eingelassen. Sie haben ihre Anliegen in kurzer, knapper Form mitgeteilt. Mit Raspe konnte man durchaus mal über Dinge des täglichen Lebens reden. Kam jedoch Baader dazu, hat Raspe nichts mehr gesagt. Baader dominierte die Gruppe. über Politik haben sie mit uns nie gesprochen. Da haben sie uns klar zu erkennen gegeben, dass wir das eh nicht verstehen würden.

mm Was passierte in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977?

Nusser Ein kollektiver Selbstmord. Wobei Baader sich die Waffe im Genick so ansetzte, dass es zu weiteren Mythen und Thesen in der Szene beitrug. Internationale Experten für Gerichtsmedizin haben die Selbstmorde jedoch eindeutig bestätigt.

mm Ulrike Meinhof behauptete, dass die Bundesrepublik nach Stammheim nicht mehr derselbe Staat sein werde. Stimmen Sie dem zu?

Nusser Stammheim hat die Republik aufgewühlt. Nicht zuletzt durch den großen Sympathisantenkreis und eine ausgezeichnete Öffentlichkeitsarbeit. Das ungeheure Aufsehen, das sie erregten, hat die Stimmung des gesamten Landes beeinflusst. Doch inzwischen ist es lange her.

mm Welcher Gefahr waren Sie damals ausgesetzt?

Nusser Ich gehörte nach polizeilicher Einschätzung zum Kreis der gefährdeten Personen. Anfangs sagte Baader auch einmal zu mir: "Nusser, das überlebst du keine sechs Wochen." Meine Familie und ich standen deshalb unter Polizeischutz und auch unser Haus wurde ständig polizeilich bewacht. Die Gesamtsituation war jedoch für meine Familie, vor allem die Kinder, schwieriger als für mich.

mm Wie ordnen Sie die Ereignisse in den Oktoberwochen als Anstaltsleiter ein?

Nusser Wir hatten den Auftrag, die Gefangenen zu bewachen. In einem Punkt ist uns dies nicht gelungen. Sie konnten von ihren Schusswaffen Gebrauch machen.

Interview:
Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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