Sitemap Kontakt Impressum

 Inhalt

 Übersicht                                 
 Titel                                            
 Ausstellungen                        
 Nachruf                                    
 Infothek                                    
 Brennpunkt                                
 Tragik der Heiterkeit
 Deutscher Herbst 77
 Interview mit
 Ulrich K. Wegener
 Interview mit
 Hans Nusser
 Das Historische Rezept        
 Editorial 3/2002                       
 Termine 3/2002                      
 Impressum 3/2002                
 Kontakt                
 Archiv                                        
 aktuelle Ausgabe                  

 Haus der Geschichte, Bonn

 Zeitgeschichtliches Forum
 Leipzig

Archiv

Brennpunkt

 

Tragik der Heiterkeit

Olympische Spiele in München 1972

Die Welt soll das moderne Deutschland kennen lernen: demokratisch, heiter und optimistisch. Was hoffnungsfroh begann, endet in einem Blutbad.

Hochspannung im vornehmen römischen Hotel "Excelsior". Hier tagt im April 1966 das Internationale Olympische Komitee (IOC). Es geht um den Austragungsort der XX. Olympischen Sommerspiele. Am 26. April verkündet IOC-Präsident Avery Brundage die mit Spannung erwartete Entscheidung: Olympiastadt 1972 ist München. Vor Willi Daume, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), liegen jetzt schwierige Aufgaben. Denn München, die "Hauptstadt der Bewegung", belebt vor allem im Ausland neben sportlichen auch politische Assoziationen. Die Erinnerung an die XI. Olympischen Spiele 1936 in Berlin, von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht, ist gegenwärtig. Auch die langwierige Debatte um eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft hat Nachwirkungen. Erst ein Jahr zuvor, auf der IOC-Sitzung 1965 in Madrid, wird das Nationale Olympische Komitee der DDR voll anerkannt. Die Entscheidung für München wenige Monate später also ein "Trostpflaster" für die verloren gegangene sportpolitische Einheit Deutschlands? Das IOC-Votum von Rom nährt diese Spekulationen.

Es sollten heitere Spiele werden, die ein zeitgemäßes Deutschlandbild vermitteln.

Es sollten heitere Spiele werden, die
ein zeitgemäßes Deutschlandbild vermitteln.

Bayerisches Farbenspiel

Politiker und Sportfunktionäre wollen mit den Olympischen Spiele Gästen aus aller Welt ein neues, zeitgemäßes Deutschlandbild vermitteln. "Es sollen heitere Spiele werden", verkünden die Organisatoren. 1967 erhält der bekannte Grafiker Otl Aicher den Auftrag zur Gestaltung des visuellen Erscheinungsbildes der Spiele. Lichtes Blau, helles Grün, Orange, Silber und Weiß prägen seine Entwürfe für Plakate, Werbeprospekte und Fahnen. Bewusst meidet er die "nationalen" Farben Rot und Schwarz. Offizielles Emblem der Münchner Spiele ist eine strahlenförmige Spirale, beliebtester Sympathieträger und Maskottchen wird Waldi, der blau-orangegestreifte Olympia-Dackel.

München will auch künstlerische Akzente setzen. Auf Anregung von Willi Daume beteiligen sich 28 Künstler aus elf Nationen an der Plakatserie "Edition Olympia". Nach einem groß angelegten Architekten-Wettbewerb baut der angesehene Stuttgarter Architekt Günter Behnisch auf dem Münchner Oberwiesenfeld Stadion, Sporthallen, Trainingslager, Pressezentrum und Olympisches Dorf für 12.000 Gäste.

Optische Akzente setzt das futuristische Zeltdach des Stadions, gefertigt aus einem Netz von Stahlkabeln und Seilen. Trotz enormer Baukosten werten Beobachter diese Oympiabauten als überzeugenden Ausdruck ihrer Zeit, die von Fortschrittsglauben und Optimismus geprägt ist. Unvergesslich ist allen Teilnehmern die Eröffnungsfeier am 26. August 1972. Bei strahlend schönem Spätsommerwetter ziehen über 7.000 Sportler mit 122 Mannschaften ins neu erbaute Stadion ein. Volkslieder, Beat-Songs und Gospels, nicht aber Nationalhymnen, prägen die Musik von Kurt Edelhagen und Peter Herbolzheimer beim Einzug der Nationen.

Im Schatten der Politik

Doch heitere Stimmung und Weltoffenheit können nicht verbergen, dass auch die Münchner Spiele im Bann der Politik stehen. Wenige Tage vor der Eröffnungsfeier beugt sich das IOC dem Druck schwarzafrikanischer Staaten und schließt das von Weißen beherrschte Rhodesien (heute: Simbabwe) von der Teilnahme aus. IOC-Präsident Brundage klagt offen über "politische Erpressung". Die deutsche Teilung findet in München ihren vorläufigen sportpolitischen Abschluss: Die Mannschaften der Bundesrepublik und der DDR treten erstmals getrennt mit jeweils eigener Fahne und Hymne an. Die DDR nutzt die Spiele zur Förderung ihrer internationalen Anerkennung. Eintausend ausgewählte DDR-Bürger, die als Touristen nach München reisen, unterstützen ihre Mannschaft bei den Wettkämpfen. Vor allem der dramatische Endspurt in der 4x100-Meter-Staffel der Damen zwischen Heide Rosendahl aus der Bundesrepublik und Renate Stecher aus der DDR steht im Zeichen deutsch-deutscher Konkurrenz.

Der Tag, der alles ändert

Am elften Tag enden die "heiteren Spiele". München wird Nebenkriegsschauplatz des israelisch-palästinenischen Konflikts. Am 5. September überfallen acht arabische Freischärler die Unterkunft der israelischen Olympiamannschaft. Sie töten zwei Sportler, nehmen neun Geiseln, fordern die Entlassung von zweihundert Gesinnungsgenossen aus israelischer Haft und freien Abzug in ein Land ihrer Wahl. Hektische Verhandlungen beginnen, in die sich auch Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher einschaltet. Israel lehnt alle Forderungen der Geiselnehmer kategorisch ab, Gespräche mit arabischen Staaten scheitern. Am Abend verlassen die Palästinenser mit ihren Geiseln das Olympische Dorf und fahren zum Flughafen Fürstenfeldbruck nahe München, wo ein Flugzeug für sie bereit steht. Jetzt wagen Scharfschützen der Polizei einen Befreiungsversuch. Doch beim Schusswechsel sterben alle Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizeibeamter. Das IOC unterbricht die Spiele. Forderungen nach dem Abbruch der Spiele lehnt IOC-Präsident Avery Brundage ab: "The games must go on!".

Am Tag danach

Jetzt müssen sich die Veranstalter und der Krisenstab harte Kritik gefallen lassen: unzureichende Sicherheitsvorkehrungen, chaotische Einsatzplanung, falsche Ausrüstung und Ausbildung der Polizei. Politiker erkennen, dass die alten polizeitaktischen Methoden den Herausforderungen des internationalen Terrorismus nicht gewachsen sind. Die Gründung der Anti-Terror-Einheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes (Interview mit Ulrich K. Wegener) ist eine unmittelbare Folge der Münchner Ereignisse. Auch die Olympischen Spiele wandeln sich. Strenge Sicherheitsvorschriften prägen seitdem alle internationalen Sportbegegnungen.

Bild-Zeitung vom 7. September 1972, dem Tag nach dem missglückten Befreiungsversuch der Geiseln

Bild-Zeitung vom 7. September 1972, dem Tag nach dem missglückten Befreiungsversuch der Geiseln


Zum ersten Mal kämpfen bei olympischen Wettkämpfen zwei getrennte deutsche Mannschaften um die Medaillen - Trainingsjacken der Leichtathletinnen Renate Stecher (DDR) und Ulrike Meyfarth (BRD).

Trainingsjacken der Leichtathletinnen Renate Stecher (DDR) und Ulrike Meyfarth (BRD).

Willi Daume, Präsident des deutschen NOK, resümiert: "Spiele ohne den Staat - das geht nicht mehr" und fügt dennoch als Bestätigung der Münchner Olympiaidee hinzu: "Ohne das Heitere kann die Menschheit nicht leben".

Angela Stirken

Pressestimmen 1972

"In unserer Zeit sind es nicht mehr die Spiele, die die Kriege unterbrechen, sondern die Kriege unterbrechen die Spiele".
Le Figaro, Paris

"Es ist ein überaus bitterer Preis, den die Deutschen gerade dafür bezahlen müssen, dass sie sich vom alten Klischee lösen wollten, dass sie ihre Grundeinstellung entmilitarisierten und die Kontrollen im olympischen Dorf vielleicht etwas zu weich, locker und herzlich handhabten."
Italienischer Staatsrundfunk, Rom

"'The games must go on', sagte Herr Brundage. Aber die Spiele sind bereits zu Ende, gestorben. Weitergeführt werden lediglich die Wettkämpfe ... Mit den Spielen der XX. Olympiade ist eine Epoche zu Ende gegangen."
National-Zeitung, Basel

Weitere Informationen zur Olympiade 1972 unter:

www.olympia72.de
www.olympia-lexikon.de
www.olympiapark-muenchen.de
www.sportmuseum-koeln.de

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

zum Seitenanfang