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Am Anfang war die Ausbürgerung

Doppelausstellung "Klopfzeichen" in Leipzig

Die Berliner Mauer trennte nicht nur Menschen in beiden Staaten Deutschlands voneinander, sie spaltete auch die kulturellen Entwicklungen. Wie Künstler aus den verschiedensten Bereichen versuchten, diese Teilung zu überwinden - das zeigt der Ausstellungsteil "Mauersprünge" im Zeitgeschichtichen Forum in Leipzig.

Am Anfang der Ausstellung steht die Geschichte eines Eklats von weitreichender Wirkung. Wolf Biermann war auf Einladung der IG-Metall zu einer Tournee in den Westen gekommen, nachdem er in der DDR über ein Jahrzehnt nicht mehr hatte öffentlich singen dürfen. Sein erster Auftritt im Westen fand am 13. November 1976 in Köln statt; es sollte zugleich sein letzter als DDR-Bürger sein. Von 7.000 begeisterten Zuhörern gefeiert, sang, rezitierte und stritt Wolf Biermann dort für sein Ideal von einer sozialistischen Welt ohne Unterdrückung und Ausbeutung.

 
Ausreise-Visum in Wolf Biermanns DDR-Reisepass

Ausreise-Visum in Wolf Biermanns DDR-Reisepass

Deutsch-deutsche Solidarität

Drei Tage später verkündete die Nachrichtenagentur der DDR, dass Biermann "das Recht auf weiteren Aufenthalt in der DDR entzogen" worden sei. Zwölf namhafte Schriftsteller der DDR, darunter Sarah Kirsch, Christa Wolf, Jurek Becker, Volker Braun, Stefan Heym, Günter Kunert und Stephan Hermlin protestierten mit einem über westliche Presseagenturen verbreiteten Schreiben gegen die Ausbürgerung. Sie wollten die SED-Führung veranlassen, die Entscheidung zurückzunehmen. über 90 weitere Schriftsteller, Schauspieler, Regisseure, Musiker und bildende Künstler aus der DDR schlossen sich dem Protest an. Für viele von ihnen hatte dies weitreichende Konsequenzen.

Auch in der Bundesrepublik wurde Protest laut. Etwa 500 Jugendliche zogen am 16. November 1976 spontan zu einer Solidaritätskundgebung für Biermann vor die Ständige Vertretung der DDR in Bonn. Mit Heinrich Böll, Martin Walser, Peter Weiss, Klaus Staeck, Udo Lindenberg und Alice Schwarzer erklärten namhafte Autoren und Künstler ihre Solidarität mit Biermann. In der Folgezeit verließen immer mehr Künstler die DDR. Allein in den 1980er Jahren waren es über 350. Die kulturelle Substanz des Landes erlitt tiefgreifende Verluste, wohingegen die westdeutsche Kultur durch diese "Zuzüge" eine Bereicherung an Talenten und künstlerischer Innovation erfuhr.

 
Reise ohne Widerkehr: Veranstaltungsplakat der Konzertreise 1976

Reise ohne Widerkehr: Veranstaltungsplakat der Konzertreise 1976

"... mal eben nach Ost-Berlin"

Vom Westen drängten Künstler Anfang der 1980er Jahre immer stärker auf eine Veränderung im innerdeutschen Kulturaustausch. Sie wussten, dass jenseits der Grenze ein treues Publikum auf sie wartete, und wollten in der DDR auftreten. Doch blieb diese für sie "in Sachen Kulturaustausch weiterhin die "Deutsche Desillusions Republik'" (Udo Lindenberg). Aber 1983 kam der "Sonderzug nach Pankow" langsam in Fahrt. Obwohl es anfangs so aussah, als hätte Lindenberg mit diesem Song seine letzte Chance vertan, in der DDR singen zu dürfen, spielte er keine zehn Monate später auf der Bühne des Palasts der Republik - wenn auch vor ausgewähltem Publikum. Die DDR brauchte dringend Bündnispartner gegen den "NATO-Raketenbeschluss". Doch ließ sich der "Panik-Rocker" aus Hamburg nicht wie erhofft vereinnahmen. In einer Zwischenansage forderte er: "Weg mit allem Raketenschrott - in der Bundesrepublik und in der DDR!" Soviel Renitenz war die SED-Führung nicht gewohnt: Sie strich ihm die eben noch versprochene Tour durch die DDR im darauf folgenden Sommer.

"Deshalv spill' mer he"

Bevor Lindenbergs Tourneepläne platzten, fielen die Konzerte einer anderen westdeutschen Band ersatzlos aus: Die Kölsch-Rocker von BAP (Interview mit W. Niedecken) reisten noch vor ihrem ersten Auftritt in Ost-Berlin wieder ab, weil sie ihr neues Lied "Deshalv spill'mer he" ("Deshalb spielen wir hier"), in dem sie die "Clique, die sich Volksvertreter nennt" geißelten, nicht aus ihrem Programm streichen wollten. Das Politbüro der SED hatte nach dieser "Provokation" genug und beschloss postwendend: "Der Empfang von Künstlern und Gruppen aus der BRD und Westberlin ist maximal einzuschränken. Generell soll künftig auf Gastspiele von Rockgruppen verzichtet werden." Ein Beschluss, den sie nur wenige Monate aufrecht erhalten konnte.

 
Kölsch-Rocker BAP

Kölsch-Rocker BAP

Ein Tisch, ein Pass und eine Lederjacke

Nur zwei von vielen Geschichten, welche die Ausstellung mit Dokumenten und Objekten erzählt, die zuvor noch nie oder nicht zusammen zu sehen waren: Wie z.B. jene Lederjacke, die Udo Lindenberg 1987 an Erich Honecker sandte, und die Schalmei, die er im Gegenzug vom SED-Generalsekretär erhielt. Zu sehen sind auch Aufkleber und T-Shirts der gescheiterten BAP-Tournee und ein Kunstobjekt, das der Sänger der Gruppe, Wolfgang Niedecken, aus Briefen seiner enttäuschten Fans in der DDR angefertigt hat. Wolf Biermann steuerte zur Ausstellung seinen Pass bei, mit dem er 1976 die DDR verließ, aber auch jenes Reisedokument, mit dem er 1989 wieder dort einreiste. Außerdem wird ein Tisch aus seinem Besitz, dessen beide Teile durch die Ausbürgerung getrennt wurden, in der Ausstellung "wiedervereinigt". Zu sehen sind ebenso Leihgaben von vielen anderen bekannten Künstlern aus Ost und West.

 

Ein Konzept - zwei Ausstellungen

Die Ausstellung ist zweigeteilt. Während sich "Wahnzimmer" im Museum der Bildenden Künste in Leipzig speziell der Entwicklung der Malerei, Grafik und Plastik jenes Jahrzehnts annimmt, ist der Ansatz bei der Ausstellung "Mauersprünge" übergreifender. Hier werden sowohl die politischen Grundlagen für die kulturellen Beziehungen zwischen beiden Teilen Deutschlands dargestellt, besonders die Verhandlungen um das deutsch-deutsche Kulturabkommen bis 1986 und dessen inhaltliche Umsetzung in den Jahren danach. Biografien und Werke von konkreten "Mauerspringern" aus beiden deutschen Staaten sind zu sehen. Gezeigt wird, wie es Künstlern aller Genres gelang, die Mauer auf unterschiedlichste Art und Weise zu überwinden.

Bernd Lindner

Porträts der Schriftsteller Thomas Brasch, Günter Grass, Stefan Heym und Stephan Hermlin von Harald Kretschmar Lindenbergs Sonderzug nimmt 1983 Fahrt in Richtung Arbeiter- und Bauernstaat auf.

Porträts der Schriftsteller Thomas Brasch,
Günter Grass, Stefan Heym und
Stephan Hermlin von Harald Kretschmar

Lindenbergs Sonderzug nimmt
1983 Fahrt in Richtung Arbeiter- und
Bauernstaat auf.

Info

Die Doppelausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Museum der Bildenden Künste Leipzig und der Bundeszentrale für politische Bildung. Zur Ausstellung erscheint der Begleitband "Klopfzeichen". 3. August-27. Oktober 2002, Di.-Fr. 9-18 Uhr, Sa. und So. 10-18 Uhr, Eintritt für beide Ausstellungen zusammen 6 € / erm. 3 €

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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