3/2002

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Titel

 

"Kunst kann verändern"

Interview mit Wolfgang Niedecken

Wolfgang Niedecken gründete 1976 die Kölner Band BAP, eine der erfolgreichsten deutschen Rockbands. Mit ihren ersten Schallplatten eroberte sie sofort die deutschen Charts. In den 1980er Jahren engagierte sich die Band für politische und gesellschaftliche Themen: Sie trat unter anderem auf dem Festival gegen die atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf und im Bundestagswahlkampf der Grünen auf. Die Ausstellung "Mauersprünge" zeigt Exponate von der geplanten Tournee durch die DDR 1984.

Wolfgang Niedecken

Wolfgang Niedecken

mm Herr Niedecken, wie war es zu der in der DDR geplanten Tournee von 1984 gekommen?

Niedecken Wir bekamen eine offizielle Anfrage, ob wir nicht eine Tour durch die DDR machen wollten. Es wurde uns absolute Freiheit in Sachen Programmgestaltung zugesichert, insofern auch alle Songs von der Platte "Vun drinne noh drusse", die auf dem offiziellen DDR-Label Amiga erschienen war. In wenigen Wochen waren alle Konzerte in 14 Städten ausverkauft.

mm Warum wurde dann die Tournee abgebrochen?

Niedecken Bevor die Tournee losging, traten wir in Magdeburg in der Fernsehshow "Rund" auf, in der uns sehr schnell klar wurde, dass man uns vor den Karren spannen wollte. In einem Marathon von Interviewproben, sollten wir uns der Meinung anschließen, SS-20 seien Friedensraketen. Als Leute von der FDJ uns am Vorabend des Konzerts in Ost-Berlin im Hotel aufsuchten und den Text von "Deshalb spielen wir hier" sehen wollten, in dem wir unter anderem unsere Sympathie für die inoffizielle Friedensbewegung "Schwerter zu Pflugscharen" zum Ausdruck brachten, war die Tournee zu Ende, bevor sie angefangen hatte.

mm Wie reagierten die Fans auf die Absage?

Niedecken Enttäuscht bis zustimmend. Wir erhielten viele Briefe und auch ganz unterschiedliche Reaktionen. 1989 reisten viele Fans aus der DDR nach Moskau, um unsere Konzerte zu besuchen, die wir anlässlich unserer Sowjetunion-Tour gaben.

mm Welche Rolle spielten für Sie DDR-Künstler?

Niedecken Stark beeinflusst hat mich Wolf Biermann. Ich hörte sein Konzert in der Kölner Sporthalle 1976 im Radio. Sein Auftritt und das Lied "Vom donnernden Leben" regten mich an, selber Lieder in meiner Muttersprache zu schreiben. Auch A. R. Penck, der für uns das Plakat für das Konzert "Leipzig zeigt Courage" gestaltete, schätze ich als Maler sehr.

mm Wie wichtig ist künstlerischer Austausch über Grenzen hinweg?

  
Tourpass, Aufkleber, T-Shirt und LP der geplatzten DDR-Tour

Tourpass, Aufkleber, T-Shirt und LP der geplatzten DDR-Tour

Niedecken Absolut. Kunst kann verändern, darf nicht reguliert werden, sondern muss Wildwuchs sein. Jedoch darf man sich nicht allein auf Kunst verlassen. Sie ist nur ein Mosaikstein, wenn man gesellschaftliche oder politische Veränderungen erreichen möchte.

Interview:
Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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