Sitemap Kontakt Impressum

 Inhalt

 Übersicht                                 
 Titel                                            
 Ausstellungen                        
 Infothek                                    
 Brennpunkt                                
 Als nach dem Frühling
 der Winter kam
 Ein Amerikaner in Berlin
 Zeitgeschichtliches
 Forum Leipzig                         
 Das Historische Rezept        
 Editorial 3/2003                       
 Termine 3/2003                      
 Impressum 3/2003                
 Kontakt                
 Archiv                                        
 aktuelle Ausgabe                  

 Haus der Geschichte, Bonn

 Zeitgeschichtliches Forum
 Leipzig

Archiv

Brennpunkt

 

Als nach dem Frühling der Winter kam

Prag 1968 und die Folgen

In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 rücken Truppen von fünf Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR ein. Gewaltsam beenden sie die als "Prager Frühling" bezeichneten Reformversuche. Alexander Dubvcek, der einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" forderte, wird mit dem gesamten Politbüro verhaftet und in die Sowjetunion gebracht - das Ende des Frühlings.

1968 ist ein Jahr des Umbruchs. Stärker als andere Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat es seine Spuren in der Geschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen und wurde schließlich zum Synonym für eine ganze Generation, die das politische, wirtschaftliche und kulturelle Selbstverständnis der Nachkriegszeit in Frage stellte. In der Bundesrepublik bildeten in erster Linie der Protest gegen den Vietnam-Krieg, die Demonstrationen in Berkeley, der Pariser Mai und die Studentenunruhen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke wichtige Identifikationspunkte für die "Achtundsechziger". Im Osten waren es vor allem der mit Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus verbundene "Prager Frühling" und seine gewaltsame Niederschlagung durch die Armeen des Warschauer Pakts im August 1968, die sich in das kolletive Gedächtnis der Menschen einprägten.

Der Prager Frühling 1968: Anfang und Ende des "Sozialismus mit menschlichem Antlitz"

Geist der Freiheit

Im Frühjahr 1968 herrschte in Prag nicht nur meteorologisch Frühling. Mit der Wahl Alexander Dubceks zum Vorsitzenden der KPC im Januar hatten jene Kräfte die Oberhand gewonnen, die mit demokratischen Reformen die seit langem schwelende innenpolitische Krise des Landes überwinden wollten. Damit brach sich Bahn, was sich seit Beginn der 1960er Jahre vor allem im kulturellen Bereich vorbereitet hatte. Bereits auf der legendären Kafka-Konferenz 1963 in Liblice hatte der ideologische Dogmatismus erste Erschütterungen erfahren. Vielgelesene Kulturzeitschriften verbreiteten die Erkenntnis, dass die Partei nicht immer recht haben müsse. Zunächst nur zögernd lockerte der Partei- und Staatsapparat seine alles lähmende Kontrolle. Die Betriebe erhielten mehr Eigenverantwortung, Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler eroberten sich Freiräume. Hrabals surrealistische Geschichten, Kunderas Satiren oder Havels "Gartenfest" nahmen keine Rücksicht mehr auf verordnete Tabus. Auch die Abschottung nach außen lockerte sich. Die neue Reisefreiheit erlaubte Besuche im Westen. Die vielen ausländischen Touristen brachten westliche Mode, Lebensart und Ideen ins Land. Jean-Paul Sartre, Rudi Dutschke, Jürgen Habermas und andere Intellektuelle pilgerten nach Prag, das einen attraktiveren Sozialismus zu bieten schien als die anderen Staaten des kommunistischen Lagers. Auch viele Besucher aus der DDR waren begeistert von der Aufbruchstimmung und atmeten den Geist der Freiheit in der CSSR.

Im April 1968 verabschiedete die KPC ein Aktionsprogramm: Abschaffung der Zensur, strikte Einhaltung von Rechtsnormen und die Neuregelung der Beziehungen zur Slowakei galten nur als erste Schritte zur sozialistischen Demokratie. Die Relativierung der führenden Rolle der Partei und die Anerkennung der Trennung von Partei und Staat durch die KPC waren jedoch für die orthodoxkommunistischen "Bruderparteien" nicht akzeptabel. Walter Ulbricht gehörte neben dem Polen Wladyslaw Gomulka zu den nachdrücklichsten Gegnern des tschechoslowakischen Reformkurses, denn die DDR musste wie kein anderes Land des Ostblocks bei einem Aufweichen der marxistisch-leninistischen Prinzipien um die eigene Existenz fürchten. Die scharfen Angriffe der SED auf die Reformer in Prag waren deshalb auch als eine Warnung an die eigene Bevölkerung zu verstehen, die mit viel Sympathie und großen Erwartungen die Entwicklung in der Tschechoslowakei verfolgte.


Trotz der Niederlage lässt sich die Entwicklung nicht aufhalten: Zehn Jahre später entsteht mit der "Charta 77" eine neue Demokratiebewegung in der CSSR.

"Bruderhilfe"

Am 18. August 1968 beschlossen die UdSSR und ihre Satelliten DDR, Polen, Ungarn und Bulgarien die militärische Intervention in die CSSR. Am 20. August 1968, gegen 22 Uhr landeten sowjetische bewaffnete Kommandos auf den Flughäfen von Prag, Bratislava und Ostrava. Im Minutentakt brachten Flugzeuge der Armeen des Warschauer Pakts Soldaten und militärisches Gerät ins Land. Ab 23 Uhr marschierten sowjetische, polnische, ungarische und bulgarische Truppen von Ungarn, Polen und der DDR her in das tschechoslowakische Staatsgebiet ein. Um 1:30 Uhr verabschiedete die Prager Führung eine Erklärung, die den Einmarsch verurteilte und die Bevölkerung aufrief, keinen Widerstand zu leisten, da eine Verteidigung der Grenzen unmöglich sei. Dennoch trafen die Invasoren auf Widerstand, etwa 50 Menschen verloren ihr Leben. Die Prager Führungsspitze wurde nach Moskau gebracht, wo sie nach mehrtägigen "Verhandlungen" der Rücknahme der Reformen zustimmte.

Die DDR-Regierung hatte den Einmarsch aktiv unterstützt - durch die Bereitstellung von Eisenbahnzügen für den Truppentransport und durch die verstärkte Grenzsicherung zur Tschechoslowakei. Entgegen der ursprünglichen Planung marschierten aber keine Gefechtstruppen der NVA in das Nachbarland ein. Die für den Einsatz vorgesehene 7. Panzerdivision und die 11. Mot. Schützendivision blieben in ihren Konzentrierungsräumen im Süden der DDR. Nur einige Stabsoffiziere und Fernmeldetruppen, die die Verbindung zwischen dem Leitungsstab der Interventionstruppen und den in Bereitschaft stehenden NVA-Verbänden halten sollten, befanden sich auf dem Territorium der CSSR. Gleichwohl hatten sich die Machthaber in der DDR mitschuldig gemacht an der gewaltsamen Unterdrückung der Reformbewegung. Sie trug aufgrund ihrer Beteiligung an der Vorbereitung und Durchführung der militärischen Intervention Mitverantwortung an der Verletzung des Völkerrechts und der Souveränität der CSSR.

Solidarität

Bei den Menschen in Ost und West, die den Versuch eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" mit großer Sympathie verfolgt hatten, löste die gewaltsame Niederschlagung der Reformkräfte in der Tschechoslowakei Betroffenheit, starke Erschütterung und Solidarität mit den Verfolgten aus. Viele von ihnen fanden in der Bundesrepublik Zuflucht. Auch in der DDR kam es in zahlreichen Orten zu Protesten: Vor allem Jugendliche verteilten Flugblätter, skandierten "Dubcek"-Rufe und schrieben Protestlosungen auf Häuserwände. Ihre Solidarität mit den Reformern bezahlten sie häufig mit Gefängnisstrafen. Für Kritiker des SED-Regimes wie Bernd Eisenfeld, Rainer Kunze oder Hans-Jochen Tschiche wurden die Ereignisse in Prag 1968 zu einem Schlüsselerlebnis auf ihrem Weg in die Opposition.

Kornelia Lobmeier

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

zum Seitenanfang