3/2003

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Titel

 

"Alle wurden kahlgeschoren,
unsere Zellen gekennzeichnet"

Interview mit Herbert Priew

Halle am 17. Juni 1953: Ein junger Student der Agrarwissenschaften ruft Studenten zur Demonstration für Frieden, Freiheit und Einheit auf. Am nächsten Tag wird Herbert Priew - von einem Kommilitonen denunziert - verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Sühnemaßnahmen in den Strafvollzugsanstalten Waldheim und im "Roten Ochsen" in Halle verurteilt. Nach seiner Entlassung und der Flucht nach West-Berlin 1955 beendet er sein Studium in Stuttgart-Hohenheim. Bis 1993 war er im Bundeslandwirtschaftsministerium in Bonn als Ministerialdirigent tätig. Dort wurde sein Dienstapparat noch 1988 von der Stasi abgehört.

Als "Rädelsführer" 1953 verurteilt: Herbert Priew auf dem Hallmarkt, 2001

mm Herr Priew, wie erlebten Sie den 17. Juni 1953?

Priew Ich schloss mich wie viele andere Bürger aus Halle spontan den demonstrierenden Arbeitern der Waggonfabrik Ammendorf an. Mit Kommilitonen zusammen nutzte ich am Reileck einen Verkehrslautsprecher, um zur abendlichen Kundgebung auf dem Hallmarkt aufzurufen. Ich tat dies mit den Worten: "Deutsche Männer, deutsche Frauen, wir demonstrieren heute Abend um 18 Uhr auf dem Hallmarkt für Frieden, Einheit und Freiheit. Erscheint in Massen, verhaltet Euch diszipliniert, denn nur so können wir etwas erreichen. Einheit macht stark." Abends war ich dann auf dem Hallmarkt mit rund 60.000 Teilnehmern.

mm Welche Stimmung herrschte in der Bevölkerung vor dem 17. Juni?

Priew Die Stimmung damals kann man am besten mit einem Kochtopf vergleichen, der unter Feuer steht und dessen Deckel mit Gewalt zugehalten wird.

mm Wie reagierten Studenten und Professoren auf die Aufstände?

Priew Durch Semesterende und Berufspraktika waren nur wenige Studenten in Halle. Uni-Mitarbeiter und Wissenschaftler verhielten sich überwiegend abwartend. Der Rektor der Uni, Professor Stern, brüstete sich Ende 1953 damit, dass er gegen die faschistischen Elemente an seiner Uni vorgegangen sei. Dem gegenüber versuchten besonders die Professoren der Landwirtschaftlichen Fakultät, uns mit großem Mut bis ins Jahr 1954 hinein zu helfen.

mm Wie reagierte die SED auf die Forderungen?

Priew Die Partei war am 17. Juni sichtbar hilflos und in Deckung gegangen. Die dann folgende Reaktion unter sowjetischem Beistand verspürte ich am 18. Juni früh morgens, als mich der Staatssicherheitsdienst verhaftete.

mm Wie wurde Ihre Festnahme begründet?

Priew Eine Begründung gab es nicht. Man fragte mich nach meinem Namen, nahm mich in Griff, transportierte mich fliegend in das bereitstehende Auto, das nach Zeugenaussagen mit einem Rot-Kreuz-Emblem gekennzeichnet war.

mm Wie reagierten Ihre Eltern auf Ihre Verhaftung?

Priew Erst nach vierzehn Tagen erhielten meine Eltern eine Benachrichtigung, ohne Ortsangabe, ohne Begründung. Der Kontakt zu mir wurde über Monate verweigert. Mein Vater, Volljurist, entwarf für den Pflichtverteidiger, der am ersten Prozesstag erschien und fragte: "Worum geht es?", weitestgehend die Schriftsätze. Es kostete ihn letztlich seinen Arbeitsplatz als Justiziar beim Konsum in Bernburg.

mm Ihre Haft dauerte zwei Jahre. Wie wurden Sie in den Strafanstalten Waldheim und im "Roten Ochsen" in Halle behandelt?

Priew Verurteilt wurde ich zu zwei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Sühnemaßnahmen nach der Kontrollratsdirektive 38, die ursprünglich für NS-Verbrecher bestimmt war. Das Urteil wurde uns nie ausgehändigt. Die Zustände in den Strafvollzugsanstalten waren menschenunwürdig. In Halle kam ich gleich in den allgemeinen Vollzug. Am 23.3.1954 ging ich "auf Transport" und kam in die Strafvollzugsanstalt Waldheim, Sachsen. Ein Spalier von Polizisten mit Gummiknüppeln trieb die Verurteilten des 17. Juni in die Anstaltskirche. Dort beschimpfte uns brüllend der Anstaltsleiter: "Ihr seid die größten Schweine der Welt. Ihr wolltet einen dritten Weltkrieg anzetteln. Nun werdet Ihr entsprechend behandelt." Alle wurden kahlgeschoren, unsere Zellen mit einer weißen Scheibe gekennzeichnet. Zellengröße war vier auf zweieinhalb Meter. Zelleninhalt: sechs Mann, zwei Doppelstockbetten, zwei Strohsäcke, eine Waschschüssel, ein Wasser- und ein Schmutzwassereimer, eine kleine Karbidtonne für die Notdurft und ein Klapptisch. Erst hatten wir Arbeitsverbot, dann "durften" die "Siebzehner" Fellabfälle für die Filzproduktion bearbeiten. Lohn: 0,30 Mark je Schicht. Alle vier Wochen durften unter scharfer Bewachung zwanzig Bleistiftzeilen an Angehörige geschrieben werden. Diese kamen nicht immer an oder Teile davon wurden ausradiert.

Eine kurze Nachricht zu einer langen Haft nach Wochen der Ungewissheit

mm Welche Bedeutung hat der 17. Juni heute für Sie?

Priew Ich beteiligte mich aus Überzeugung am Volksaufstand gegen diese Diktatur. Im Vernehmungsprotokoll steht: "....ich war für eine gut organisierte Demonstration, welche den Zweck hatte, die Regierung auf die Forderungen des Volkes aufmerksam zu machen." Für mich steht er in der Tradition der deutschen Freiheitsbewegungen - schon mein Ur-Urgroßvater mütterlicherseits, Christian Bansa, wurde wegen Teilnahme an revolutionären Umtrieben beim Hambacher Fest und Fluchtbegünstigung politischer Flüchtlinge nach mehrmaliger Verhaftung am 5.11.1838 in Gießen zu vier Wochen Arrest verurteilt.

mm Der 17. Juni scheint in Vergessenheit zu geraten. Fand eine Aufarbeitung der Ereignisse seit der Wiedervereinigung statt?

Priew Die Chance, den 17. Juni bei offenen DDR-Archiven zusammen mit Zeitzeugen aufzuarbeiten, wurde nicht ausreichend genutzt. Es fehlt die intensive Aufarbeitung des Geschehens in kleinen Orten. Dadurch wäre auch die leidige Diskussion Arbeiter- oder Volksaufstand beendet worden. Es war ein Volksaufstand! Außerdem fehlt eine Aufarbeitung seitens der PDS darüber, wie die SED-Oberen den 17. Juni zu innerparteilichen Säuberungen nutzten.

Interview:
Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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