3/2003

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Titel

 

"Ich tat es, um meinem Mann zu helfen"

Interview mit Edith Walther

Edith Walther, 1925 geboren, floh mit ihren Eltern 1945 aus Ostpreußen nach Döbeln in Sachsen. Dort arbeitete sie als Volksschullehrerin. Ihr Mann wurde 1949 auf Grund seiner Parteizugehörigkeit zur LDPD inhaftiert und erst 1954 wieder aus dem Gefängnis in Bautzen entlassen. Während dieser Zeit führte Frau Walther Tagebuch. Darin beschreibt sie die Zustände in der damaligen DDR, aber auch private Hoffnungen und Nöte. Am 17. Juni 1953 trägt sie die bange Frage ein: "Wird nun doch die Rettung kommen?" Im Sommer 1954 floh sie mit ihrem Mann nach West-Berlin.

Edith Walter bei der Eröffnung der Wanderausstellung "Widerstand und Opposition in der DDR" in Hamburg

mm Frau Walther, mit welchen Repressionen von Seiten des DDR-Staates mussten Sie kämpfen, während Ihr Mann in Bautzen inhaftiert war?

Walther Eigentlich mit keinen. Ich hatte Glück. Eine Schulrätin, die Kommunistin war, schützte mich. Deshalb verlor ich auch nicht meinen Arbeitsplatz, obwohl das vielen passierte, deren Angehörige verhaftet wurden. Jedoch wurde ich ständig kontrolliert und beobachtet. Die Pionierleiterin an der Schule schrieb regelmäßig Dossiers über mich und meine Briefe wurden gelesen.

mm Wie erlebten Sie den 17. Juni 1953?

Walther Ich hörte RIAS Berlin und erfuhr von den dortigen Aufständen. Ich sprach mit meinen Eltern und mit Freunden über das Geschehen. Doch überall musste man befürchten, dass Spitzel der SED mithörten. Der so genannte deutsche Blick: Rechts und links gucken, ob niemand zuhört, war allgegenwärtig.

mm Welche Stimmung herrschte unter der Bevölkerung in Döbeln?

Walther In Döbeln wurde nicht demonstriert. Russische Kasernen lagen direkt am Stadtrand. Schließlich fuhren am Achtzehnten auch in Döbeln russische Panzer durch die Straßen, um die Einwohner einzuschüchtern. Es durften damals nicht mehr als zwei Menschen zusammenstehen, sonst wurde Konspiration befürchtet.

mm Gab es nach dem 17. Juni Erleichterungen im Alltag?

Walther Vieles wurde zunächst erlaubt und dann wieder nicht. Der Staat war nach dem 17. Juni total verunsichert. Ich wurde aufgefordert, mich gesellschaftlich zu engagieren, das würde auch meinem Mann helfen. Ich sollte in die "Deutsch-Sowjetische-Freundschaft" eintreten. Zu meinem Schulleiter sagte ich, wie kann ich da eintreten, wenn mein Mann von den Sowjets verhaftet wurde, das glaubt mir doch niemand. Letztlich bin ich eingetreten. Ich tat es, um meinem Mann zu helfen - und auch meiner Schule. Denn diese bekam Lehrmittel, wenn das gesamte Kollegium in der "Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft" war.

mm Sie bezeichnen in Ihrem Tagebuch die SED-Funktionäre immer wieder als Lumpen, Verbrecher oder Bonzen. Wie erlebten Sie die juristische Aufarbeitung der DDR-Geschichte nach 1989?

Walther Der Rechtsstaat der Bundesrepublik hatte nicht genügend Beweise. Und so wurden etliche SED-Apparatschiks wie Schnitzler, Mielke, Wolf oder Schalck-Golodkowski und viele andere Genossen auch kaum belangt. Aber wer will das Unrecht denn überhaupt aufarbeiten? Es liegt doch in der menschlichen Natur, das Unangenehme möglichst schnell zu vergessen. Es hätte vielleicht ein politisches Forum geben sollen, auf dem das Unrecht in der DDR-Diktatur aufgearbeitet wird. Aber es war genauso wie nach Fünfundvierzig: Man wollte die Vergangenheit schnell vergessen.

Das Tagebuch ist Exponat der Wanderausstellung.

Interview:
Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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