3/2003

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Titel

 

Zwischen Arbeiteraufstand und
Revolution

Der 17. Juni in der Geschichtsschreibung

Arbeiter- oder Volksaufstand, Revolution oder nur konterrevolutionäres Ereignis - bei der Klassifizierung und Deutung des 17. Juni 1953 kamen Historiker in Ost und West zu unterschiedlichen Ergebnissen. Heute, nach Öffnung der Archive, billigt die Forschung dem 17. Juni den Rang einer Revolution zu.

In der DDR wurde der 17. Juni 1953 in der Regel nur am Rande von Gesamtdarstellungen als konterrevolutionäres Ereignis erwähnt. Anders in der Bundesrepublik: Bereits 1953 gab es erste persönlich geprägte Schilderungen neben packend geschriebenen Arbeiten von Journalisten und in den Folgejahren die Publikationen des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen.

Nach einer ersten umfassenden Darstellung von Stefan Brant aus dem Jahr 1954 handelte es sich um eine Revolution ohne Utopie, geprägt von der Idee der Freiheit - stellvertretend für ganz Deutschland. 1965 legte Arnulf Baring eine Analyse der Ursachen und Ereignisse des Aufstands vor, die für lange Zeit Maßstäbe setzt, die revolutionären Aktionen aber auf einen Arbeiteraufstand beschränkt. Karl Wilhelm Fricke folgte anfänglich dieser These, gab jedoch zusammen mit Ilse Spittmann 1982 einen Sammelband heraus, der von einem Volksaufstand für Freiheit und Demokratie ausgeht.

Nach 1989 / 90 sorgen Freiheit der Wissenschaft und freier Quellenzugang für neue Arbeitsbedingungen. Trotzdem halten ehemals linientreue SED-Historiker an der These des "Arbeiteraufstands" fest, deren Widerlegung Torsten Diedrich durch die Auswertung der Akten von Volkspolizei und DDR-Innenministerium gelingt. Manfred Hagen verknüpft 1992 den damaligen Wissensstand über die erste Volkserhebung im Stalinismus mit zuvor nicht möglichen Zeitzeugenaussagen und wertet ehemals unzugängliche Archive sowie Filme, Fotos und Tondokumente aus. Er - wie auch Gerhard Baier - kommen zu dem Schluss, es habe sich 1953 um einen Volksaufstand bzw. eine Volkserhebung gehandelt.

Eine Revolution, geprägt von der Idee der Freiheit: Stefan Brants Darstellung der Ereignisse aus dem Jahr 1954.

Arnulf Baring billigt dem 17. Juni lediglich den Rang eines Arbeiteraufstandes zu.

Festzuhalten ist, dass sich grundlegende Thesen der bundesdeutschen Geschichtsforschung nach der Öffnung der Archive bestätigt haben. Besonders innovativ war der Ansatz von Armin Mitter, Ilko-Sascha Kowalczuk und Stefan Wolle, den 17. Juni 1953 als "innere Staatsgründung der DDR" zu interpretieren und den Ereignissen den Rang einer Revolution zuzubilligen. Der 50. Jahrestag des Aufstands ist von vielen Ausstellungen, Schülerwettbewerben, politischen Aktionen und Publikationen geprägt. Am Ende des Jahres 2003 wird das Ereignis zu den am besten erforschten in der deutschen Geschichte zählen.

Rainer Eckert

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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