|
|
 |
|
|
Brennpunkt |
 |
 |
|
|
 |
Mokick
und Blumen als Willkommensgruß
|
 |
 |
1964: Medienrummel um millionsten Gastarbeiter |
|
Das Mokick von Armando Rodrigues de Sá ist als Symbol für
Wirtschaftswachstum untrennbar mit der deutschen
Geschichte verbunden. Nach langwierigen
Recherchen
konnte das
Haus der Geschichte dieses aussagekräftige
Exponat in die Dauerausstellung übernehmen.
Damit hat der unauffällige Mann, der in den leicht verschlissenen
blauen Hosen und dem braunen Jackett den Zug am
Kölner Hauptbahnhof
verlässt, nicht gerechnet.
Plötzlich hört er seinen Namen aus den Bahnhofslautsprechern: "Armando
Rodrigues de Sá". Ihm gilt der Trubel, die Festreden, die
wehenden Fahnen, die großen Transparente, die lauten Trompetenklänge,
das Blitzlichtgewitter, die surrenden Wochenschaukameras und der Applaus.
|
 |
Das Zündapp-Mokick Sport Combinette in
der Dauerausstellung |
|
Denn Armando Rodrigues de Sá aus Portugal
ist der millionste Gastarbeiter, der am 10. September
1964 auf Einladung der Bundesregierung
nach Deutschland kommt, um hier zu arbeiten. Schon Anfang
der 1950er Jahre geht von der
Regierung Adenauer der Impuls aus, ausländische Arbeitnehmer ins
Land zu holen, um den Arbeitskräftemangel zu decken. Zu diesem
Zeitpunkt gibt es zwar in der Bundesrepublik insgesamt
noch über
eine Million Arbeitslose, in einigen Branchen ist ein
Mangel jedoch bereits abzusehen. Der Protest in Teilen
der Gesellschaft macht hingegen
deutlich, dass Gastarbeiter erst bei Vollbeschäftigung akzeptiert
würden.
Dennoch wird 1955 ein Abkommen über die Abwerbung italienischer
Arbeitskräfte
geschlossen. Ende der 1950er Jahre wächst
die Anzahl der offenen Stellen dramatisch an. Über eine halbe Million
freie Stellen werden 1960 den Arbeitsämtern gemeldet. Die Gründe
dafür sind vielfältig: Das einheimische Kräftepotential
ist ausgeschöpft, die geburtenschwachen Nachkriegsjahrgänge
treten ins Erwerbsleben ein, die Ausbildungsdauer verlängert sich,
die Arbeitszeit wird verkürzt, das Eintrittsalter in den Ruhestand
sinkt. Bundesregierung, Parteien und Gewerkschaften sind
sich einig: Ein weiteres Wachstum der Wirtschaft ist nur durch die Beschäftigung
von ausländischen Arbeitnehmern sicherzustellen. Und so werden in
den folgenden Jahren Anwerbeabkommen mit weiteren Staaten abgeschlossen:
1960 mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1963 mit
Marokko, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und 1968 mit Jugoslawien.
Weitere Vorteile neben der Arbeitskraft waren für die Bundesregierung,
dass die ausländischen wie die deutschen Arbeitnehmer Lohnsteuer
und Sozialbeiträge abführen, Sozial- leistungen jedoch -
noch - wesentlich seltener in Anspruch nehmen. Außerdem dämpft
die hohe Sparquote der Gastarbeiter die Konsumgüternachfrage und
hält damit die Preise stabil.
|
|
Die Unterbringung der Gastarbeiter ist sehr einfach. Die Unternehmen
errichten aus Kostengründen zunächst häufig "Wohnheime" auf
dem eigenen Betriebsgelände. Die Zimmer sind mit mehreren Arbeitern
belegt und oft sind die Heime als Teil des Firmengeländes von
der Außenwelt geradezu abgeschottet. Den Gastarbeitern ist diese
günstige Art der Unterkunft durchaus willkommen, da sie dadurch
mehr Geld sparen und in die Heimat schicken können. Armando Rodrigues
de Sá bekommt als Willkommensgeschenk ein Zündapp-Mokick
Sport Combinette und einen Strauß Blumen geschenkt. Damit reist
er noch am selben Tag weiter zu seinem neuen Arbeitgeber, der Baufirma
Gustav Epple in Stuttgart. Danach verliert sich zunächst seine
Spur. Erst 1999 macht ein Mitarbeiter des Hauses der Geschichte nach
langer Suche die Familie des 1979 verstorbenen Armando Rodrigues de
Sá ausfindig. Das Mokick steht mit deutlichen Gebrauchsspuren
verstaubt neben allerlei Gartengeräten in einer Garage und macht
sich wenige Tage später auf die letzte Reise - Ziel: Haus
der Geschichte in Bonn.
Meike Rosenplänter
|
|
"Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland und die
Regierung der Portugiesischen Republik sind von dem Wunsch
geleitet, die Beziehungen zwischen ihren
Völkern
im Geiste europäischer Solidarität
zu beider seitigem Nutzen zu vertiefen und enger zu gestalten
sowie die zwischen ihnen bestehenden Bande
der Freundschaft zu festigen, im Hinblick darauf,
daß es
im beiderseitigen Interesse und im Interesse der Wanderarbeitnehmer
liegt, deren Vermittlung
und Beschäftigung
zu regeln, haben die folgende Vereinbarung geschlossen
(...)"
(Präambel
zur Vereinbarung über
die Vermittlung von portugiesischen Arbeitnehmern nach
Deutschland vom 17. März 1964)
|
 |
|
Die Stiftung Haus der Geschichte veröffentlicht zu diesem Ausstellungsobjekt
im Herbst 2004 eine Publikation in seiner Reihe "
Zeitgeschichte(n)": Veit Didzuneit und Hanno Sowade, Zündapp
Sport Combinette. Geschenk für den millionsten
Gastarbeiter, Bonn 2004.
|
|
 |
|
|
 |
|