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"Geschichte
von einem anderen Stern"
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Interview mit Wolfgang Tiefensee |
| Wolfgang Tiefensees (SPD) politische Karriere
begann 1989 am Leipziger "Runden Tisch" für
die Bürgerbewegung "Demokratie jetzt". 2002 lehnte er
ein Amt als Bundesminister ab und ließ sich 2004 nicht als
Spitzenkandidat für die
sächsischen
Landtagswahlen aufstellen. Sein Platz sei in Leipzig.
Tiefensee ist dort seit 1998
Oberbürgermeister.
Er holte Milliardeninvestitionen durch die Autobauer
BMW und Porsche in die Messestadt, geriet
aber bei der missglückten Olympia-Bewerbung auch in die Kritik.
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mm Herr Tiefensee, das Zeitgeschichtliche Forum erinnert an die Geschichte
von Diktatur, Widerstand und Zivilcourage in der
DDR. Wie wichtig ist die Beschäftigung
mit der eigenen Geschichte?
Tiefensee Wir können Geschichte nicht
in einem Aktenordner abstellen oder wie einen Mantel
an die Garderobe hängen. Wir müssen
uns mit ihr auseinandersetzen und fragen, was die
Ergebnisse der Auseinandersetzung
für die
Zukunft bedeuten. Es ist unverzichtbar, sich mit
Geschichte zu beschäftigen.
Das betrifft sowohl die wissenschaftliche Seite als
auch den Umgang mit der eigenen Biografie.
mm Sie waren Stadtrat für Jugend, Schule und Sport und haben selbst
Kinder. Welche Rolle spielt Ihren Erfahrungen nach
die ehemalige Teilung Deutschlands
heute
noch
für junge Deutsche?
Tiefensee Meine Erfahrung ist, dass junge Menschen - in Ost wie
West - oft glauben, dass
die jetzigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
vom Himmel gefallen seien. Für junge Leute, die die Ereignisse
nicht miterlebt haben, ist das wie eine Geschichte
von einem anderen Stern.
Um so erfreulicher, dass
sich viele Jugendliche dennoch mit dieser
Zeit
auseinander setzen.
mm Leipzig ist zu einem Synonym für die friedliche Revolution
1989 geworden. Welche Bedeutung haben diese Ereignisse heute noch für
die Stadt?
Tiefensee Für uns in Leipzig sind die Tage um den
9. Oktober in jedem Jahr die Zeit zum Innehalten,
aber auch zur Auseinandersetzung.
Dass die Feierlichkeiten an jene ereignisreichen
Tage von der Bevölkerung
noch immer so stark getragen werden, ist für mich ein Indiz, dass
sie unvermindert wach im Gedächtnis
sind und die Menschen daraus Kraft schöpfen. Die Leipziger wissen,
dass man das Gemeinwesen selbst mitgestalten muss.
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mm Sie begleiteten und gestalteten am "Runden Tisch" und
später als Oberbürgermeister
die Zeit der friedlichen Revolution mit. Wie hat
sich die Stadt Leipzig seit 1989 verändert?
Tiefensee Sie brauchen nur durch die Straßen zu gehen, um die äußerlichen
Veränderungen
zu sehen. Auch das Image der Stadt hat sich gewandelt.
Leipzig ist weltoffen und international geworden.
Trotz aller Probleme bescheinigen viele
Umfragen und meine eigenen Erfahrungen, dass die
Leipziger ein
Völkchen sind, das
die Ärmel hochkrempelt.
Sie versuchen, die Herausforderung aktiv anzunehmen
und Zeitfenster zu nutzen. Vielleicht hat das seinen
Ursprung
im Jahr 1989.
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mm Es gibt in Leipzig nach wie vor die Tradition der
Montags-Demonstrationen, die in letzter Zeit wieder verstärkt
in den Medien präsent
waren. Wie stehen Sie dazu, dass die Montags-Demonstrationen
mittlerweile für
Themen wie den Protest gegen Hartz IV genutzt werden?
Tiefensee Das Ritual der Montags-Demonstration wurde
schon Ende der 1990er Jahre für das Thema Arbeitslosigkeit
genutzt. Insofern habe ich kein Problem damit. Problematisch
finde ich nur, eine direkte Parallele
zwischen den Adressaten von heute und den Adressaten
von 1989
zu ziehen. Während
1989 um die demokratischen Grundrechte gekämpft wurde,
kämpft man jetzt auf der Grundlage
der demokratischen Rechte.
mm Was halten Sie davon, dass dabei wie 1989 "Wir sind das Volk" skandiert
wird?
Tiefensee Wer sagt, "Wir sind das Volk", der muss sich gefallen
lassen, dass jemand mit einer anderen Meinung sagt "Ich bin auch
das Volk".
Die Stimmen auf der Straße
müssen Beachtung finden,
aber es gibt eine repräsentative parlamentarische
Demokratie mit dem Auftrag, Volkes Willen zu vertreten.
mm Goethe lässt in Faust in der Szene in Auerbachs Keller einen Gesellen
sagen: "Mein Leipzig lob ich
mir! Es ist ein Klein-Paris und bildet seine Leute." Was würde
Goethe heute über Leipzig
schreiben?
Tiefensee Er würde vielleicht nichts anderes schreiben und Leipzig in
seiner Lebendigkeit mit anderen europäischen Städten
vergleichen. Aber er würde sicher auch seine Traurigkeit
darüber zum Ausdruck bringen,
dass lange Zeit städtische Entwicklung
nur eingeschränkt möglich
war. Wir müssen versuchen,
wieder an die Größe
Leipzigs anzuknüpfen, die es zu Goethes
Zeiten hatte. Dabei sollten wir die Vergangenheit nicht aus
dem Blick verlieren.
Interview: Livia Loosen
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