3/2004

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 Haus der Geschichte, Bonn

 Zeitgeschichtliches Forum
 Leipzig

 

Titel

 

"Geschichte von einem anderen Stern"

Interview mit Wolfgang Tiefensee

Wolfgang Tiefensees (SPD) politische Karriere begann 1989 am Leipziger "Runden Tisch" für die Bürgerbewegung "Demokratie jetzt". 2002 lehnte er ein Amt als Bundesminister ab und ließ sich 2004 nicht als Spitzenkandidat für die sächsischen Landtagswahlen aufstellen. Sein Platz sei in Leipzig. Tiefensee ist dort seit 1998 Oberbürgermeister. Er holte Milliardeninvestitionen durch die Autobauer BMW und Porsche in die Messestadt, geriet aber bei der missglückten Olympia-Bewerbung auch in die Kritik.

 

mm Herr Tiefensee, das Zeitgeschichtliche Forum erinnert an die Geschichte von Diktatur, Widerstand und Zivilcourage in der DDR. Wie wichtig ist die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte?

Tiefensee Wir können Geschichte nicht in einem Aktenordner abstellen oder wie einen Mantel an die Garderobe hängen. Wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen und fragen, was die Ergebnisse der Auseinandersetzung für die Zukunft bedeuten. Es ist unverzichtbar, sich mit Geschichte zu beschäftigen. Das betrifft sowohl die wissenschaftliche Seite als auch den Umgang mit der eigenen Biografie.

mm Sie waren Stadtrat für Jugend, Schule und Sport und haben selbst Kinder. Welche Rolle spielt Ihren Erfahrungen nach die ehemalige Teilung Deutschlands heute noch für junge Deutsche?

Tiefensee Meine Erfahrung ist, dass junge Menschen - in Ost wie West - oft glauben, dass die jetzigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vom Himmel gefallen seien. Für junge Leute, die die Ereignisse nicht miterlebt haben, ist das wie eine Geschichte von einem anderen Stern. Um so erfreulicher, dass sich viele Jugendliche dennoch mit dieser Zeit auseinander setzen.

mm Leipzig ist zu einem Synonym für die friedliche Revolution 1989 geworden. Welche Bedeutung haben diese Ereignisse heute noch für die Stadt?

Tiefensee Für uns in Leipzig sind die Tage um den 9. Oktober in jedem Jahr die Zeit zum Innehalten, aber auch zur Auseinandersetzung. Dass die Feierlichkeiten an jene ereignisreichen Tage von der Bevölkerung noch immer so stark getragen werden, ist für mich ein Indiz, dass sie unvermindert wach im Gedächtnis sind und die Menschen daraus Kraft schöpfen. Die Leipziger wissen, dass man das Gemeinwesen selbst mitgestalten muss.

mm Sie begleiteten und gestalteten am "Runden Tisch" und später als Oberbürgermeister die Zeit der friedlichen Revolution mit. Wie hat sich die Stadt Leipzig seit 1989 verändert?

Tiefensee Sie brauchen nur durch die Straßen zu gehen, um die äußerlichen Veränderungen zu sehen. Auch das Image der Stadt hat sich gewandelt. Leipzig ist weltoffen und international geworden. Trotz aller Probleme bescheinigen viele Umfragen und meine eigenen Erfahrungen, dass die Leipziger ein Völkchen sind, das die Ärmel hochkrempelt. Sie versuchen, die Herausforderung aktiv anzunehmen und Zeitfenster zu nutzen. Vielleicht hat das seinen Ursprung im Jahr 1989.

 

mm Es gibt in Leipzig nach wie vor die Tradition der Montags-Demonstrationen, die in letzter Zeit wieder verstärkt in den Medien präsent waren. Wie stehen Sie dazu, dass die Montags-Demonstrationen mittlerweile für Themen wie den Protest gegen Hartz IV genutzt werden?

Tiefensee Das Ritual der Montags-Demonstration wurde schon Ende der 1990er Jahre für das Thema Arbeitslosigkeit genutzt. Insofern habe ich kein Problem damit. Problematisch finde ich nur, eine direkte Parallele zwischen den Adressaten von heute und den Adressaten von 1989 zu ziehen. Während 1989 um die demokratischen Grundrechte gekämpft wurde, kämpft man jetzt auf der Grundlage der demokratischen Rechte.

mm Was halten Sie davon, dass dabei wie 1989 "Wir sind das Volk" skandiert wird?

Tiefensee Wer sagt, "Wir sind das Volk", der muss sich gefallen lassen, dass jemand mit einer anderen Meinung sagt "Ich bin auch das Volk". Die Stimmen auf der Straße müssen Beachtung finden, aber es gibt eine repräsentative parlamentarische Demokratie mit dem Auftrag, Volkes Willen zu vertreten.

mm Goethe lässt in Faust in der Szene in Auerbachs Keller einen Gesellen sagen: "Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein Klein-Paris und bildet seine Leute." Was würde Goethe heute über Leipzig schreiben?

Tiefensee Er würde vielleicht nichts anderes schreiben und Leipzig in seiner Lebendigkeit mit anderen europäischen Städten vergleichen. Aber er würde sicher auch seine Traurigkeit darüber zum Ausdruck bringen, dass lange Zeit städtische Entwicklung nur eingeschränkt möglich war. Wir müssen versuchen, wieder an die Größe Leipzigs anzuknüpfen, die es zu Goethes Zeiten hatte. Dabei sollten wir die Vergangenheit nicht aus dem Blick verlieren.

Interview: Livia Loosen

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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