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Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

 

Ziemlich leise

Günter Kunert über Karikaturen in der DDR

Am 21. April 2005 eröffnete Günter Kunert die Wechselausstellung "Unterm Strich" im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig mit einer Rede, in der äußerst anschaulich aufgezeigt wurde, wie schnell Karikaturisten an die Grenzen des Erlaubten stießen.

Günter Kunert bei seiner Eröffnungsrede

Hurra, Humor ist eingeplant - tönte einst eine Parole durch die DDR landauf, landab. Aber wie mit aller sonstigen Planung wollte es auch mit dem Humor nicht so recht klappen. Eher dominierte der unfreiwillige Humor, von dem mancher Anekdotisches zu berichten wusste. Die Karikatur, aus dem italienischen "caricare" abgeleitet, gehörte weniger in den Bereich des Humors als in den der Satire. Doch mit Satire tat sich die DDR besonders schwer. Ich erinnere mich an Instruktionen, die allen Ernstes verlangten, nicht das Typische, etwa der Funktionäre, sei "aufzuspießen", sondern mit Hausnummer und Adresse des Einzelnen Versagen. Der Typ als solcher war tabu. Unvergesslich eine Versammlung des Schriftstellerverbandes, da Jurek Becker aufstand und die Referentin, eine Staatsanwältin, fragte, warum man für einen politischen Witz eingesperrt werde. Da hielt die Welt den Atem an. Bis die Staatsanwältin etwas verstimmt erklärte: Niemand werde wegen eines politischen Witzes eingesperrt, sondern nur wegen Staatsverleumdung. Man sah, Jurek Becker war das Lachen vergangen.

An drei satirischen Zeitschriften habe ich mitgearbeitet: Beim "Ulenspiegel", ein Blatt mit Niveau, beim "Frischen Wind", ein Blatt ohne Niveau, und beim "Eulenspiegel", dessen Anspruch höher als sein wirkliches Niveau gewesen ist. Welch Unterschied bei den Redaktionssitzungen! Im "Ulenspiegel" war Herbert Sandberg der Pater inter pares, stets zu einem Witz aufgelegt, von einer unzeitgemäßen Vergnügtheit. Ich schrieb kleine Glossen, zeichnete kleine Bilder, galt jedoch als in den illustren Kreis integriert. Das Ende, das Verbot des Blattes kam aus der Ecke der regierenden Dogmatiker, denen jeder Humor, jedes Verständnis für Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung fehlte. Parteibeamte mit einem Wort. Im Jahr 1948 klebten an jeder Litfaßsäule grafisch glänzend gemachte Plakate, die vor Geschlechtskrankheiten, der damaligen Epidemie, warnten. Auf einem dieser "Poster" saß ein Pärchen unter der drohenden Frage: "Kennt ihr euch überhaupt…?" Sandberg, der relative Freigeist und durch zwölf Jahre KZ sich für gesichert haltend, druckte besagtes Pärchen, ersetzte aber ihre Köpfe durch die von Wilhelm Pieck und Kurt Schumacher, dem SPD-Vorsitzenden - ein unbeabsichtigter Selbstmord, Freund und Feind derart, noch dazu in Verbindung zu gefahrvollem Sex, zusammenzubringen. Die Folgen konnte man sich ohne Taschenrechner ausrechnen. 1950 verschwand der "Ulenspiegel" aus der Presselandschaft. Manche Mitarbeiter wohnten ohnehin in Westberlin und waren nimmermehr gesehen. Einen Zeichner hatte es schon vorher besonders hart getroffen: Karl Holtz, seit den zwanziger Jahren als Illustrator und Mitarbeiter des sozialdemokratischen "Wahren Jakob" bekannt, veröffentlichte 1949 in der Schweiz eine Zeichnung, auf der Stalin als Friedensengel kostümiert wurde. Der alte Karl Holtz wurde verhaftet und vor ein sowjetisches Militärgericht gestellt, das ihn zu 25 Jahren Gefängnis verurteilte: Ab nach Bautzen! Ein Fall, der nicht gerade zur Heiterkeit anregte.

Nach dem lautlosen Begräbnis des "Ulenspiegel" arbeitete ich für den "Frischen Wind", der, was einen Teil der Karikaturen betraf, so frisch gar nicht war, weil Zeichner der Hitler-Ära wie Barlog und Friese mit von der trostlosen Partie waren. Hingegen überstiegen andere "Amüsements" den jeweiligen Blattinhalt. Der Redakteur Alf Scorell, Gott habe ihn selig, liebte es zu demonstrieren, dass man eine Flasche Bier ohne abzusetzen und ohne zu schlucken austrinken könne. Eines Tages erhielt er einen Konkurrenten. Der Schriftsteller Fred Denger, der sich materiell im Westen nicht mehr halten konnte, trat in die DDR über und wurde Mitbewerber in Scorells Trinksalon. Denger heiratete, bevor er die DDR wieder fluchtartig verließ, noch rasch die Tochter des Stalin-Allee-Architekten Henselmann - freilich war das nicht seine letzte Gattin. Die BILD-Zeitung ehrte ihn mit einem Titelblatt, nachdem er zum elften Male Hochzeit gefeiert hatte. Man merkt, das so genannt Menschliche war komischer als die Zeitschrift.

Nach dem Untergang des "Ulenspiegel" gelang es dem ehrgeizigen Chef des "Frischen Windes", den "Eulenspiegel" ins Leben zu rufen. Ein neuer Besen, der zwar kehrte, doch nicht allzu gut. Auch bei diesem Blatt wurden die wahren Witze in der Kneipe verbreitet. Wie man mit Abweichlern umging, zeigt das Schicksal des Chefredakteurs Heinz Schmidt. Er ließ sich 1957 in der Sylvesternummer einer Illustrierten abbilden und hielt eine Skizze, Walter Ulbricht darstellend, in der Hand, dazu die Unterschrift O-Ton-Schmidt: "Wie vieles sich beim Aufräumen des Schreibtisches selber erledige …" Die fernere Karriere von Schmidt muss nicht erläutert werden. Er ist noch einmal davongekommen, ein alter Genosse, abgeschoben auf einen bedeutungslosen Posten.

Erinnern wir uns: Jeden Montag fand im "Großen Haus", im ZK die Vergatterung der Chefredakteure statt. Hier wurde ihnen die Linie vorgegeben, hier wurden sie entweder gelobt oder gescholten - eine ideologische Klippschule besonderer Art. Was Wunder, dass die Umstände, der Kalte Krieg, Beteiligte wie Unbeteiligte psychisch schädigte. Die Einseitigkeit der "Kriegsführung", volle Ladung gegen den Feind, das eigene Lager schonen, keinen Anlass zu interner Kritik geben, brachte wahrlich keine Meisterwerke hervor. Vorsichtige Regungen wurden im Keime erstickt. Alle hatten sich, bis auf einige arrangiert, und zitierten ihren Brecht, wenn auch mit einer Variante: Wird in den finsteren Zeiten auch gesungen werden? Ja, da wird auch gesungen werden - aber ziemlich leise!

Günter Kunert

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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