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Heimat und Exil

Neue Wechselausstellung in Berlin, Bonn und Leipzig

Mehr als zweihunderttausend Juden fliehen zwischen 1933 und 1945 vor dem nationalsozialistischen Terror und finden Zuflucht in aller Welt. Ihre Odyssee führt sie in über 80 Länder auf fünf Kontinenten.

Wolfgang Strassmann, emeritierter Professor für Wirtschaft aus Michigan/USA, ist 80 Jahre alt. Trotz seines hohen Alters reist Strassmann durch deutsche Buchhandlungen und liest aus seinem Buch. Der Titel seines Buches: "Die Strassmanns: Schicksale einer deutsch-jüdischen Familie über zwei Jahrhunderte".

Hafenarbeiter verladen 1938 in Hamburg das Hab und Gut jüdischer Familien.

Geboren wird Strassmann 1926 in Berlin. Die Klinik, in der er das Licht der Welt erblickt, gehört seinem Großvater Paul Straßmann. Dessen Name wird damals noch mit "ß" geschrieben - der Name Straßmann ist noch nicht amerikanisiert. Seine Eltern emigrieren mit der Familie 1937 in die USA und entgehen dadurch der Vertreibung oder der späteren Deportation in die Todeslager. Paul Straßmann, der Großvater, hat diese Entscheidung so nicht mitgetragen. Die Emigration kommt für ihn, den deutsch-nationalen Berliner jüdischen Glaubens, nicht in Frage.

Die Geschichte von Wolfgang Strassmann ist eine von Hunderttausenden. Er und seine Eltern gehören zu den mehr als 200.000 Menschen jüdischen Glaubens, die Deutschland zwischen 1933 und 1945 verlassen. Sie fliehen vor dem nationalsozialistischen Terror und finden Zuflucht in aller Welt. Vertreibung und Flucht führen diese Menschen nach wahren Odysseen in über 80 Länder auf fünf Kontinenten, bevor sie sich niederlassen können. Die, die es nicht schaffen, werden ermordet oder überleben im Untergrund.

Flucht ins Nachbarland

Nach 1933 bieten zunächst die unmittelbaren Nachbarländer wie die Tschechoslowakei, Frankreich, Belgien oder die Niederlande Zuflucht. Hier fühlen sich die Emigranten sicher. Viele gehen davon aus, auch bald wieder nach Deutschland zurückkehren zu können, wenn die Gefahr vorüber sei. Als diese Länder später von den deutschen Truppen besetzt werden, zerbricht auch diese Illusion. Man erkennt, dass es hier keine Sicherheit mehr geben kann und sucht nach Alternativen. Länder wie die Schweiz, Großbritannien, auch die USA verhalten sich zunächst außerordentlich reserviert den Hilfesuchenden gegenüber.

"Von der alten Heimat zu der neuen Heimat". Die Zeichnung von Fritz Freudenheim entstand 1938 auf der Überfahrt von Hamburg nach Montevideo.

Erst nach dem Novemberpogrom 1938 ändern zumal die angelsächsischen Länder ihre Haltung. Leben in Großbritannien vor 1938 weniger als 6.000 deutschsprachige Immigranten, so sind es 1945 bereits 65.000. Die britischen Aufnahmekriterien bevorzugen zunächst Berufsgruppen wie Fabrikanten, Geschäftsleute und Wissenschaftler. Mit begrenzten Quoten werden zudem Immigranten für Mangelberufe wie Hausangestellte, Krankenpfleger oder Landarbeiter aufgenommen.

Überseeische Fluchtziele

Erst spät werden süd- und mittelamerikanische Staaten als Fluchtziele verstärkt in Betracht gezogen. Mit Ausnahme Mexikos, dessen Asylpolitik am ehesten von humanitären Motiven bestimmt wird, herrscht in fast allen lateinamerikanischen Ländern eine äußerst restriktive Einwanderungspolitik. Bevorzugt aufgenommen werden Einwanderer, die über technische Kenntnisse, eine landwirtschaftliche Ausbildung oder Kapital verfügen.
Kleinere Staaten wie Kuba oder die Dominikanische Republik bilden regelrechte "Wartesäle" für Immigranten, deren beabsichtigte Einreise in die USA sich verzögerte.

Prominenter Emigrant: Werner Michael Blumenthal, heute Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, auf dem Schiff nach Shanghai

Für viele sind die Vereinigten Staaten von Amerika als westliche Nation mit europäischen Wurzeln und als legendäres "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" das Auswanderungsland schlechthin. Die meisten Immigranten, etwa zwei Drittel der Amerikaflüchtlinge, bleiben in New York in Wohngebieten wie beispielsweise "Washington Heights". Daneben ist Los Angeles, dessen Filmindustrie Regisseuren und Schauspielern wie Billy Wilder, Max Reinhardt, Helmut Käutner, Ernst Deutsch oder Elisabeth Berger Beschäftigungsmöglichkeiten bietet, ein zweites bedeutendes Immigrationszentrum. Aber auch auf dem Lande suchen deutsch-jüdische Flüchtlingsfamilien einen Neuanfang. Mit 120.000 bis 130.000 Immigranten im gesamten Zeitraum von 1933 bis 1945 stehen die USA an der Spitze der Zufluchtsländer. Nach Lateinamerika wandern schwankenden Schätzungen zufolge dagegen nur zwischen 40.000 und 60.000 Juden aus. Palästina bietet insgesamt 70.000 bis 80.000 Flüchtlingen Aufnahme und Zuflucht.

Letzte Zuflucht Shanghai

Ein ungewöhnlicher Zufluchtsort ist Shanghai. Die Hafenstadt ist aber angesichts weltweit geschlossener Grenzen, trotz der schwierigen klimatischen, sozialen und politischen Bedingungen für viele die letzte Chance, aus Deutschland zu entkommen. Die Unterbringung in primitiv ausgestatteten Massenquartieren, mangelhafte Ernährung und unzureichende Hygiene beeinträchtigen den mühsamen Alltag der Neuankömmlinge. In Hawnkef, einem Stadtviertel, in dem sich viele Flüchtlinge aus Deutschland niederlassen, etablieren sich kleinere Geschäfte, Restaurants, Caféhäuser, Hotels und Arztpraxen. Die japanische Besetzung Shanghais 1941 bedeutet eine tiefe Zäsur. Das Viertel darf nur noch mit besonderer Genehmigung betreten oder verlassen werden. Erst nach der japanischen Kapitulation am 2. September 1945 setzt eine allerdings eher stockende Abwanderung vor allem in die Vereinigten Staaten, nach Australien, Kanada, Palästina/Israel und in verschiedene lateinamerikanische Länder ein.

Heimkehr ins "Land der Täter"

Wolfgang Strassmann hat mit seinem Herkunftsland Deutschland nie völlig abgeschlossen. Bereits sieben Jahre nach Kriegsende kehrt er zurück nach Berlin. Seitdem ist er immer wieder an die Stätten seiner Kindheit zurückgekehrt und gräbt in den Erinnerungen. Auf Nachfragen nach seiner Identität antwortet er kurz und bündig: "Ich bin Berliner".

 
 

Jüdische Auswandererfamilien suchen einen wirtschaftlichen Neuanfang: in den Vereinigten Staaten, in Palästina und Mittelamerika.

Nicht alle Emigranten pflegen ein so ungebrochenes Verhältnis zu Deutschland.

Nur wenige deutsch-jüdische Emigranten kehren 1945 oder danach zurück. Deutschland ist nicht mehr Heimat, sondern das "Land der Täter". Die wenigen Aufrufe an die emigrierten Juden doch nach Deutschland zurückzukehren, erreichen viele Betroffene entweder nicht oder stoßen auf empörte Ablehnung. Nur ca. vier bis fünf Prozent der Flüchtlinge sind zur Rückkehr bereit. In einzelnen Berufsgruppen liegt der Prozentsatz allerdings deutlich höher.

Die Fahrt ins Exil ist eine "journey of no return", stellt Carl Zuckmayer in seiner Autobiografie "Als wär's ein Stück von mir" resignierend fest, nachdem er nach Deutschland zurückgekehrt war, um sich 1958 in der Schweiz niederzulassen.

"Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren.

Er mag wiederkehren zu Menschen, die er entbehren musste, zu Stätten, die er liebte und nicht vergaß, in den Bereich der Sprache, die seine eigene ist. Aber er kehrt niemals heim."

Jürgen Reiche

Plakat zu „Der Ruf“ mit Fritz Kortner von 1949. Der Film schildert die Geschichte eines Remigranten, der versucht, im Nachkriegsdeutschland wieder Fuß zu fassen.

 

Wolfgang Strassmann, heute mit seinen Enkelkindern vor der Familiengrabstätte in Berlin

 

"Kauft nicht bei Juden", Fotografie vom 1. April 1933. Wie hier in der Berliner Innenstadt wurden überall jüdische Geschäfte boykottiert.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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