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Irrfahrt für die Propaganda
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Das Schicksal der Passagiere der "St. Louis"
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Mehrere hundert jüdische
Emigranten versuchen 1939
mit einem ehemaligen KdF-Dampfer
nach Kuba und in
die USA auszureisen. Doch
das Schiff muss nach Europa
zurückkehren.
Am 13. Mai 1939 startet das Luxuspassagierschiff
der HAPAG-Reederei MS "St. Louis" aus dem Hamburger Hafen in Richtung Kuba.
Das Deutsche Reich beginnt eine Propagandakampagne
in Szene zu setzen. Die Welt soll
sehen: Deutschland ist ein freies Land. Jeder
kann kommen und gehen, wann und wohin
er will. Sogar mit dem Luxusdampfer werden
Flüchtlinge über den Ozean befördert. Doch
wohin? Niemand will Flüchtlinge aus Deutschland
haben. Oder doch? An Zynismus ist dieser
Vorgang kaum zu überbieten. Dass die "St. Louis" früher für "Kraft durch Freude"-Fahrten genutzt
wurde, zeigt wie perfide die Kampagne
geplant wurde.
An Bord der "St. Louis" befinden sich 906
jüdische Emigranten. Nach Ausgrenzung,
Verfolgung und Überwindung endloser bürokratischer
Hindernisse haben sie sich zu dem Entschluss durchgerungen, ihrer Heimat endgültig
den Rücken zu kehren. Kuba ist für sie
allerdings nur ein Zwischenstopp für die beabsichtigte
Auswanderung in die USA. Unter den
Passagieren sind auch einige, die nach dem
nationalsozialistischen Terror der "Pogromnacht" in Konzentrationslager gesperrt und
nur unter dem Vorbehalt, dass sie Deutschland
umgehend verlassen, wieder freigesetzt worden
sind. Die meisten der Passagiere werden Amerika
nie erreichen. Die Hoffnungen und Erwartungen
auf das Abenteuer in der Fremde sind
groß, ebenso der Schmerz über den Abschied
vom alten Kontinent und der alten Heimat trotz
aller negativen Erfahrungen. Es herrscht vor
allem Angst vor der ungewissen Zukunft.
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Neben kostspieligen Tickets für die Schiffspassage
besitzen alle Flüchtlinge mühevoll erworbene
Ausreisegenehmigungen und Landungspapiere für Kuba. Am 27. Mai 1939 erreicht die "St. Louis" den Hafen von Havanna. Das Anlegen
am Pier ist dem Kapitän untersagt. Mitarbeiter
des deutschen Geheimdienstes haben ihre
Kontakte in Kuba genutzt. Nur wenigen Passagieren
wird die Landung erlaubt. Auch verzweifelte
Verhandlungen jüdischer Organisationen
mit den Behörden in Havanna scheitern,
sie muss den Hafen am 2. Juni 1939 wieder
verlassen. Die Situation an Bord spitzt sich zu.
Warum wird den Passagieren der Landgang
verwehrt?
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Und warum muss das Schiff den
sicheren Hafen verlassen? Die Hoffnung konzentriert
sich weiterhin auf die USA.
Die "St. Louis" erreicht am 3. Juni die amerikanische
Küste bei Miami, kreuzt am 4. und 5.
Juni vor Florida. Aber auch die USA weisen das
Schiff ab. Die Vereinigten Staaten von Amerika
sind nicht bereit, die Flüchtlinge aufzunehmen.
Ihr Standpunkt: Flüchtlingen und Emigranten
ist nur zurückhaltend Zuflucht zu gewähren,
da zu hohe Einwanderungsraten der amerikanischen
Wirtschaft schaden könnten - noch hält
man die antijüdische Politik der Nationalsozialisten
für ein vorübergehendes Phänomen. Der
Kapitän der "St. Louis", Gustav Schröder, der
alle seine Passagiere als Gäste zuvorkommend
behandeln lässt, erhält am 6. Juni die Order von
seiner Reederei, die Rückreise nach Hamburg
mit den Emigranten an Bord anzutreten.
Die Rechnung der Nationalsozialisten scheint
aufzugehen: Wir würden ja Ausreisewillige ziehen
lassen, aber niemand will sie haben.
Die Rückfahrt der "St. Louis" nach Europa vom 6. bis 17. Juni 1939 ist für die jüdischen Passagiere die schlimmste Phase der ganzen Fahrt.
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Der Daily Mirror signalisiert
in seiner
Karikatur vom
6. Juni 1939 der "St. Louis":
Bleibt draußen.
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Im Hafen von Havanna und vor der Küste
Floridas haben sie sich der ersehnten Freiheit
so nahe gefühlt und müssen schließlich
doch nach Europa zurück - abgewiesen kurz
vor dem rettenden Ziel. Manche geraten in
Panik, die Passagiere drohen mit Meuterei und
Massenselbstmord. Die jüdischen Emigranten fürchten die Rückkehr nach Deutschland und
sie sind sicher, hier wartet auf sie qualvolle
Unterdrückung und vermutlich später auch die
Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager.
Für viele der verzweifelten Flüchtlinge
kommt die Rettung in letzter Minute.
Gemeinsam mit Morris Troper, dem Vorsitzenden
der europäischen Exekutive des
jüdischen Hilfsvereins JOINT, gelingt es dem
Kapitän der "St. Louis" Landungspapiere für
die Passagiere am 17. Juni 1939 in Antwerpen
zu bekommen. Nach langen Verhandlungen erklären
endlich Belgien, die Niederlande, Großbritannien
und Frankreich ihre Bereitschaft zur
Aufnahme der Flüchtlinge. Doch die Geschichte
der Passagiere der "St. Louis" hat damit noch
kein glückliches Ende gefunden.
In Antwerpen erfolgt die
Aufteilung der jüdischen
Flüchtlinge: 287 von ihnen
können nach Großbritannien
weiterreisen. 214 Emigranten
werden auf Belgien, 224 auf
Frankreich und 181 auf die
Niederlande verteilt, wo sie
nach den Siegen der Wehrmacht
wieder in die Gewalt
der Nationalsozialisten geraten
und viele später tatsächlich
in die Vernichtungslager
deportiert werden. Nur etwa
450 der "St. Louis"-Passagiere überleben das "Dritte Reich".
Manche retten sich in den Untergrund
der "Transitländer",
viele nach Großbritannien,
Palästina und vor allem in die
USA.
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