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Ein wenig Verrücktheit

Rückblende 2006 im Haus der Geschichte

Die Rückblende, der deutsche Preis für politische Fotografie und Karikatur, wurde 2006 zum 23. Mal von der Landesvertretung Rheinland-Pfalz gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger ausgerichtet. Bis zum 17. Juni hatten Besucher des Hauses der Geschichte in Bonn Gelegenheit, sich anhand der Fotografien und Karikaturen der Rückblende einen Überblick über das vergangene Jahr zu verschaffen.

Das Jahr 2006 war für die Deutschen ein Jahr der Entdeckungen. Während der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land haben sie vor allem eine Menge Neues über sich selbst erfahren. Es war schön zu sehen, wie die Bürger unseres Landes sich selbst überraschten, indem sie feststellten, dass sie fröhlicher und freundlicher sein können als sie selbst von sich gedacht hatten.

Es passte gut in dieses Jahr der Entdeckungen, dass die Bürger sich mit der Frau an ihrer Regierungsspitze erst einmal vertraut machen mussten. Wie die ersten Schritte eines Neugeborenen haben sie Angela Merkels Schritte über das politische Parkett beobachtet. Das Land und seine Kanzlerin befanden sich quasi noch in der Kennenlernphase, und die Fotografen der Politik haben bei diesem Prozess tatkräftig geholfen.

Siegerfoto

Merkel beim Boxkampf mit Soldaten, Merkel mit Chirac, Merkel im Fußballstadion, Merkel mit Bush oder Merkel mit Marineinspekteur… Letzteres freilich bietet mehr als nur eine interessante neue Ansicht. Es erzählt zugleich eine kleine Geschichte über die Kanzlerin und wurde so zum Siegerfoto des Jahres. Der Marineinspekteur neben der Kanzlerin hatte sie gewarnt. Sie solle lieber die Ohrenschützer aufsetzten, es werde laut, furchtbar laut. Die Ohren würden schmerzen. Aber Angela Merkel wollte nicht. Es war Ende August, Merkel war an diesem Tag bei der Marine zu Besuch, sie stand auf der Brücke der Fregatte „Sachsen“. Mehrere Jagdbomber vom Typ „Tornado“ flogen direkt über sie hinweg. Der Rest der Schiffsbesatzung presste sich gegen das Steuerhaus, der Marineinspekteur steckte sich die Finger in die Ohren, Angela Merkels Kopf flog zur Seite, sie drückte die rechte Hand auf ihren Bauch, mit der linken hielt sie sich an der Reling fest - genau in diesem Moment drückte Andreas Rentz auf den Auslöser. Auf dem Siegerfoto sieht man ein Kanzlerinnenlächeln, in dem sich Kindesfreude und Entsetzen mischen. Es ist eine von vielen neuen Ansichten, die die Deutschen im vergangenen Jahr von ihrer „Chefin“ zu sehen bekamen. Merkel kalkulierte diese Wirkung bewusst ein. Sie wollte eine Botschaft an ihr Volk senden, sie wollte sagen, dass sie belastbar und standhaft sei, dass sie sich nicht wegduckte, dass sie nicht weghörte, sondern offenen Ohres regierte, und koste es das Trommelfell. Es ist ein passendes Bild für jenes erste Jahr ihrer Kanzlerschaft.

Euphorie

Wer durch das Jahr 2006 mit Hilfe seiner prägnantesten Fotografien blättert, sieht ein Land, das sich zum ersten Mal ein wenig Verrücktheit leistete: Einen Mann auf dem Liegestuhl in seinem Garten, den er aus aktuellem Anlass in ein Fußballfeld verwandelt hat; junge Frauen, die sich die Farben des Landes ins Gesicht geschmiert haben und beim Anblick einer Großleinwand in Ekstase geraten wie sonst allenfalls beim Robby Williams-Konzert. Es wurden in diesem Sommer unzählige Fotos von schwarz-rot-goldenen Fahnenmeeren geschossen, aber kaum eines fing die Euphorie im Lande so sicher ein wie das von Markus Schreiber.

Ausgelöst durch die Fußball-WM hat ein Verlangen nach Gemeinsamkeit die Menschen an den verschiedensten Orten zusammengebracht, die die Spiele partout nicht alleine gucken wollten. Während die Welt zu Gast bei Deutschen war und Klinsmanns Mannschaft spielte, bildeten die 82 Millionen eine Einheit. Erst danach machte sich das Volk allmählich wieder seine Gegensätze bewusst. Für viele aber folgte nach dem einen Großereignis gleich das nächste: Sie zogen einfach von der Fanmeile zum Papstbesuch weiter. So entstand das Phänomen der Event-Deutschen. Es kristallisierte sich eine Spezies heraus, der es vor allem darum geht, mit anderen zusammen zu kommen, etwas zu erleben, ganz egal, aus welchem Anlass.

Medienhysterie

Eine vermeintliche Tragödie hat Christian Charisius zu seiner wunderbaren Aufnahme gebracht, die von der Jury auf den zweiten Platz gehoben wurde. Ihm ist es gelungen, eine sehr deutsche Eigenschaft mit den Mitteln der Fotografie zu karikieren: den Hang zum „Alarmismus“. Sein Bild vom toten Schwan thematisiert vor allem die Sensationsgier der eigenen Zunft, die in der Vogelpest eine Tragödie suchte, wo keine war. So konnte für ein paar Wochen im Februar der Eindruck entstehen, die Vogelgrippe würde unser Geschäftsleben und unseren Alltag radikal verändern. Das Foto aber rückt die wahren Verhältnisse wieder zurecht. Es zeigt, wie ein stolzes mediales Einsatzkommando die Bergung eines einzelnen Schwans zum Ereignis macht. Wenn fünf Kameras auf ein totes Tier gerichtet sind, schrumpft die vermeintliche Katastrophe rasch auf das zusammen, was sie wirklich ist: eine Medienhysterie. Charisius machte für dieses entlarvende Foto von einer ebenso genialen wie einfachen Technik Gebrauch: dem Schritt zurück. Er entfernte sich vom Geschehen, um eine präzise Sicht auf den eigentlichen Kern des Ereignisses zu bekommen. Man könnte auch sagen: Er machte das ganze Bild.

Markus Feldenkirchen

Das preisgekrönte Foto von Andreas Rentz zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Vize-Admiral Wolfgang E. Nolting in Warnemünde im August 2006.

Fußball-WM 2006: Fan Martin Schulte liegt mit einer Deutschlandflagge um die Hüften in der prallen Mittagssonne. Gemeinsam mit seinen Nachbarn hat der Arnsberger in seinem Garten ein Fußballfeld abgekreidet. Sonderpreis „Das scharfe Sehen“ für Julian Stratenschulte.

Den zweiten Platz in der Kategorie Fotografie belegte Christian Charisius: Ein Veterinär in Schutzkleidung zieht einen durch die Vogelgrippe verendeten Schwan aus dem Wasser – umringt von sensationsgierigen Journalisten.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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