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Hans Walter Hütter und Moritz Müller-Wirth im Gespräch |
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Die Jahre des Terrors: Analysen, Berichte und Reportagen über den RAF-Terror und seine Folgen finden Sie
in der neuesten Ausgabe des Magazins DIE ZEIT Geschichte, u.a. mit Beiträgen von Gerd Koenen, Heinrich
Breloer, Christoph Dieckmann und Helmut Schmidt.
Ab 6. September am Kiosk – oder zu bestellen unter:
Tel: 01 80-5 25 29 09*
Fax: 01 80-5 25 29 08*
*0,14 €/Min. aus dem deutschen Festnetz
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2007 jährt sich der „Deutsche Herbst“ zum 30. Mal. Wie gehen Museen und Medien mit dem verstärkten öffentlichen
Interesse an zeithistorischen Themen um? Das museumsmagazin befragte dazu den Präsidenten der Stiftung Haus der
Geschichte, Dr. Hans Walter Hütter, sowie den Geschäftsführenden Redakteur der ZEIT, Moritz Müller-Wirth.
mm
Geschichtliche Ereignisse wie der 30. Jahrestag des „Deutschen Herbstes“ mit der Entführung der Lufthansa-Maschine
„Landshut“ und der Ermordung von Hanns Martin Schleyer werden im Zusammenhang mit aktuellen gesellschaftspolitischen
Entscheidungen, wie beispielsweise dem Gnadengesuch von Christian Klar, neu diskutiert. Wie reagieren Museen und
Medien darauf?
Müller-Wirth
Wer bei aktuellen Themen mit historischem Kontext mitreden will, sollte zunächst einmal wissen, was damals überhaupt
passiert ist. Von daher ist es die Aufgabe von Museen und Medien zu dokumentieren – und zwar so umfassend wie möglich.
Wenn das geschehen ist, können die Medien ihren Lesern auch Argumentationshilfen anbieten. Unseriös hingegen ist die
Ausblendung von Fakten zugunsten einer ausschließlichen Emotionalisierung. Besonders im Jahr 2007, in dem sich zwei
stark emotionale historische Ereignisse jähren, der 2. Juni 1967 und der „Deutsche Herbst“, sind wir als Orientierungsmedien
gefragt und müssen uns unserer Verantwortung bewusst sein. [Anmerkung der Redaktion: Am 2. Juni 1967 erschoss ein
Polizeibeamter in Berlin den Studenten Benno Ohnesorg am Rande einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien.]
Hütter
Die Medien haben den Vorteil, schneller und aktueller sein zu können. Wir können das in unseren Ausstellungen nur sehr bedingt,
da diese in längeren Zyklen angelegt werden. Wir können aber durch Begleitveranstaltungen auch in kürzerem Duktus auf
gesellschaftspolitische Diskussionen eingehen. Zusammen mit den elektronischen Medien und den Printmedien decken wir mit
zeithistorischen Ausstellungen das gesamte Spektrum ab.
mm
Helmut Schmidt gibt bis heute immer wieder zu verstehen, dass er seine Entscheidungen als Bundeskanzler im Herbst 1977
auch aus heutiger Perspektive so treffen würde. „Es waren gewissenlose Mörder, besessen von der politischen Idee, daß
man mit Gewalt bessere Verhältnisse schaffen kann“, so seine Aussage. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den
popkulturellen Mythos „RAF“, der sich im Laufe der vergangenen 30 Jahre entwickelt hat?
Müller-Wirth
In diesem fragwürdigen Bereich der Popkultur – es kommt da zu einer Art „Uschi Obermaierisierung“ der RAF – stehen wir vor
einem Dilemma. Einerseits ist es womöglich besser, einer solchen Entwicklung ihren Lauf zu lassen. Wollte man die „Prada-Meinhof“-Handtaschen und T-Shirts aus dem Verkehr ziehen, dann würden sie erst recht zum Kult. Es bestünde die Gefahr neuerlicher
Mythenbildung. Andererseits – und dies ist ein sehr gewichtiges Gegenargument: Die Opfer und ihre Angehörigen müssen diese
„Verpoppung“ des Terrors als gewaltige Provokation empfinden.
Hütter
Die sich entwickelnde Verharmlosung halte ich in Hinblick auf die Opfer, aber auch auf die politisch-gesellschaftliche Sprengkraft,
die hinter diesen Ideen steckte, für gefährlich. Aus heutiger Sicht ist es leicht zu sagen, das alles sei nicht so schlimm gewesen.
Aber Helmut Schmidt und andere mussten in der damaligen Situation konsequent handeln und niemand weiß, was geschehen wäre, wenn sie
anders entschieden hätten. Wir müssen auch heute konsequent dieser Ideologie entgegentreten. Ich sehe auch, dass die
Vermarktungsmaschinerien hier ein Feld entdeckt haben, das offensichtlich funktioniert. Anstelle von Verboten sollten wir jedoch
Information zur Meinungsbildung anbieten.
mm
Viele Betroffene sowie Politiker und Wissenschaftler fordern verstärkt, dass die RAF-Opfer mehr Beachtung finden sollen – nicht
nur die prominenten Personen, die ermordet wurden, sondern auch die Kriminalbeamten, die Fahrer oder Leibwächter. Ist das
Engagement bei Historikern und Medien auf diesem Gebiet groß genug?
Müller-Wirth
In den letzten Wochen wurde über die Hinterbliebenen und Begleitpersonen viel berichtet. Nachdem wir Einigkeit in der Analyse
erzielt haben, dass die deutsche Politik richtig reagiert hat, kommt jetzt eine Phase, in der man sich um die Individuen kümmert.
Die Biografien der Opfer, der Hinterbliebenen, der Menschen, die damit zu tun hatten, auch die der Täter bieten einen interessanten
Ansatz in der historischen Aufarbeitung, auch für die Medien.
Hütter
Der biografische Ansatz bietet im Museum einen geeigneten Zugang, allerdings immer vor einem historischen Gesamthintergrund. Dann
erlaubt die biografische Darstellung einen individuellen, emotionalen Zugang, der im Idealfall zu einer Beschäftigung mit der
übergeordneten Thematik führt. Hier ist auch Raum, die Opfer angemessen zu würdigen.
mm
Worauf lässt sich Ihrer Meinung nach die zunehmend spürbare Renaissance von geschichtlichen Themen in Medien und Museen zurückführen?
Hütter
Geschichte bietet die Möglichkeit zur Selbstvergewisserung vor dem Hintergrund von Ereignissen und Entwicklungen, vor allem solchen
mit Gegenwartsbezug. In den Museen finden historische Themen auch deshalb verstärktes Interesse, weil sie in den letzten zehn bis
fünfzehn Jahren lebensnäher und besucherfreundlicher präsentiert werden. Museen sind heute nicht mehr verstaubte Archive, sondern
ihre Präsentation richtet sich verstärkt an die jeweiligen Zielgruppen. Von daher ist es meist spannend, Museen und Ausstellungen
zu besuchen.
Müller-Wirth
Das ist eine Entwicklung, die zum Teil mit dem korrespondiert, was man als „Zeitgeist“ bezeichnen kann: Alles wird schneller und
hektischer. Die Menschen wollen wieder innehalten und reflektieren, lernen und erkennen. Geschichte ist gelebte, in gewisser Weise
bewährte Realität; sie ist spannend, hat auch immer etwas mit Alltag zu tun. Geschichte ist Leben. Es existieren auch bei unserer
Zeitung eindeutige Signale, dass die Leser diese Entwicklung hin zu geschichtlichen Themen immer stärker nachfragen.
mm
Was unterscheidet das Magazin „ZeitGeschichte“ von anderen historischen Zeitschriften? Welche Zielrichtung verfolgen Sie dabei?
Müller-Wirth
„ZeitGeschichte“ will Orientierung bieten aus Anlass von Jubiläen, Jahrestagen oder jahreszeitlich bedingten Themen. Daher verfolgen
wir auch einen pädagogischen Ansatz, allerdings ohne erhobenen Zeigefinger. Wir dokumentieren, liefern Chroniken, zeigen Jahreslinien
auf, die als Zeitachsen Orientierung vermitteln. Im Kern wird in unserem Magazin referiert, nicht belehrt. Aus diesem Grund schreiben
bei uns die großen Essays überwiegend Historiker und nicht Journalisten. Parallelen zum Museumsbereich wurden mir bei meinem Gang
durch die Dauerausstellungen im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig und im Haus der Geschichte in Bonn bewusst: Man wird einerseits
emotionalisiert, andererseits kommt man auch gebildeter aus so einer Ausstellung wieder heraus. Eine ideale Form der Orientierung.
mm
Dr. Hütter, können Sie ein Beispiel aus dem Haus der Geschichte in Bonn anführen, welches das Konzept, Geschichte als Erlebnis zu
vermitteln, zum Ausdruck bringt?
Hütter
Die Szenerie des Bundestages, in der das Original-Gestühl, Parkett und Rednerpult steht, verbindet Objekte, Dokumente, Fotos und
Tondokumente interaktiv miteinander. Dort können die Besucher Platz nehmen, in die Rolle des Abgeordneten eintauchen, abstimmen,
ans Rednerpult treten und den dort liegenden Rednertext selbst verlesen. Die Besucher werden im besten Sinne des Wortes zu „Nutzern“.
Interview: Ulrike Zander
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