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Abschied von der Automobil-Freiheit

50 Jahre Tempo 50

Die freie Fahrt mit dem Automobil symbolisierte die wiedererlangte Freiheit nach dem Zweiten Weltkrieg, hier in einer Werbung für Ford aus der ADAC Motorwelt, 1950.

 
Prof. Dr. Dietmar Klenke
lehrt Neueste Geschichte an der Universität Paderborn. Er ist unter anderem Autor des Buches „'Freier Stau für freie Bürger'. Die Geschichte der bundesdeutschen Verkehrspolitik.“

Unfallchirurgen schlugen Alarm. 1953 wollten bundesdeutsche Verkehrspolitiker mit dem „Unfallbekämpfungsgesetz“ eigentlich die Zahl der Verkehrsunfälle senken. Das Gesetz hatte die pauschalen Geschwindigkeitsbegrenzungen für PKW abgeschafft und sollte dazu beitragen, die Bürger zu selbstverantwortlichem Handeln im Straßenverkehr zu erziehen. Doch das Gegenteil war der Fall.

Die Zahl der Verkehrstoten war innerhalb von drei Jahren von 8.800 auf fast 13.000 gestiegen. 1957 sah sich Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm (Deutsche Partei) schließlich gezwungen, das allgemeine Tempolimit (50 km/h innerorts) wieder einzuführen – gegen erhebliche Widerstände: Automobil-Interessenten sprachen von einem erschütternden Angriff auf die Freiheit des PKW-Fahrers und die demokratische Grundordnung schlechthin. Prof. Dr. Dietmar Klenke wirft im Gespräch ein Licht auf die gesellschaftliche Debatte um die Wiedereinführung des Tempolimits.

mm Wie muss man sich den innerstädtischen Straßenverkehr Mitte der 1950er Jahre vorstellen?
Klenke Zunächst einmal waren die Straßen selbst in großen Städten weniger breit als heute und in einem vergleichsweise schlechten Zustand mit Kopfsteinpflaster, maroden Teerdecken und vielen Schlaglöchern. Zwar waren weniger PKW unterwegs, weil aber das Straßennetz einen geringeren Umfang hatte, war die Verkehrsdichte hoch. In sehr vielen Orten konnte daher in Stoßzeiten nicht allzu schnell gefahren werden, unabhängig von der Aufhebung des Tempolimits 1953. Aber außerhalb dieser Zeiten und der hoch belasteten Hauptverkehrsstraßen konnten Autofahrer zügellos rasen. Dies hat auch in der zeitgenössischen Publizistik zu entsprechenden Unmutsreaktionen bis hin zu öffentlichen Protesten geführt – auch im Hinblick auf die hochschießende Zahl der Verkehrsunfälle, Verkehrstoten und -verletzten nach 1953.
mm Weshalb hielt die Verkehrspolitik dennoch mehrere Jahre an der Aufhebung des Tempolimits fest?
Klenke Wir müssen von ganz anderen weltanschaulichen Voraussetzungen ausgehen. Die Deutschen hatten jahrelange Gewaltherrschaft, Krieg und Vertreibung hinter sich. Diese extremen Katastrophenerfahrungen mussten in der Nachkriegszeit verarbeitet werden. Ein wichtiges Verarbeitungsmuster war die Umerziehung zur Demokratie. In allen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen wollte man die Bürger zu demokratischem und selbstverantwortlichem Handeln erziehen. Hierfür war der Straßenverkehr ein wichtiges Erprobungsfeld – wenn der Bürger eigenverantwortlich das Steuer führte und sich nicht wie in einem Massenverkehrsmittel einfach nur transportieren ließ. In dieser Vorstellungswelt konnten starke Reglementierungen wie ein pauschales Tempolimit den Bürger nur in der Unmündigkeit festhalten. Dem „Unfallbekämpfungsgesetz“ wohnte im Grunde ein liberaler, idealistischer verkehrserzieherischer Anspruch inne.
mm Gegenwärtig tendiert die Verkehrspolitik wieder zu mehr Selbstregulierung. Sind Autofahrer heute vernünftiger?
Klenke Im Vergleich zu den 1950er Jahren ist die Fahrweise hierzulande zivilisierter geworden. Das hat mehrere Gründe. Zum einen haben wir ein technikgeschichtliches Gesetz, nach dem neue Technologien nach ihrer Einführung erst einmal gesellschaftlich eingepasst werden – auch der sozialverträgliche Gebrauch des Handys musste erst erlernt werden. Zum zweiten hatten in den 1950er Jahren sehr viele Männer – sie saßen damals vorwiegend hinter dem Steuer – zum Teil traumatische Kriegserlebnisse hinter sich. Häufig wird etwa in Automobilzeitschriften dieser Jahre geschildert, dass in Gefahren- und Stresssituationen im Straßenverkehr immer wieder Flucht- oder Angriffsreflexe hochkamen, die auf Gewalterfahrungen im Krieg zurückgeführt wurden. Entsprechend konnten viele Autofahrer nicht so gelassen reagieren, wie man sich das gewünscht hätte.
mm Die Zahl der Verkehrstoten ist gegenwärtig niedriger als Anfang der 1950er Jahre. Dennoch verloren 2006 über 5.000 Menschen ihr Leben im Straßenverkehr.
Klenke Wir müssen uns fragen, um welchen Preis sich die Gesellschaft ihre hohen Mobilitätsansprüche leisten will. Die Straßenverkehrsmobilität ist zu einem Höchstwert, ja fast heiligen Symbol geworden, das große Opfer zu rechtfertigen scheint. Man muss letztlich diese aus meiner Sicht aberwitzigen und religiös überhöhten Mobilitätsideale in Frage stellen, wenn man die immer noch hohe Zahl der Verkehrstoten nicht hinnehmen will. Das gilt auch, wenn man für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen eintritt, das bis auf den heutigen Tag nicht durchsetzbar ist.

Interview: Magdalena Zeller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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