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 Haus der Geschichte, Bonn

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Titel

 

Alltag in der DDR

Relikte des SED-Staates haben Konjunktur

Alltag in der DDR bedeutete auch, beim Apfelsinenkauf in langen Schlangen anstehen zu müssen, wie hier in Dresden 1987.

 

Ein Hauch von Freiheit und Unabhängigkeit: Zelten war nun dort möglich, wo Parken erlaubt war. Die Idee zum Dachzelt stammte von Gerhard Müller aus Sachsen 1975. In seinem Privatbetrieb entstanden jährlich 120–130 Zelte. Die Wartezeit auf ein Zelt betrug drei Jahre.

 

1976 kam das Aus für den Versandhandel. Offiziell lautete die Begründung, dass eine stabile Versorgungslage auch in denländlichen Gegenden erreicht sei. In Wirklichkeit fehlte es jedoch an Waren, um die Kundenwünsche zu befriedigen.
 
 

18 Jahre nach der friedlichen Revolution ist die DDR für viele Jugendliche in Ost und West ein unbekanntes, fremdes Land. Sie kennen die deutsche Teilung nicht mehr aus eigenem Erleben. Befragungen zur DDR-Geschichte offenbaren gravierende Wissenslücken.

Dennoch hat die Erinnerung an den Lebensalltag im Sozialismus derzeit Konjunktur. Clevere Vermarktungsstrategen sorgen dafür, dass die Relikte des untergegangenen Staates und seiner Warenwelt bundesweit populär werden und so einer bunten, unkritischen „Ostalgiewelle“ Vorschub leisten.

Vor diesem Hintergrund wird eine Diskussion darüber geführt, wie in Ausstellungen und Museen die Alltagsgeschichte stärkere Aufmerksamkeit erfahren kann, ohne sich dem Vorwurf der Banalisierung von totalitärer Herrschaft auszusetzen. Es ist eine Herausforderung, die Grenzverläufe zwischen staatlichem Einfluss und privaten Lebensentwürfen, zwischen offiziellem Herrschaftsanspruch und der darauf bezogenen Alltagswelt der Menschen aufzuzeigen.

Anspruch und Wirklichkeit

Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig widmet diesen Aspekten der Alltagsgeschichte in seiner überarbeiteten Dauerausstellung einen eigenen Schwerpunkt. Die konzeptionelle Basis bildet die Gegenüberstellung von Anspruch und Wirklichkeit. Exemplarisch dafür steht etwa der Umgang des SED-Staates mit den Konsumansprüchen der „Werktätigen“: Während das Postulat der egalitären Gesellschaft vorsah, dass sämtliche Konsumgüter für alle verfügbar sein sollten, sorgte der sozialistische Staat selbst für soziale Ungleichheit. Die in der Ära Honecker geschaffenen „Exquisit“- und „Delikatgeschäfte“ verkauften Waren gehobener Qualität zu deutlich erhöhten Preisen, die sich nur Besserverdienende leisten konnten. Zugleich verschwand eine Vielzahl von Produkten aus dem normalen Verkauf. Für eine ähnliche ökonomische und gesellschaftliche Trennlinie sorgten die Intershops, die die offiziell geächtete westliche Warenwelt näher rücken ließen – freilich nur für diejenigen, die über Westgeld verfügten und somit dem Staat Deviseneinnahmen brachten.

Freizeit im Arbeitskollektiv

Die Ausstellung zeigt aber auch, dass die Schnittstellen zwischen Bindungskräften und -grenzen des Regimes im Alltag häufig nah beieinander lagen. Etwa dort, wo der Staat nach der Auflösung des Gegensatzes von Arbeit und Freizeit strebte. So erachteten es Ostdeutsche zunehmend als selbstverständlich, einen Teil der Freizeit im Arbeitskollektiv und den staatlich subventionierten Urlaub in Ferienheimen der Betriebe oder des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) zu verbringen. Gleichzeitig aber behielten Rückzugsmöglichkeiten – sei es die Familie oder das Wochenende im Kleingarten – einen hohen Stellenwert, der im Laufe der Zeit weiter zunahm.

Die inhaltliche Gliederung des Ausstellungsbereichs orientiert sich an den Stationen eines fiktiven Tagesablaufs: Von der Berufs- und Arbeitswelt, dem Einkauf und der Konsumgüterversorgung führt der Weg zur Wohnung und damit in das private Familienumfeld. Daran schließt sich das Thema Freizeit und Urlaub an. Hier sind es unter anderem Datsche, Dachzelt und Campingutensilien, die von den „privaten Nischen“ im Sozialismus zeugen, während Volkskunstzirkel, Ferienscheck und Touristenexpress von der gelenkten Freizeit im Kollektiv berichten.

Christina Reinsch

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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