 |
|
Modell des Porsche-Werks in Leipzig
|
| |
 |
|
Bei der Jahrhundertflut im August 2002 zeigten solidarische Hilfeleistungen eine vereinte Nation: Einsatz der Bundeswehr an der Elbe in der Nähe von Bitterfeld.
|
| |
|
|
Bereits 1990 zogen Neonazis durch die Straßen von Leipzig.
|
| |
|
|
Wiederaufbau der Dresdner Frauen- kirche als Zeichen internationaler Solidarität
|
|
Als die Stiftung Haus der
Geschichte Mitte der 1990er
Jahre ihre Dauerausstellung
für das Zeitgeschichtliche
Forum konzipierte, bestand
Konsens darüber, dass die
historische Darstellung in
dem neuen Leipziger Haus
nicht mit der Überwindung
der SED-Diktatur durch die
friedliche Revolution enden
dürfe.
Der gesellschaftliche Umbruch in den neuen
Bundesländern griff so massiv in das Leben
aller Ostdeutschen ein, dass ein zeitgeschichtliches
Museum auf seine adäquate Darstellung
und die drängenden Fragen der Gegenwart
eingehen musste, um in den Augen der Besucher
glaubwürdig zu sein.
Differenzierung statt Ostalgie
Als zehn Jahre nach den Massendemonstrationen
zwischen Plauen und Rostock im Herbst
1989 und dem unverhofften Fall der Mauer
die Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen
Forums eröffnet wurde, war bereits deutlich
absehbar, dass sich nicht alle Wünsche rund
um die Wiedervereinigung erfüllen ließen.
Trotz aller Erfolge im Osten Deutschlands in
der Wirtschaft, beim Ausbau der Infrastruktur
wie bei der Rettung wertvoller Altbausubstanz
breitete sich auch Ostalgie aus. Dieser setzt das
Zeitgeschichtliche Forum eine differenzierte
Sicht auf 40 Jahre DDR sowie auf die Entwicklung
seit 1990 entgegen.
Wirtschaftliche Veränderungen
Die umfangreiche Neugestaltung der Leipziger
Dauerausstellung führt die damals begonnene,
kritische Auseinandersetzung mit
zentralen zeitgeschichtlichen Entwicklungslinien
fort und setzt zugleich mit neuen Objekten
markante Akzente. So wird der weitere
wirtschaftliche Um- und Aufbau in den neuen
Bundesländern u. a. durch ein Modell des in
Leipzig entstandenen und weiter im Ausbau
befindlichen Porsche-Werks dargestellt. Anhand
der Geschichte des Eisenhüttenkombinats
Ost, das lange von der Schließung bedroht
war, von den Stahlarbeitern deshalb besetzt
wurde und sich heute zu einem hochmodernen
integrierten Hüttenwerk entwickelt hat, lassen
sich Chancen und Risiken der Globalisierung
darstellen. Präsentiert werden aber
auch Transparente und Fotos von den neuen
Montagsdemonstrationen gegen die Privatisierungspolitik
der Treuhand sowie gegen die
Folgen von Hartz IV für Langzeitarbeitslose.
Gefährliche Verharmlosung
Die Entwicklung Berlins zur Hauptstadt
im wiedervereinigten Deutschland symbolisiert
ein eindrucksvolles Modell des für den
Deutschen Bundestag umgestalteten Reichstagsgebäudes.
Durch Ausschnitte aus prämierten
Filmen wie „Good bye Lenin!“ und
„Das Leben der Anderen“, thematische Publikationen
oder Gerichtszeichnungen von Prozessen
gegen Mitglieder des SED-Politbüros
vermitteln Künstler, Wissenschaftler, Bundeseinrichtungen
wie die Bundesbeauftragte für
die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes
der ehemaligen DDR und die Stiftung Aufarbeitung
eine kritische Auseinandersetzung
mit der DDR-Vergangenheit. Interessant zu
sehen ist zudem eine Palette merkwürdiger
Ostalgie-Erzeugnisse. Der bekannte Dresdner
Kabarettist Uwe Steimle beantragte als Erfinder
dieses Begriffs 1993 dafür ein Patent.
Ursprünglich karikierte das Wort die aufkeimende
Sehnsucht Ostdeutscher nach ihrer
„alten DDR-Identität“, bevor es durch seine
mediale Verwertung eine gegenteilige Bedeutung
erhielt. Eine andere Form gefährlicher
„Verharmlosung“ von Vergangenheit wird in
der Ausstellung mittels Druckgut, CDs und
Dokumenten brutaler Aktionen von Neonazis
sowie der NPD gegen Ausländer und Andersdenkende
verdeutlicht.
Solidarität
Ein weiteres Kapitel der Ausstellung widmet
sich den Problemen der „inneren Einheit“
zwischen den Deutschen aus Ost und West.
Im Gegensatz zu den bestehenden Vorurteilen
zeigte die überragende solidarische Hilfeleistung
für die Opfer des Oderhochwassers von
1997 und bei der Jahrhundertflut von 2002,
dass in außerordentlichen Gefahrensituationen
die Nation zueinander steht. Ein eindrucksvolles
Zeugnis weit über Deutschland
hinausgehender Unterstützung stellt auch der
Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten
Dresdner Frauenkirche dar.
Die Entwicklungen der Gegenwart lassen
sich schon lange nicht mehr in einem einfachen
Ost-West-Bezug darstellen. Die neue
Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen
Forums entlässt ihre Besucher mit eindringlichen
Fragen sowohl an die eigene Geschichte
als auch an die Gegenwart.
Bernd Lindner
|