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"Die DDR schluckte den goldenen Angelhaken"

Interview mit Peter Bender

Lebensgefährliche Rezepte, illusionäre Hoffnung oder die kommunistische Wirklichkeit durch eine rosarote Brille zu sehen - Vorwürfe, die Peter Bender für seine entspannungspolitischen überlegungen in den 1960er Jahren erntete. In zahlreichen Büchern und Beiträgen begleitete er die deutsche Nachkriegsgeschichte. Als Redakteur beim Sender Freies Berlin, dann beim WDR, als Hörfunkkorrespondent der ARD in Warschau oder als Beobachter der KSZE-Konferenz in Helsinki analysierte und interpretierte Bender immer wieder deutsche und europäische Fragen.

mm Herr Bender, welche Interessen und Ziele verfolgten die Architekten des Grundlagenvertrags?

Bender Die DDR wollte ein Formalisierung der Beziehungen, das hieß die Anerkennung als gleichberechtigter Staat und die Bundesrepublik eine Normalisierung, also den Ausbau der Beziehungen in den Gebieten der Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Kultur und Verkehr, vor allem im Reiseverkehr.

mm Wurde mit dem Vertrag die innerdeutsche Grenze besiegelt?

Bender Die Philosophie, die hinter dem Vertrag, hinter der gesamten Ostpolitik steht, ist die Anerkennung von nicht mehr wegzudenkenden Tatsachen, das heißt der Mauer und der DDR. Aber um diese Tatsachen zu mildern, menschlicher zu machen, ging man damals einen neuen Weg.

mm Welche innenpolitischen Folgen hatte der Vertrag für die DDR?

Bender Das Regime in der DDR musste zwischen Entspannung und Abgrenzung Politik betreiben. Langfristig bedeutete der Vertrag, dass das Feindbild wegfiel, was für ein solches Regime fast existenznotwendig ist. Das Wichtigste aber war die Möglichkeit von Reisen und die Möglichkeit der Ausreise. Damit ließ die psychologische Wirkung der Mauer nach und eine destabilisierende Wirkung auf den ganzen Staat setzte ein. Für die DDR-Bürger gab es wieder eine Alternative: Ich kann im Notfall ein anderes Leben im Westen beginnen.

mm Egon Bahr wurde damals von der Opposition vorgeworfen, er würde nationale Interessen gegenüber der Sowjetunion verschleudern.

Bender Bei der Opposition gab es die ehrliche Besorgnis, dass die Annerkennung der DDR die Anerkennung der Teilung Deutschlands sei, dass man die Spaltung des Landes damit verewigt. Die CDU benutzte in der Diskussion Argumente, die einen Rückfall in die 1950er Jahre kennzeichneten. Zu welchen Folgen das führte, zeigt, dass die KSZE-Schlussakte nur von zwei Parteien in Europa abgelehnt wurde: von den albanischen Kommunisten und der CDU.

mm Warum hat man die Zeichen der Zeit, die auf Entspannung standen, in der CDU nicht erkannt?

Bender In der CDU gab es geteilte Auffassungen. Franz Josef Strauß, der zu den schärfsten Opponenten der Ostpolitik gehörte, hätte womöglich das Gleiche gemacht. Erinnern sie sich an den Milliarden-Kredit, den er 1983 eingefädelt hat. Wenn sie in seinen Memoiren die Begründung dafür lesen, könnte sie ebenso von einem Sozialdemokraten kommen. In der Analyse der Situation waren sich die politischen Lager weitgehend einig. In den Konsequenzen haben sie sich unterschieden.

mm Wie reagierten die Alliierten auf die neue Ostpolitik?

Bender Das westliche Ausland war irritiert. Sie waren bisher gewohnt, dass die Deutschen die deutsche Teilung im Grunde für eine Angelegenheit der Alliierten erklärten. Nun fingen diese Deutschen plötzlich unter Brandt und Scheel an, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Das hat irritiert. Die sozialliberale Koalition tat nun genau das, was die westlichen Verbündeten schon seit den 1960er Jahren empfohlen hatten: Nehmt die Oder-Neiße-Grenze doch endlich zur Kenntnis, und erkennt sie an. De Gaulle hat 1959 in einer großen Pressekonferenz etwas gesagt, das nachher die Deutschlandpolitik aller Regierungen gewesen ist: Die beiden deutschen Staaten sollten sich im Interesse der deutschen Sache selbst zusammensetzen.

mm Hat sich Brandt an de Gaulles Außenpolitik orientiert?

Bender Brandt hatte großen persönlichen Respekt vor dem Franzosen, und die Art wie er Ostpolitik betrieb, hat mindestens indirekt auf die Architekten der Ostpolitik Auswirkungen gehabt. Bei de Gaulle hat mal jemand gesagt, er sei ein Mann des 19. Jahrhunderts. Auf der anderen Seite war er dem 20. Jahrhundert mit einer historisch-fundierten Verachtung für Ideologie weit voraus. Er hat Polen, Rumänen und Russen behandelt als wäre dieser Kommunismus etwas Zufälliges, das vorübergeht - aber die Nation bleibt bestehen. In dieser Betrachtungsweise hat er Recht gehabt. Bei uns war es allerdings so, dass die Teilung nur ideologisch zu begründen war. Die DDR war in dem Moment erledigt, als ihre Demokratisierung bevorstand. Wozu zwei demokratische, deutsche Staaten?

mm Könnte man ähnlich wie bei Brandt und de Gaulle sagen, dass Gorbatschow von Bahrs Ostpolitik angeregt wurde?

Bender Egon Bahr schreibt das sogar in seinen Erinnerung. Es gibt sicherlich so etwas, das man die Sozialdemokratisierung Michail Gorbatschows nennen könnte.

mm Führte die Ostpolitik eher zu einer Stabilisierung oder Unterminierung der DDR?

Bender Es war immer ein Geben und Nehmen. Keiner bekam etwas umsonst und keiner konnte vom anderen etwas erzwingen. Die Bundesrepublik zahlte mit D-Mark und formalen Ehrenbezeichnungen und die DDR zahlte mit humanitären Zugeständnissen, die eine öffnung des Staates bedeuteten. Die Anerkennung stabilisierte die DDR und ihre öffnung destabilisierte sie, ohne dass dies die Absicht war. Die Frage war, wer gewinnt auf lange Sicht mehr? Die beste Antwort gab der frühere sowjetische Botschafter in Bonn Jurij Kwizinskij: Die DDR schluckte den goldenen Angelhaken immer tiefer, von dem sie dann nicht mehr loskam.

mm Wie bewerten sie den Grundlagenvertrag im Rückblick?

Bender Ohne diesen Vertrag wäre alles nicht möglich geworden, was zwischen 1972 und 1989 an Normalisierung erreicht wurde. Ohne das veränderte Bild, das man in der Sowjetunion von der Bundesrepublik bekam, hätte Gorbatschow seine Zustimmung zur Wiedervereinigung 1990 nicht gegeben. Der Grundlagenvertrag war somit ein wichtiger Stein für die Grundlegung der Wiedervereinigung.

mm Welche Rolle spielte die Flutkatastrophe für das Zusammenwachsen Deutschlands?

Bender Das Mitgefühl und die Teilnahme haben eine zersetzende Wirkung auf die Mauer in den Köpfen, die nach wie vor noch besteht. Im Westen meint man, dass Verständigung nicht mehr notwendig sei. Im Osten herrscht die Vorstellung, die im Westen kapieren uns ja sowieso nicht.

mm Was kann die Politik leisten, um ein besseres Verständnis zu schaffen?

Bender Nicht viel. Sie kann jedoch alles vermeiden, alte Vorstellungen zu bestätigen oder wiederzubeleben. Die Politik kann beispielhaft sein für das Zusammenführen. Zum Beispiel können sie es bei vielen Veranstaltungen sehen, dass mehr über die Ostdeutschen gesprochen wird als mit ihnen. Einladungslisten weisen ein paar Anstandsostler auf und sonst nichts. Mich regt schon die arrogante Bezeichnung der Bürokraten "Beitrittsgebiet" auf oder die "neuen Länder". Ist das Königreich Sachsen nicht älter als das Kunstgebiet Nordrhein-Westfalen? Das sind alles kleine Verletzungen, die man dem Osten zufügt.

Interview: Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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