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Brennpunkt

 

Verdacht auf Landesverrat

Die Spiegel-Affäre erschüttert die Republik

Für Rudolf Augstein war Franz-Josef Strauß ein Geschenk des Himmels. Die Spiegel-Affäre ließ die Auflage seines Nachrichtenmagazins explodieren. Strauß hingegen hatte seine Chance verspielt, Adenauer zu beerben.

Freitag, 26. Oktober 1962: In den Räumen des "Spiegel" arbeitet die Redaktion an der Nummer 44 ihres Nachrichtenmagazins, das wie üblich am Samstag in Druck gehen soll. Während letzte Manuskriptseiten ausgefeilt, Satzfahnen und Seitenabzüge überprüft werden, kommt unangemeldeter Besuch: Gegen 21 Uhr dringen mehr als 30 Beamte der Sicherungsgruppe Bonn, des Bundeskriminalamts und der uniformierten Polizei handstreichartig in das Hamburger Pressehaus ein. Sie durchsuchen Zimmer, Schränke und Schreibtische, beschlagnahmen Akten und Korrespondenzen und überwachen die Telefonanlage. Zwei "Spiegel"-Chefredakteure werden ohne Angabe näherer Gründe verhaftet.

Titelseite des Spiegel vom 10.10.1962

Titelseite des Spiegel vom 10. Oktober 1962, in dem der umstrittene Artikel "Bedingt abwehrbereit" erschien.

Leo Brawand, dem stellvertretenden Chefredakteur, gelingt es, sich in einem Wandschrank zu verstecken. Nachdem die Beamten sein Büro versiegelt haben, verlässt Brawand das Versteck. über eine Amtsleitung, die noch nicht überwacht wird, benachrichtigt er den "Spiegel"-Anwalt Joseph Augstein.

Augstein stellt sich freiwillig

Der Bruder von Herausgeber Rudolf Augstein eilt nach Hamburg und erreicht, worüber die anwesenden Redakteure bereits mit den Beamten streiten: die Fortsetzung der Arbeiten an der "Spiegel"-Nummer 44. Dabei steht den Redakteuren jeweils ein Sicherheitsbeamter als "Aufpasser" zur Seite. Selbst die Botenjungen, die korrigierte Manuskripte zur Setzerei bringen, werden peinlich genau überwacht und begleitet. Die Beamten durchsuchen die Privatwohnungen der verhafteten Chefredakteure Claus Jacobi und Johannes K. Engel. Nach Rudolf Augstein wird vergeblich gefahndet. Am nächsten Tag stellt er sich freiwillig.

Während die "Spiegel"-Zentrale weiter durchforstet wird, informiert Verlagsdirektor Detlev Becker auf einer improvisierten Pressekonferenz am Samstag Nachmittag die öffentlichkeit über die Vorfälle. Ein unerwartet heftiger Sturm der Entrüstung rauscht am Montag durch den Blätterwald. Die Journalisten haben das Wochenende für ihre Recherchen genutzt: Demnach begründet die Bundesanwaltschaft ihr Vorgehen gegen den "Spiegel" mit der Erklärung, es bestehe Verdacht auf Landesverrat, landesverräterische Fälschung und aktive Bestechung. Obwohl von offizieller Seite zunächst bestritten wird, dass die Aktion auf die Berichterstattung des "Spiegel" zurückzuführen sei, scheint sie in Zusammenhang mit einem in Nummer 41 erschienenen Artikel über die Bundeswehr zu stehen.

Armee nur "bedingt abwehrbereit"?

Unter dem Titel "Bedingt abwehrbereit" war die Bewaffnung, Kampfkraft und Ausbildung der Bundeswehr kritisch untersucht worden. Laut "Spiegel" hatte sich sowohl die junge deutsche Armee als auch die Notstandsplanung bei der Septemberübung "Fallex 62" als äußerst schwach erwiesen. Das Nachrichtenmagazin kritisierte die Abwesenheit des Bundeskanzlers und des Verteidigungsministers bei diesem wichtigen Manöver, das selbst der amerikanische Amtskollege aus dem Pentagon, McNamara, für 48 Stunden besuchte. Der "Spiegel" berichtete nicht nur von Personallücken und Mängeln bei der Bewaffnung der Bundeswehr, sondern veröffentlichte auch die NATO-Zensuren für die Deutschen: "Zur Abwehr bedingt geeignet" - die schlechteste Note sieben Jahren nach der Wiederbewaffnung und sechs Jahre nach Amtsantritt von Franz-Josef Strauß als Verteidigungsminister.

Verteidigungsminister Strauß lässt Augstein abführen

Verteidigungsminister Strauß lässt Augstein abführen - Strauß' Vorgehen in der Affäre bezeichnete der damalige Bundesinnenminister Hermann Höcherl "etwas außerhalb der Legalität".

Plakat eines Münchner Demonstranten vom Oktober 1962

   

Weniger die Anklagepunkte der Bundesanwaltschaft als vielmehr das rücksichtslose Vorgehen der Behörden lösen einen Schock in der deutschen Gesellschaft aus. Zu sehr erinnern die Ereignisse an jene Zeiten, "die mit Recht als die dunkelsten unseres Landes bezeichnet werden", schreibt der Kolumnist der Münchner Abendzeitung, Jochen Willke. Namhafte Vertreter aus Kultur, Bildung und Wirtschaft drücken spontan und öffentlich ihr Missfallen aus. Rüstungsfachleute bekunden ihr Erstaunen, da die veröffentlichten Erkenntnisse über die Wehrtauglichkeit der Bundeswehr allgemein bekannt und in den Medien bereits publiziert worden sind.

Strauß zum Rücktritt gezwungen

Die internationale Presse vermutet, dass die Aktion gegen den "Spiegel" einen lästigen Kritiker der Regierung Adenauer treffen soll - ein persönlicher Rachefeldzug von Verteidigungsminister Strauß. Die außergewöhnliche Länge der Untersuchung - sie zieht sich über 32 Tage - erwecke den Eindruck, "erst ihre Resultate sollten nachträglich legitimieren, was da getrieben wurde".

In der Tat, ein Motiv findet sich schnell bei Strauß: Die jüngsten Veröffentlichungen des Hamburger Nachrichtenmagazins über den Verteidigungsminister hatten in einem Artikel mit der überschrift "Balkan in Bonn?" gegipfelt. Darin beleuchtete Rudolf Augstein unter dem Pseudonym Moritz Pfeil die zahlreichen Affären, in die Strauß verwickelt war.

   

Im Lauf der Untersuchungen schildert der Verteidigungsminister seine dubiose Rolle bei der Festnahme von "Spiegel"-Redakteur Conrad Ahlers im spanischen Malaga in mehreren, sich widersprechenden Versionen. Diese werden Gegenstand verschiedener "offizieller Bonner Erklärungen" der Bundesregierung. Sie belasten die Glaubwürdigkeit von Adenauers Kabinett stark und führen schließlich zu einer Regierungskrise, in der alle fünf FDP-Minister zurücktreten. Strauß wird daraufhin gezwungen, aus dem Amt als Verteidigungsminister zu scheiden. Am 11. Dezember 1962 erhält er die Entlassungsurkunde.

Seine persönlichen Rachegelüste gegen den "Spiegel" sind dem ehrgeizigen Bayern zum Verhängnis geworden. Der schnelle und unaufhaltsame Aufstieg von Franz-Josef Strauß scheint gestoppt. Wer glaubt zu diesem Zeitpunkt, dass er 18 Jahre später für das Amt des Bundeskanzlers kandidieren wird?

Thomas Speckmann

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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