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Brennpunkt |
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Wandel durch Annäherung
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Der Grundlagenvertrag von 1972 |
Normale, gutnachbarliche
und gleichberechtigte
Beziehungen - dieses Ziel
strebten die beiden deutschen
Staaten mit dem Grundlagenvertrag
von 1972 an.
Ein weiterer Schritt in der
Ostpolitik der SPD/FDP-Regierung
unter der Maxime
"Wandel durch Annäherung".
"Bisher hatten wir keine Beziehungen,
jetzt werden wir schlechte haben - und das ist
der Fortschritt." Nüchtern stellt Egon Bahr
fest, was von dem "Vertrag über die Grundlagen
der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und der DDR" seiner
Meinung nach zu erwarten ist: Eine fundamentale
Neuerung im Verhältnis zur DDR erkennt
der Staatssekretär und Vertraute von
Bundeskanzler Willy Brandt durchaus, vor
allzu großen Hoffnungen aber warnt er.
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Fundament der neuen Ostpolitik - der Grundlagenvertrag von 1972 |
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Seit Juni 1972 verhandelt Bahr mit dem
Staatssekretär beim Ministerrat der DDR,
Michael Kohl, über den Vertrag, der die unterschiedlichen
Interessen beider Seiten auszuloten
sucht: Indem er ausdrücklich "auf der
Grundlage der Gleichberechtigung" geschlossen
wird, bringt er der DDR nach mehr als
zwanzig Jahren die faktische Anerkennung
durch die Bundesrepublik. Keiner der beiden
Staaten, heißt es in dem Dokument, könne
den anderen international vertreten oder in
seinem Namen handeln. Mit dieser Feststellung
verzichtet die Bundesrepublik auf den
Alleinvertretungsanspruch, der nur ihr die
Wahrnehmung deutscher Interessen zubilligte.
Einer völkerrechtlichen Anerkennung der
DDR widersetzt sich die Bundesregierung
jedoch hartnäckig. So werden in Bonn und
Ost-Berlin keine Botschaften, sondern lediglich
"Ständige Vertretungen" eingerichtet.
Zwei Staaten - eine Nation
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Willy Brandt will die Vorstellung einer
deutschen Nation nicht aufgeben. Bundesrepublik
und DDR könnten füreinander nicht
Ausland sein, stellt er in seiner Regierungserklärung
vom 28. Oktober 1969 fest. Gleichzeitig
spricht Brandt an dieser Stelle zum
ersten Mal von "zwei Staaten in Deutschland"
und setzt damit ein deutliches Signal: Die
neue sozialliberale Koalition ist entschlossen,
der erfolgreichen Westintegration nun Fortschritte
im Verhältnis zum Osten folgen zu
lassen. Dass dazu gerade die Anerkennung
der gegebenen politischen Verhältnisse nötig
sei, formuliert Egon Bahr bereits 1963. "Wandel
durch Annäherung" nennt er sein Konzept,
das "die bisherige Politik des Drucks und
Gegendrucks" überwinden und Interessen der
Gegenseite berücksichtigen will.
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Treffen von Ministerpräsident Willi Stoph und Bundeskanzler Willy Brandt in Erfurt und in Kassel 1970 |
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Die neue Ostpolitik der SPD/FDP-Regierung
knüpft hier an. Im Kreml werden die
Grundzüge der folgenden Verträge mit Warschau,
Ost-Berlin und Prag festgelegt: Achtung
der bestehenden Grenzen, damit Anerkennung
des Status quo in Europa als
Ergebnis des Zweiten Weltkriegs sind Kerninhalte
des Moskauer Vertrags, den Brandt
und Außenminister Walter Scheel im August
1970 unterschreiben. Auf diese Weise hoffen
die Architekten der Ostpolitik, neue Handlungsspielräume
zu gewinnen: Eigene Zugeständnisse
eröffnen, so das Kalkül, vor allem
in der festgefahrenen Deutschlandpolitik die
Chance für engere Kontakte und menschliche
Erleichterungen. Während die CDU/CSU-Opposition
um das Wiedervereinigungsgebot
des Grundgesetzes fürchtet, den Grundlagenvertrag
als "Teilungsvertrag" interpretiert
und deshalb bis vor das Bundesverfassungsgericht
zieht, will die Bundesregierung den
Zusammenhalt der Nation durch intensivere
innerdeutsche Beziehungen stärken.
Die "nationale" Politik der SED
Dies ist jedoch nicht die Art von Normalisierung,
die sich die DDR-Führung wünscht.
Ihr geht es im Gegenteil darum, das deutsch-deutsche
Verhältnis wie ein internationales
zu gestalten. Die bundesrepublikanische Vertragspolitik
stellt die SED-Regierung unter
Erich Honecker daher vor ein Dilemma:
Zwar gelingt ihr nun der Durchbruch zu internationaler
Anerkennung durch zahlreiche Einzelstaaten
und durch die Vereinten Nationen,
denen beide deutsche Staaten 1973 beitreten.
Doch muss die DDR-Führung damit rechnen,
dass Entspannung und innerdeutsche Annäherung
auch ungewollte Wirkungen zeigen:
Gesamtdeutsche Hoffnungen zu schüren, lässt
sich nämlich nicht vermeiden, wie der Jubel
der Bevölkerung beim Besuch Willy Brandts
in Erfurt 1970 beweist.
Die DDR-Führung geht
deshalb immer stärker zu einer
Politik der Abgrenzung
über. "Die BRD ist Ausland"
verkündet Honecker 1972.
Unermüdlich wird von der
SED die Existenz einer sozialistischen
Nation beschworen,
werden die Begriffe "deutsch"
und "Deutschland" zunehmend
vermieden, bis die
Volkskammer 1974 die Verfassung
ändert und alle Bezüge
auf die deutsche Nation
streicht. Ihre unterschiedlichen
Auffassungen zur nationalen
Frage bekräftigen
DDR und Bundesrepublik
schon in der Präambel des
Grundlagenvertrags. Bis zuletzt
hält Honecker Bonn
seine Formel "Zwei Staaten -
Zwei Nationen" entgegen, die
allerdings in der Praxis schnell
an Grenzen stößt: Die DDR
braucht westdeutsche Güter,
Transferleistungen und Kredite.
überdies bleibt der andere
deutsche Staat für viele
DDR-Bürger Vergleichsobjekt
und nationaler Bezugspunkt.
Wie sehr die Abgrenzungspolitik
der SED die Realitäten
verfehlt, zeigt 1989/90 die
friedliche Revolution.
Bettina Effner
Verhandlungen und Verträge der Bundesrepublik Deutschland mit Staaten Osteuropas und der DDR 1963-1973 |
1963 |
15. Juli
Tutzinger Rede von
Egon Bahr:
"Wandel durch Annäherung" |
1969 |
28. Oktober
Bundeskanzler Willy Brandt
ist zu gleichberechtigten
Verhandlungen mit der DDR
bereit |
1970 |
19. März und 21. Mai
Treffen von DDR-Ministerpräsident
Willi Stoph und
Bundeskanzler Willy Brandt
in Erfurt und Kassel
12. August
Moskauer Vertrag
7. Dezember
Warschauer Vertrag |
1971 |
3. September
Viermächteabkommen
über Berlin
17. Dezember
Transitabkommen |
1972 |
26. Mai
Innerdeutscher
Verkehrsvertrag
21. Dezember
Grundlagenvertrag |
1973 |
11. Dezember
Prager Vertrag |
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