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Kein Tag wie jeder andere
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Geschichte des Sonntags |
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Wer am Tag des Herrn
rüttelt, fordert heiligen Zorn
heraus - und provoziert
ungewöhnliche Bündnisse
zur Abwehr solchen Frevels.
"Sonntag muss Sonntag
bleiben!" fordern Kirchen
und Gewerkschaften unisono,
wenn es um die Ausweitung
der Ladenschlusszeiten
geht. Sie treffen sich in der
Verteidigung des Ausnahmestatus,
den der siebte Tag
der Woche seit Jahrtausenden
genießt. Kaum eine
abendländische Tradition
hat sich so erfolgreich jeglichen
Abschaffungs- und
Umdeutungsversuchen
widersetzt wie die übereinkunft,
dass der Sonntag kein
Tag wie jeder andere sei.
Wie breit der gesellschaftliche Konsens in
dieser Frage auch heute noch ist, hat jüngst
eine Umfrage des Allensbacher Instituts für
Demoskopie gezeigt. "Der Sonntag ist ein ganz
besonderer Tag, auf den ich nicht verzichten
will" - für diese Antwort entschieden sich 77
Prozent der Befragten, als das Institut wissen
wollte, was ihnen der Sonntag bedeute. Eine
überwältigende Mehrheit hält am Sonntag und
am gemeinsamen gesellschaftlichen Rhythmus
der Siebentagewoche fest. Daran haben offensichtlich
weder die Diskussion um flexible Arbeitszeiten
noch die fortschreitende Pluralisierung
der Lebenswelt etwas geändert.
Allerdings gilt das nur für die Institution des
besonderen, arbeitsfreien Tages selbst; die
Einigkeit findet schnell ein Ende, wenn es darum
geht, was denn an diesem Tag geschehen
soll. Charakter und Form der Sonntagsgestaltung
haben sich in den vergangenen Jahrzehnten
erheblich gewandelt.
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Bauernkalender von 1530 |
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Im Mai 2002 initiierten die
christlichen Kirchen mit dem
Deutschen Gewerkschaftsbund
und der Dienstleistungs- gewerkschaft
Verdi in
Hamburg ein Volksbegehren
gegen erweiterte Ladenöffnungszeiten
am Sonntag. |
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Traditionen
Welche kulturellen und sozialen Wurzeln
hat der Sonntag? Welche Institutionen und
gesellschaftlichen Kräfte wirken auf ihn ein?
Welche Rituale prägen ihn und wie haben sie
sich ihrerseits verändert? Diese Frage stellt
die aktuelle Wechselausstellung im Haus der
Geschichte. Sie zeichnet die Geschichte des
Sonntags als Bestandteil der abendländischen
Kultur nach und zeigt gemeinsame, aber auch
unterschiedliche Erfahrungen deutsch-deutscher
Lebenswelt nach 1945. Dabei stellt sich
heraus: Grundlegende Merkmale wirken über
historische und politische Brüche hinweg,
doch in seiner Ausformung bleibt der siebte
Tag nicht unberührt vom gesellschaftlichen
Wandel. Er vollzieht sich zwischen zwei Polen:
Der christlichen Prägung einerseits, dem
zunehmenden Verständnis des Sonntags als
Freizeittag andererseits.
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Der religiöse Ursprung des siebten Tags
liegt im jüdischen Sabbat. Die Christen übernehmen die jüdische Woche,
wählen aber den
auf den Sabbat folgenden Tag zu ihrem "Tag
des Herrn". Auch das Sabbatgebot wird auf
den Sonntag übertragen. Die gesellschaftlich
verpflichtende Wirkung der Sonntagsheiligung
hält für Teile der Bevölkerung bis heute an -
der breite Widerhall kirchlicher Aufrufe zum
Schutz des Sonntags beweist es.
In der ausklingenden Romantik und der
Biedermeierzeit entwickelt das Bürgertum
Idealbilder vom Sonntag, die uns als familiäre
Rituale bis heute vertraut sind, etwa das
gemeinsame Mahl und der Spaziergang im
Sonntagsstaat.
Erst nach dem Sturz Bismarcks wird die
Sonntagsruhe im Kaiserreich nach und nach
durchgesetzt. In der Weimarer Republik ist
sie schließlich verfassungsmäßig garantiert.
In dessen Schutz genießen auch Industriearbeiter
und und Angestellte den arbeitsfreien
Sonntag. Es entwickeln sich Formen sonntäglicher
Freizeitgestaltung im Verein oder mit
Familie und Freunden in den Naherholungsgebieten
vor den Toren der Städte, die bis
heute fort wirken.
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Plakat einer Kampagne der Evangelischen Kirche von 1999 |
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Versuche des Nationalsozialismus, den
Sonntag ideologisch zu vereinnahmen, sind
weniger erfolgreich. Der Sonntag erweist sich
als ideologieresistent, eine Erfahrung, die
Jahre später auch die Machthaber der DDR
machen sollen.
Sonntag in Ost und West
Schwerpunkt der Ausstellung ist die Veränderung
des Sonntags in der deutschen
Nachkriegszeit. Zunächst bietet sich unmittelbar
nach Kriegsende in Ost und West das gleiche
Bild: In Zeiten der Not wird alles, was an
"heile" Vorkriegszeiten erinnert, dankbar aufgegriffen
- bringt es doch ein Stück normalen
Alltags zurück. Christlicher Glaube und sonntäglicher
Kirchgang wirken als Orientierung
und Halt.
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In den Folgejahren prägen die unterschiedlichen
staatlichen, gesellschaftlichen
und wirtschaftlichen Bedingungen in beiden
Teilen Deutschlands die Gestaltung des Sonntags.
In der Bundesrepublik verliert die kirchliche
Bindung seit Mitte der 1960er Jahre
zunehmend an Bedeutung. Wirtschaftswachstum,
steigender Wohlstand und Arbeitszeitverkürzung,
vor allem die Einführung des
arbeitsfreien Samstags, bringen neue Möglichkeiten
der Freizeitgestaltung. Der Fernsehkonsum
beeinflusst den häuslichen Sonntag
zunehmend, das Auto verschafft größere
Mobilität und damit dem traditionellen Sonntagausflug
neue Ziele.
In der DDR bemüht sich die SED vor allem
in den 1950er Jahren, den christlichen Gehalt
des siebten Tags zu verdrängen. Der Sonntag
sollte sozialistisch geprägt sein, Arbeit und
Freizeit im Kollektiv das Wochenende bestimmen.
Ohne durchschlagenden Erfolg: Die
DDR-Bevölkerung hält an der privaten Sphäre
und traditionellen Gestaltung fest. Nach dem
Motto "Freitag nach eins macht jeder seins"
setzt sich ein "privates" Wochenende unter
DDR-Bedingungen durch. Zum realsozialistischen
Freizeitrenner entwickelt sich das
Wochenende im Kleingarten und im Grünen;
der Rückzugsraum der Laube wird zur politikfreien
Erholung genutzt. Zugleich zunehmend
wird individuelle Freizeitgestaltung eingefordert
- auch in der DDR will am Sonntag
jeder nach seiner Fasson selig werden.
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Die Einführung des arbeitsfreien
Samstags erweitert den
Sonntag zum Wochenende. |
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Der real existierende sozialistische Sonntag: Genau wie im Westen stand auch im Osten
der Sonntag im Grünen oder in der Laube hoch im Kurs. |
Der offizielle sozialistische
Sonntag: Die SED mühte sich,
den Sonntag systemkonform
zu nutzen, etwa durch den
"Tag des deutschen Bergmanns"
- ohne großen Erfolg. |
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Die pluralisierte Gegenwart
Heute bestimmt ein Nebeneinander alter
Gewohnheiten und neuer freizeitorientierter
Angebote den Sonntag. Alles ist erlaubt, alles
ist möglich. Und doch greifen die Menschen
mehrheitlich auf altbekannte Versatzstücke
zurück, wenn sie ihr Wochenende planen:
ausschlafen, ausgiebig frühstücken, Spaziergänge,
der Ausflug ins Grüne, Fernsehen, Besuche
oder Sport. Aktuelle Meinungsumfragen
belegen, dass der Sonntag für die meisten
Bürger nach wie vor für Entspannung und soziale
Kontakte reserviert ist - und bleiben soll.
Die Deutschen halten mit erstaunlichem Beharrungsvermögen
an einer kulturellen Institution
fest, an der sich nicht nur zwei
totalitäre Ideologien, sondern auch die so
unaufhaltsam scheinende ökonomisierung
sämtlicher Lebensbereiche die Zähne ausgebissen
haben. Wenig spricht dafür, dass sich
daran so bald etwas ändert.
Helene Thiesen/Peter Strobel
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Das Haus der Geschichte
zeigt die Ausstellung
"Am siebten Tag.
Geschichte des Sonntags"
vom 25. Oktober 2002
bis 21. April 2003.
Im Zeitgeschichtlichen
Forum Leipzig ist sie
vom 15. Juni bis
22. Oktober 2003 zu sehen.
Zur Ausstellung erscheint
eine gleichnamige Begleitpublikation.
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