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Pflichtspaziergänge und Kuchen

Sonntagsstreifzüge durch die Literatur

"Was - was ist? Ach so. Heute ist Sonntag. Da kann ich noch liegen. Mit den Schultern kuscheln. Mich ans Kopfkissen schmiegen - aus alter Gewohnheit wacht man sonntags immer so früh auf wie wochentags - das kommt vielleicht von dem Schimmer da von den Jalousien - was ist denn das für ein Geratter und Gebraus? Na, jedenfalls heute muß ich nicht raus."

Sonntag ist der Tag, an dem immer irgendwas los ist in der Literatur - und wenn nicht, ist auch das der Rede wert. So auch in Kurt Tuchholskys "Sonntagsmorgen, im Bett". Halbwach Gedachtes und Geträumtes vermischt sich zu einem famosen Gedicht über die bevorstehenden Familienverpflichtungen. Von Goethe bis Grass und von Wolf Biermann bis Birgit Vanderbecke begegnet man Sonntagsritualen, wohlgesetzte Ironie verrät nur allzu oft leises Unbehagen an den bestehenden Verhältnissen. Das enge Korsett der Familiengewohnheiten - schreibend wird es etwas gelockert. Dann tun sich feine Einblicke in deutsche Befindlichkeiten auf und immer wieder schimmert Zeitgeschichte durch.

Etwa wenn sich Christoph Hein in seinem Roman "Von allem Anfang an" an einen Familienbesuch in West-Berlin erinnert. Man saß gerade in einem Café am Ku'damm, als sich die Nachricht vom Einmarsch der Russen in Ungarn verbreitete. Der Junge schämt sich, weil Vater mit seiner Aufregung sie als Kleinstädter aus dem Osten verrät, und Mutters Mahnung macht alles nur noch schlimmer: "Iss doch bitte den Kuchen ... er ist teuer genug." Selbstgefällige Gemütlichkeit auch in Gabriele Wohmans süffisanter Erzählung "Sonntag bei den Kreisands": "... diese Neigung mit den Pflichtspaziergängen ihrer Kindheit; auf denen bekam sie Nasenbluten oder Magendrücken oder ein Schäferhund biss sie in weiße Strümpfe, die sie auch nicht mochte." Wie gut, dass man heute ein Auto hat, und zu Hause einen Fernseher und eine Couch ...

Ob es das eigensinnige Kind ist, das schon bei Goethe sein blaues Sonntagswunder erlebt, oder der arme Hanno in Thomas Manns "Buddenbrooks", der einen schönen, selbstvergessenen Sonntag mit einer unruhigen Nacht bezahlt, weil er die Lateinvokabeln nicht gelernt hat - geplagte Sonntagskinder sind sie alle. Kein Wunder also, dass K., der Held in Franz Kafkas "Prozess", stets am Sonntag zur Verhandlung zu erscheinen hat: damit der Arbeitsprozess nicht weiter gestört wird. Ganz einfach war es wohl nie, den Sonntag heil zu überstehen. "Aber so ist das im Leben", heißt es darum in Tucholskys Gedicht treffend und knapp: "Das Schönste vom Sonntag ist der Sonnabend Abend".

Hansjörg Albrecht

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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