|
|
 |
 |
 |
Archiv |
|
Brennpunkt |
 |
 |
|
|
 |
"Man kann nicht genug an die eigene Geschichte erinnern"
|
 |
 |
 |
 |
|
Interview mit Helmut Kohl
Am 13. Oktober 1982 regt
Bundeskanzler Helmut Kohl in
seiner Regierungserklärung an,
eine "Sammlung zur deutschen
Geschichte seit 1945" aufzubauen.
Der Weg für das Haus der
Geschichte im früheren
Regierungsviertel wird
bereitet. Neun Jahre nach
Museumseröffnung zieht
der frühere Bundeskanzler
Bilanz.

mm Die Ausstellungen der Stiftung Haus der Geschichte haben seit der Eröffnung
1994 nahezu neun Millionen
Menschen besucht. Haben Sie
diese Resonanz erwartet?
|
 |
Helmut Kohl |
|
Kohl Dass das Haus der
Geschichte einen enormen Zuspruch
bei der Bevölkerung finden
würde, damit hatte ich schon
gerechnet. Denn die in dem Museum
nachgezeichnete Geschichte
der Bundesrepublik ist für die meisten
Bürger vor allem der alten
Bundesländer identisch mit der
selbst erlebten Vergangenheit. Viele
der Besucher sind Zeitzeugen
der dokumentierten Ereignisse. Die Gründung der beiden deutschen
Staaten, die Einführung der Sozialen
Marktwirtschaft, das so
genannte Wirtschaftswunder, die
Aussöhnung mit Frankreich, der
Kalte Krieg, die Westbindung, der
Fall der Mauer und schließlich
die Wiedervereinigung, um einige
wichtige Stationen zu nennen -
das alles haben die meisten Bürger
selbst erlebt. Ich freue mich
sehr, dass die Dauerausstellung wie
auch die Wechselausstellungen in
der Bevölkerung einen solchen
Zuspruch finden. Und ich freue
mich für Bonn, dass die ehemalige
Bundeshauptstadt mit dem
Museum um eine
Attraktion reicher ist. Es steht nur
wenige Schritte entfernt vom Museum
König, dem
Tagungsort des Parlamentarischen
Rates. Hier arbeiteten die Mütter
und Väter der Bundesrepublik das
Grundgesetz aus und legten die
Fundamente für den freiheitlichsten
Staat, den es je auf deutschem
Boden gab. |
 |
Ein Gang durch die Geschichte: Bei der Eröffnung des Hauses der Geschichte am 14. Juni 1994 |
|
mm Sehen Sie Ihre konzeptionellen
Vorstellungen aus dem Jahr
1982 verwirklicht?
Kohl Als ich am 13. Oktober
1982 im Deutschen Bundestag
meine Idee von einem Museum
zur Geschichte unseres Staates
und der geteilten
Nation vortrug, konnte niemand
wissen, dass sieben Jahre später
die Mauer fiel, und ein Jahr darauf
die deutsche Einheit verwirklicht
sein würde. Doch hatte das
Museum von Anfang an einen
gesamtdeutschen Auftrag, und so
brauchte am ursprünglichen Konzept nichts geändert werden, als
schließlich 1990 die Deutsche Einheit
kam. Gleichwohl wurde die
Ausstellung entsprechend erweitert.
Gelegentlich wird gefragt, ob
wir jetzt, da Deutschland vereint
ist, überhaupt noch ein Museum
brauchten, das die Geschichte der
Bundesrepublik aufarbeitet. Ich
meine, dass eine solche Einrichtung
heute ganz besonders nötig
ist. Denn unsere schnelllebige Zeit
macht vergesslich, und deshalb
kann man nicht genug an die
eigene Herkunft und die
eigene Geschichte erinnern. Unsere
junge Generation kennt die
Anfänge unserer
Demokratie nicht mehr aus
eigener Anschauung. Umso wichtiger
ist es, ihr immer wieder die
Fundamente zu verdeutlichen, auf denen das vereinte Deutschland
steht. |
 |
Eine Regierungserklärung mit Folgen: Helmut Kohl schlägt eine Sammlung zur deutschen Geschichte nach 1945 vor. |
|
mm Wäre ein Haus der europäischen
Geschichte nach dem
deutschen Vorbild eine denkbare
Weiterentwicklung Ihrer ursprünglichen Idee?
Kohl Jede Auseinandersetzung,
auch in Ausstellungen, mit der europäischen
Geschichte und mit
dem Bau des Hauses Europa begrüße
ich sehr. Gewiss ist auch das
Bonner Haus der Geschichte ein
gutes Vorbild für andere Museen.
Ob aber die europäische Geschichte
in einem
einzigen Museum ausgestellt werden
sollte, steht heute nicht zur Debatte.
Im Übrigen gibt es an vielen
Orten immer wieder Einzelausstellungen
zu diesem Thema. Darüber
hinaus ist in der Ausstellung des
Hauses der Geschichte in Bonn das Thema Europa präsent. Zudem ist
das Haus der Geschichte auf europäischer
Ebene bei der Zusammenarbeit
mit anderen Museen vielfältig
engagiert. |
Interview: Thomas Speckmann |
|
|
 |
|