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Brennpunkt

 

Sonntags blieb das Auto stehn

Ölkrise 1973

Vor dreißig Jahren drosselten die arabischen Staaten den Erdölexport in die westlichen Industrieländer aufgrund deren proisraelischen Haltung im Jom-Kippur-Krieg. Explodierende Preise, Tempolimit, Fahrverbote und die Suche nach alternativen Energiequellen sind die Folgen. Die Ölkrise macht schlagartig die Abhängigkeit vom Erdöl deutlich.

Im Oktober 1973 hatten die arabischen Ölförderländer damit begonnen, Öl als politische Waffe einzusetzen. Preiserhöhungen und ein Lieferboykott gegenüber den USA und den Niederlanden sollen die westliche Welt zwingen, ihre proisraelische Haltung zu ändern. Die Folgen sind drastisch: 1973 vervierfacht sich in Kürze der Rohölpreis. Obendrein schlagen die westlichen Ölkonzerne aus der Verknappung Gewinn. Die Preise explodieren. In kurzer Zeit steigt der Literpreis um 36 Prozent. Besorgte Bundesbürger versuchen mit Hamsterkäufen, Benzinvorräte zu sichern.

Gähnende Leere: Die Autobahn Bonn-Köln am 2. Dezember 1973

Die sozial-liberale Bundesregierung ergreift - wie auch die Regierungen der westlichen Nachbarstaaten - Sofortmaßnahmen. In nur wenigen Tagen bringt sie ein Energiesicherungsgesetz auf den Weg: Einschränkung des Energieverbrauchs, zeitweise "Tempo 100" auf den Autobahnen und - besonders einschneidend - ein Fahrverbot an vier Sonntagen im November und Dezember. Nur mit einer Ausnahmegenehmigung ist es erlaubt, sich hinter das Lenkrad zu setzen. Von drei Uhr morgens an ruht für 24 Stunden der Straßenverkehr. Straßen und Wege gehören Fußgängern, Radfahrern und Pferdekutschenbesitzern. Nur auf leeren Autobahnen spazieren gehen - wie später gern kolportiert - darf niemand. Die Bundesbürger nehmen das Fahrverbot mit Gelassenheit auf. Die Zahl der Verstöße bleibt gering. Nur etwa jeder Hundertste, der kontolliert wird, fährt ohne Erlaubnis - 500 DM sind die Strafe. Der zwangsverordnete Urlaub vom Auto fördert sogar bei vielen das Erkunden neuer Möglichkeiten, ohne Pferdestärken seine Persönlichkeit frei zu entfalten und den Sonntag zu genießen.

Bereits zu Beginn des Jahres 1974 stellt sich heraus, dass die Mineralöl-Versorgung zu keiner Zeit wirklich gefährdet war. Die zeitlich befristeten Verordnungen werden daher nicht verlängert. Auch das Autobahn-Limit "Tempo 100", das Verkehrsminister Lauritz Lauritzen beibehalten will, fällt nach lautstarkem Protest der Öffentlichkeit zugunsten einer Richtgeschwindigkeit von 130 km/h auf Autobahnen. Zur Energiesicherung setzt die Bundesregierung nun langfristig stärker auf die Kernkraft. Dies wiederum löst Ablehnung bei Umweltschützern aus. Die Anti-Atomkraft- Bewegung erhält starken Zulauf.

Aus heutiger Sicht ist es korrekter, von einem Ölpreisschock zu sprechen, der damals die Autofahrer und auch die Autohersteller traf. Diese mussten nach jahrzehntelanger Hochkonjunktur dramatische Umsatzverluste hinnehmen. Fieberhaft wurde versucht, sparsamere Autos zu entwickeln. Auch andere Industriezweige gerieten in Mitleidenschaft. Die Weltwirtschaft rutschte in eine tiefe Rezession.

Beratungen des Wissenschaftlichen Beirats

Die Folgen der Ölkrise werden öffentlich diskutiert.

Die Ölkrise erschütterte den Glauben an ein schier uneingeschränktes Wirtschaftswachstum und markierte den Anfang eines Bewusstseinswandels. Auch in der Bundesrepublik begann die Diskussion um die Frage nach den "Grenzen des Wachstums", vor denen der wissenschaftliche Bericht des Club of Rome bereits 1972 die Weltöffentlichkeit warnte.

Helene Thiesen

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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