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Sparwasser und Overath im Haus der
  Geschichte

Interview anlässlich der Trikotübergabe

Dietmar Preißler, Sammlungsdirektor im Haus der Geschichte, befragte Jürgen Sparwasser und Wolfgang Overath zu Hintergründen im WM-Vorrundenspiel Bundesrepublik Deutschland - DDR 1974 und Hans-Helmut Bremicker, der das Sparwasser-Trikot dem Haus der Geschichte am 3. Juli 2003 schenkte.

Interview bei der Trikotübergabe

Preißler: Ost gegen West, David gegen Goliath. Die Bildzeitung titelte am 22. Juni "Diese Deutschen werden uns nie schlagen". Welche Stimmung herrschte vor dem Spiel in der Mannschaft und in der Kabine?

Sparwasser: Das Spiel Australien gegen Chile fand vor unserem Spiel statt. Daher wussten wir, dass beide deutsche Mannschaften eine Runde weiter waren. Es ging praktisch nur noch um das Prestige. Die Hoffnung, dieses Spiel zu gewinnen, war relativ gering, weil wir wussten, dass die bundesdeutsche Mannschaft wesentlich stärker ist. Das glaubte damals die Öffentlichkeit und das merkte man auch im Stadion.

Preißler: Herr Overath, viele Politiker waren im Stadion, u. a. Helmut Kohl, der spätere Bundeskanzler, der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, der ständige Vertreter der DDR in der Bundesrepublik Michael Kohl. Empfanden Sie das Spiel auch als ein politisches Ereignis? Wurde darüber in der bundesdeutschen Kabine gesprochen?

Overath: Es war mit Sicherheit für uns Spieler kein politisches Ereignis. Es war ein Spiel gegen Landsleute, mit denen wir aber keinen Kontakt hatten. Wir wussten, dass sie eine gute Mannschaft hatten, und wir wollten gewinnen. Wir dachten, wir schaffen es ohne viel Anstrengung, ohne viel Kraft. Im Nachhinein muss ich sagen, dass diese Niederlage uns aufgeweckt hat und uns klar wurde, dass es nicht mit Spielen allein gelingt, sondern dass wir auch kämpfen mussten. Wahrscheinlich war diese Niederlage nachher der Sieg im Endspiel.

Preißler: Herr Sparwasser, nach dem berühmten Tor versuchte die SED, Ihre Popularität für sich auszunutzen. Sie sollten unter anderem Trainer des FC Magdeburg werden. Warum lehnten Sie dies ab und hatte diese Entscheidung Folgen für Sie?

Sparwasser: Ich war schon immer konsequent, und ich wollte noch in den Spiegel gucken können. Ich hatte meinen beruflichen Werdegang an einer Hochschule geplant. Dort war ich auch zehn Jahre tätig. Doch dann trat man an mich heran und zwang mich im Prinzip, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich wehrte mich aber dagegen. Von da an hatte ich keine Möglichkeiten mehr, mich beruflich weiter zu qualifizieren, und als sich später im Januar 1988 die Gelegenheit ergab, mit meiner Frau im Westen zu bleiben, haben wir diese genutzt.

Preißler: Zurück zum Spiel, Herr Overath. Man spricht ja davon, dass politische Systeme auch auf den Sport Einfluss haben, eventuell sogar die Taktik prägen. War es so, dass westliche "Individualisten" auf ein östliches "Kollektiv" stießen?

Overath: Vielleicht stellte die ehemalige DDR-Mannschaft um Jürgen Sparwasser ein besseres Kollektiv dar als wir. Wir hatten die bekannteren und größeren Einzelspieler, aber als Mannschaft war die DDR mit Sicherheit besser. Ob dies nun mit dem politischen System zusammenhing oder nicht, ist schwer zu beurteilen. Wenn die Spieler der DDR-Mannschaft die Chance gehabt hätten, in Westdeutschland zu spielen, wären sie möglicherweise auch zu großen Einzelspielern, zu großen Persönlichkeiten geworden. Aber das war im DDR-System nicht möglich und deshalb hängt es wahrscheinlich doch mit der Politik, der politischen Situation zusammen.

Preißler: Herr Sparwasser, würden Sie heute taktisch anders spielen, wenn Sie eine westliche Sozialisation erlebt hätten?

Sparwasser: Der 1. FC Magdeburg ist im Frühjahr 1974 gegen den AC Mailand Europapokalsieger der Pokalsieger geworden. Das zeigt, dass wir als Mannschaft auch individuell sehr gute Spieler hatten. Von diesen Spielern waren fünf auch in Hamburg dabei, so schlecht waren wir also nicht. Unsere Stärke lag darin, dass wir über den Kampf zum Spiel fanden. Individuell war die Bundesrepublik wahrscheinlich besser als wir, aber das zählt nun mal nicht.

Preißler: Sie haben sich, Herr Sparwasser, jetzt im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe zugunsten der Flutopfer engagiert. Half diese Solidaritätswelle, Ost- und Westdeutschland zusammenzuführen?

Sparwasser: Mit Sicherheit. Ich habe viele Anrufe und Briefe von Menschen bekommen, die in Sat 1 miterlebt haben, dass wir unsere Trikots zur Verfügung gestellt hatten. Wir sahen das als einen kleinen Beitrag zur Unterstützung von Leuten in einer ausweglosen Situation an. Da muss man einfach helfen. Die Trikots haben einen ideellen Wert, darum haben wir sie zur Verfügung gestellt.

Preißler: Herr Overath, erinnern Sie einen direkten Zweikampf mit Jürgen Sparwasser oder kennen Sie das Trikot nur vom Vorbeilaufen?

Overath: Das ist ja nun schon ein paar Jahre her. Wie ich mich erinnere, hatten wir untereinander auf dem Platz ein sehr gutes Verhältnis, wie es unter Sportlern oft ist, egal, ob man gegen die Brasilianer, gegen die Russen oder eben gegen die DDR-Mannschaft gespielt hat. Ich glaube, das war auch in Hamburg so. Das DDR-Team war zum Schluss die bessere und möglicherweise auch etwas glücklichere Mannschaft, aber sie hat gut gegengehalten, was so keiner erwartet hatte. Wir haben das anerkannt und daraus die Lehren gezogen. Deshalb sind wir eben letzten Endes Weltmeister geworden und stellten die beste Nationalmannschaft, die in diesem Turnier dabei war.

Preißler: Vielen Dank! Jetzt darf ich zu dem Hauptobjekt des heutigen Tages kommen, zum Trikot. Herr Bremicker, bei dem Bietgefecht bei e-bay war das Haus der Geschichte mit dabei. Wir hätten es gerne selbst ersteigert, aber Sie waren besser. Deswegen freuen wir uns besonders, auf diesem Weg das Trikot zu bekommen.

Bremicker: Ich bin Geschäftsführer eines Unternehmens in Krefeld, das Obst und Gemüse in ganz Deutschland vertreibt. Wir haben durch die Wende profitiert, indem wir unsere Geschäfte in Richtung Osten haben ausweiten können. Zufällig habe ich eine Woche vor der Flutkatastrophe eine Elbfahrt von Hamburg nach Dresden gemacht und war sehr betroffen, als die Katastrophe passierte. Dann hörte ich, dass Jürgen Sparwasser und Paul Breitner dieses Trikot für die Opfer spenden wollten. Ich habe 130 fußballverrückte Mitarbeiter - wir sind unter anderem Schalke-Partner - und wir wollten in erster Linie den Flutopfern helfen und haben dieses Trikot mit 16.350 Euro ersteigert und dem Roten Kreuz schließlich einen Betrag in Höhe von 25.000 Euro zur Verfügung gestellt. Wir wollten den Menschen im Osten helfen und gleichzeitig die Gelegenheit nutzen, dieses Objekt auch für die Jugend zu retten. Das Trikot hat mich einfach fasziniert und ich denke, im Haus der Geschichte hat es den richtigen Platz.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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