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"Ich wollte mehr Licht in dieses Land bringen"

Interview mit Fritz Pleitgen

Sein Lebensmotto "Gelassen rastlos" führte ihn in viele Länder, wo er den Kontakt mit der Bevölkerung und seinen Repräsentanten suchte. Aus den Schaltzentralen des Kalten Kriegs kamen seine Reportagen und Interviews. Seine Liebe gehört dem Kaukasus, der russischen Literatur und natürlich seiner Frau und den vier Kindern. Fritz Pleitgen, 1938 in Duisburg geboren, berichtete in den 1970er und 1980er Jahren aus der Sowjetunion, der DDR und den Vereinigten Staaten. Seit 1995 ist er Intendant des Westdeutschen Rundfunks.

mm Herr Pleitgen, Sie bewegten sich auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Auf welche Russland- und Deutschlandbilder trafen Sie in Ost und West?

Fritz Pleitgen

Pleitgen Als ich 1970 nach Moskau ging, hatten wir eine paradoxe Situation. In der Bundesrepublik gab es eine starke Abneigung gegenüber der Sowjetunion, obwohl wir hier eine freie Presse hatten. Auf der anderen Seite gab es in der Sowjetunion eine durchweg wohlwollende Haltung gegenüber Deutschland trotz einer gelenkten Presse und trotz der Erfahrungen des Kriegs.

mm Woher kam die Ablehnung in der deutschen Bevölkerung?

Pleitgen Da spielten immer noch Vorurteile aus der Vergangenheit eine wichtige Rolle, beispielsweise die so genannte "bolschewistische Bedrohung". Damit wurde auch in Wahlkämpfen gearbeitet. Außerdem wurde mit Parolen Angst geschürt wie, dass die Russen in vierundzwanzig Stunden am Rhein sein könnten. Es gab also eine diffuse Sorge vor einer unberechenbaren Weltmacht Sowjetunion, einem unheimlichen Nachbarn im Osten.

mm Und auf sowjetischer Seite?

Pleitgen Abgesehen von den furchtbaren Verbrechen im Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen ein hohes Ansehen in Russland. Selbst die sowjetische Propaganda unter Stalin ließ erklären: Die Hitler kommen und gehen, aber Deutschland bleibt. Man hat immer unterschieden zwischen den Faschisten und den Deutschen. Jedenfalls bin ich keiner deutschfeindlichen Bevölkerung begegnet, während man hierzulande schon eine sehr antisowjetische Haltung an den Tag legte.

mm Was hat Sie damals 1970 bewogen, als Korrespondent nach Moskau zu gehen?

Pleitgen Ich habe das getan, weil ich ein überzeugter Anhänger der neuen Ostpolitik von Willy Brandt war. Ich sah darin eine Chance, das Verhältnis zum Osten wenigstens einigermaßen, soweit das möglich war, zu normalisieren und damit die deutsche Teilung auch erträglicher zu machen. Als 1970 der Moskauer Vertrag geschlossen wurde, fühlte ich mich dadurch ermutigt, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich dachte, wenn man dort Verbesserungen erzielen kann, unsere Bevölkerung mehr über die Sowjetunion erfährt, dann ist das auch ein Beitrag für die Neue Ostpolitik. Aber es war eine ganz schwierige Unternehmung, zu der außer mir niemand bereit war. Mein Vorgänger war Lothar Löwe - der erste Fernsehkorrespondent in Moskau. Nach einigen frustrierenden Jahren war er nicht mehr davon überzeugt, dass dort noch eine sinnvolle Berichterstattung möglich ist. Anschließend bin ich gewissermaßen als letztes Aufgebot nach Moskau geschickt worden. Ich sollte einen langen Atem haben.

mm Unter welchen Bedingungen konnten Sie arbeiten?

Pleitgen Es war dort außerordentlich schwierig, oft nervenaufreibend. Wir arbeiteten quasi unter Zensur. Wir hatten kein eigenes Kamerateam, deswegen mussten wir die Presseagentur Nowosti um ein Team bitten - meist stellte sie es uns jedoch nicht zur Verfügung. Wir mussten für alles einen Antrag stellen. Man war den sowjetischen Stellen vollkommen ausgeliefert. Es war eine Sisyphus-Arbeit sondergleichen, trotzdem wollte ich Schritt für Schritt mehr Licht in dieses Land bringen.

Durch den wilden Kaukasus: Pleitgen auf einer Reportage-Reise, 2001

mm Wie schafften Sie es, über die gesellschaftliche Wirklichkeit in der Sowjetunion und der DDR zu berichten, ohne dass Ihre Berichte zensiert wurden?

Pleitgen Ein sehr umfangreiches Bild konnte ich nicht liefern. Vor allem musste ich versuchen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Dabei baute ich auf persönliche Kontakte, um ein Vertrauensverhältnis zu schaffen. Es war jedoch sehr schwierig, da mir gegenüber ein sehr komplizierter Apparat stand. Eine Verbesserung trat mit der KSZE ein. Im so genannten "Korb 3", der sich mit Fragen der menschlichen Beziehungen beschäftigte, war ein Vermerk, der mit viel Wohlwollen so gelesen werden konnte, dass Fernsehkorrespondenten auch mit eigenen Teams arbeiten könnten. Anfang 1975 hatten wir dann den ersten eigenen Kameramann in Moskau. Es sind danach immer mehr Berichte entstanden, die einiges über das Leben in der Sowjetunion transportierten.

mm Wo lagen die Unterschiede zu ihrer Arbeit in der DDR?

Pleitgen Mit der DDR war eine Vereinbarung geschlossen worden, auf deren Basis wir in Ost-Berlin ein Büro aufbauen konnten. Wir hatten dort wesentlich bessere Arbeitsbedingungen als in der Sowjetunion. Wir hatten eigene Teams, mussten keine Anträge stellen, konnten überall drehen, konnten Interviews machen. Lediglich den Staatssicherheitsdienst hatte man auf Schritt und Tritt dabei. Das änderte sich nach der Ausweisung von Lothar Loewe. Damals hat die DDR gemerkt, dass sie zu solchen Maßnahmen greifen konnte, ohne das Verhältnis zur Bundesrepublik nachträglich zu schädigen. Es gab ein paar Proteste, doch danach ging man zur Tagesordnung über. Das hatte sie ermutigt, die Daumenschrauben immer fester anzudrehen. 1979 hat sich die Situation massiv verschlechtert. Damals wurde die Journalistenverordnung verschärft. Alle Drehs mussten angemeldet, jedes Interview genehmigt werden, außerdem wurde das Strafrecht verschärft. Menschen, die mit uns Kontakt aufnahmen, wurden mit hohen Gefängnisstrafen bedroht.

mm Wurde Ihre Arbeit in der Sowjetunion behindert?

Pleitgen Manchmal wurde man angerempelt. Schwierigkeiten gab es auch, wenn man Sacharow besuchen wollte. Ab und zu waren die Reifen am Auto zerschnitten.

mm Sie schafften es, unautorisierte Berichte in den Westen zu bringen. Wie waren die Reaktionen auf deren Ausstrahlung?

Pleitgen Sehr ungemütlich. Man beschwerte sich natürlich. Unsere Berichterstattung wurde von den Botschaften genauestens beobachtet. Die DDR-Seite war sehr fleißig, die Presseabteilung der sowjetischen Botschaft zu informieren, wenn ein Beitrag erschien, der nicht in das Propagandabild des Sozialismus passte.

mm Die Journalistin Anna Politkowskaja behauptet, dass keine freie Berichterstattung in Tschetschenien möglich sei. Seit dem 11. September seien so genannte "Tschistki", Säuberungen, häufiger und zügelloser geworden. Die Medien schweigen. Wann wird das Thema für die westlichen Medien wieder interessant?

Pleitgen Die westlichen Medien haben immer wieder über Tschetschenien berichtet. Es ist allerdings richtig, dass das Interesse an Tschetschenien bei unserer Bevölkerung stark nachgelassen hat. Man glaubt, dass sich alles wiederholt. Das macht es schwierig, Berichte über ein solches Thema loszuwerden. Außerdem ist die Arbeit in einem Kriegsgebiet immer sehr schwierig und gefährlich. Was sich dort abspielt, ist eine Tragödie. Die Opfer sind wie immer die einfachen Menschen. Eine heillose Situation.

mm Auf die Medien in Russland wird von Seiten der Regierung versucht, Einfluss zu nehmen. Wie steht es um die Pressefreiheit in Russland?

Pleitgen Es ist in der Tat so, dass immer wieder versucht wird, durch sehr scharfe Reaktionen, Berichterstattung im genehmen Sinne zu beeinflussen.

mm Seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums ist viel über den Aufbau einer Zivilgesellschaft geredet worden. Wie weit ist Russland dabei gekommen?

Pleitgen Also die Entwicklung unserer Demokratien ging über Jahrhunderte. Das kann ein so riesiger und komplizierter Staat wie Russland nicht im Schnellgang schaffen. Es gibt noch gewaltige Defizite. Um diese zu beheben, wird es nicht nur eine Generation, sondern mehrere dauern.

mm Wie kann die Bundesrepublik diesen Prozess unterstützen?

Pleitgen Die Bundesrepublik hat ein besonders Verhältnis zu diesem Land. Deutsche und Russen haben trotz der Erfahrungen des Kriegs eine lange Tradition der Zuneigung und Freundschaft. Das ist Kapital, das genutzt werden sollte. Mein alter Mentor Lew Kopelew hat oft von einer "Volksdiplomatie" gesprochen: Dabei sollten möglichst viele Gruppen, gesellschaftliche Organisationen, aber auch Einzelpersonen Kontakte zu Russland knüpfen, gemeinsame Projekte aufbauen und pflegen - das schafft Vertrauen und Verständnis für den jeweils anderen.

mm Wann sind Sie zum ersten Mal mit Russland in Berührung gekommen?

Pleitgen Die Literatur war meine erste Begegnung. Wir hatten damals noch kein Fernsehen und so bin ich als Jugendlicher in unsere Leihbibliothek gegangen und habe mir von Lermontow bis Tolstoi alles ausgeliehen und gelesen, was ich kriegen konnte.

mm Was packte Sie an diesen Büchern?

Pleitgen Die Schicksale, die dort beschrieben wurden. Sie waren spannend erzählt und die mir fremde Welt übte eine ungeheuer große Faszination auf mich aus. Und als ich mich 1970 entschied, als Korrespondent nach Russland zu gehen, um diese fremde Welt zu entdecken, stellte sich die Entscheidung als hundertprozentig richtig für mich heraus.

Interview:
Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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