4/2003

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Titel

 

Typisch russisch - typisch deutsch

Deutsche und Russen heute

Butterbrot, Datsche oder Troika - in beiden Sprachen dokumentieren zahlreiche Lehnwörter die gemeinsame Geschichte. Klischees betonen häufig das Trennende in den Beziehungen. Worin besteht das Gemeinsame heute? Erleichtert die Kenntnis des jeweiligen Wertesystems den Dialog? Fragen, die neben historischen und aktuellen "Spuren" in der neuen Wechselausstellung im Haus der Geschichte zur Diskussion anregen.

Deutschland als blühende Landschaft - ein Klischee, das die Künstler Wladimir Dubosarskij und Alexander Winogradow überspitzt aufgreifen.

Vorurteile und oft einander widersprechende Bilder vom jeweils anderen Land und seinen Menschen bestimmen seit vielen Generationen unser Denken. Auch heute noch prägen die Beziehung von Russen und Deutschen vor allem Klischees, die sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben haben. Dabei sind die wechselseitigen Vorstellungen trotz Krieg und aller Belastungen nicht ausschließlich negativ besetzt.

Über einen langen Zeitraum spiegelt sich im Bild vom Anderen die tiefe Bewunderung für dessen Kultur. Der romantischen Vorliebe für die "russische Seele" steht dabei die Achtung vor dem "deutschen Geist", dem Land Goethes und Schillers, gegenüber. Wechselnde Phasen der Annäherung, radikale Verfeindung und Entfremdung charakterisieren die gegenseitigen Wahrnehmungen. Der Bogen spannt sich vom russo- bzw. germanophilen Kult des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bis zum propagandistischen Feindbild der Kriegs- und Nachkriegszeit.


Höchstes Gut: Gesundheit

Russische und Deutsche Werte

Quelle: Allensbach-Umfragen 1998 bis 2002 und Umfrage des Staatlichen Historischen Museums Moskau, 2001

  

Heutige Medien präsentieren in beiden Ländern einen diffusen Mix mehr oder weniger freundlicher Stereotypen. Neben den Attributen gastfreundlich, warmherzig und belesen gilt "der Russe" in Deutschland vor allem als chaotisch, mafiös und korrupt. Russen trinken gern und reichlich, neigen zum Leichtsinn und wecken vor allem Besorgnis: unbewältigte Umweltprobleme, Terrorismus und Tschetschenien- Krieg, Korruption, Prostitution, Drogen, brutale Räuberbanden.

Und die Deutschen, aus Sicht der Russen? Ordentlich sind sie, zuverlässig, fleißig, sauber, ausgelassene Biertrinker - aber auch: egoistisch, kalt, materialistisch eingestellt, geizig, gewalttätig.

Jenseits dieser typisierenden Fremdbilder erlaubt heute die Kenntnis der durch Umfragen ermittelten "Werte" möglicherweise eine vorurteilsfreiere Sicht. Der Wertewandel bzw. -verfall und die Bedeutung von Leitbildern werden derzeit in den Medien beider Länder lebhaft diskutiert.

Der Vergleich des Wertekanons ergibt erstaunliche Parallelen. So genießt die "Gesundheit" in beiden Ländern höchste Priorität. In der weiteren Rangfolge stehen sich die "Familie" in Russland und "Sicherheit und Geborgenheit" in Deutschland gegenüber. Auf Rang drei folgt in Russland "Bildung" während in Deutschland "Recht und Ordnung" und "Soziale Gerechtigkeit" für gleich wichtig erachtet werden. Auf dem vierten Platz erscheint auf russischer Seite der Begriff "Freiheit", der einerseits die in Russland neu gewonnenen demokratischen Freiheiten umfasst und andererseits die gerade von der jüngeren Generation geschätzten individuellen Bewegungsmöglichkeiten meint. Die am meisten gewünschte Tugend ist in beiden Ländern die "Ehrlichkeit", gefolgt von positiven Eigenschaften wie "Leistungsbereitschaft", "Verantwortungsbewusstsein" und "Hilfsbereitschaft".

Wenn auch im Einzelnen die Wertehierarchie von einander abweicht, gibt es doch in Deutschland und Russland ein ähnlich orientierungsstiftendes System in persönlicher wie gesellschaftlicher Hinsicht. Gelingt es, das Wissen voneinander zu vertiefen, könnte eine künftig unverzerrtere Wahrnehmung des Andern die interkulturelle Kommunikation fördern helfen.


Antoinette Lepper-Binnewerg / Jürgen Reiche

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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