mm Gab es keine außenpolitische Alternative?
Apel In einem Gespräch mit Breschnew, Helmut Schmidt und mir hat Schmidt
den Vorschlag unterbreitet, die Sowjets sollen ihre Raketen hinter den Ural zurückziehen
und wir zögern die Nato-Nachrüstung zeitlich hinaus. Das hat Breschnew
abgelehnt. Wäre er auf den Vorschlag eingegangen, hätten alle nur Vorteile
davon gehabt: Breschnew wäre als Friedensfürst gesehen worden, Schmidt
als durchsetzungsstarker Sicherheitspolitiker und die Sowjetunion wäre nicht
durch die starke finanzielle Belastung der Rüstung bankrott gegangen.
mm Gab es weitere Alternativen?
Apel Eine wäre gewesen, händeringend auf die Sowjets einzureden,
ein Moratorium, das nichts genutzt hätte. Die andere wäre gewesen, wir
machen nichts. Dann hätte uns die Sowjetunion bedrohen, politisch und militärisch
erpressen können. Amerika hätte dagegen mit dem großen Hammer
der Interkontinentalraketen drohen müssen, was allerdings keine glaubwürdige
Abschreckung ergeben hätte.
mm Die Friedensbewegung hatte die Vorstellung, eine friedliche Welt
mit gewaltfreien Mitteln zu schaffen - eine weltfremde, idealistische Position?
Apel Die Sowjetunion - und das wissen wir seit der Öffnung ihrer
Archive - hat die Friedensbewegung massiv gefüttert, nicht mit Parolen
wie "Lieber rot als tot", aber mit einer gewaltigen emotionalen Stimmung
und Angst vor dem Atomtod und vor dem Weltuntergang.
mm Was störte Sie an der Friedensbewegung?
Apel Jegliche Kritik an der sowjetischen Außenpolitik wurde nicht akzeptiert.
Die Friedensaktivisten verdächtigten uns, wir wollten die Sowjetunion zerstören,
den großen Krieg anzetteln, mit unseren präzisen Waffen die Moskauer
Kommandozentralen auslöschen. Die waren blind, naiv und hatten bornierte
Ziele - doch wir Sozialdemokraten mussten letztlich die Segel streichen.
mm Nuklearer Overkill wurde als sinnvolle Abschreckung in Frage gestellt
und ein kleiner technischer Irrtum hätte genügt, eine Katastrophe herbeizuführen.
Apel Ein Irrtum war ausgeschlossen - auf beiden Seiten. So ein Ding
fliegt nicht plötzlich los und knallt wohin. Es gab genügend militärische
Sicherungen. Das von der Friedensbewegung gesteuerte Szenario war: Wir würden
auf Knöpfe drücken und losschlagen, aber ein Bündnis muss beraten,
abstimmen. Da sitzt kein selbstherrlicher Knilch, der auf Knöpfe drückt.
Aber auf Massenkundgebungen wirkten solche Szenarios. Man machte uns bewusst zu
Karikaturen, wo doch auf beiden Seiten sehr verantwortungsbewusste und vorsichtige
Politiker saßen. Auch wenn Reagans Bezeichnung der Sowjetunion als "Reich
des Bösen" uns das Leben extrem schwer gemacht hat.
mm Kalkulierte man beim Wettrüsten den wirtschaftlichen Kollaps
eines Systems ein?
Apel Überhaupt nicht. Wir sind von zweierlei überrascht worden:
vom Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 und vom Zusammenbruch des Ostblocks.
Wir waren damals rat- und konzeptionslos. Aber wir haben die Sowjetunion immer
für wesentlich stabiler und ökonomisch leistungsstärker gehalten
als sie es wirklich war.
mm Kohl setzte den Doppelbeschluss 1983 durch und erntete die Lorbeeren.
Ungerecht?
Apel Nein. Letztlich sicherte der Nato-Doppelbeschluss den Frieden und die
Freiheit in Europa. Es ist aber bezeichnend, dass mit der Verabschiedung des Beschlusses
die gesamten Kampagnen der Friedensbewegung zusammenbrachen.
Interview: Markus Stadtmüller
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