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Elvis lebt!

Ein Star wird zur Legende

Elvis Presley zählt zu den Superstars der Musikgeschichte. Fast drei Jahrzehnte nach seinem Tod ist die Legende "Elvis" zum Mythos geworden. Seine Fans lieben ihn. Seine Musik ist allgegenwärtig.

RIO, "The Voice of Elvis", noch heute einer der gefeierten Elvis-Interpreten in Deutschland, und seine Kollegen halten, was ihr Äußeres verspricht. Bei Live-Auftritten sind alle Altersgruppen vertreten. Männer mit Sonnenbrillen, die sich das noch so bescheidene Haupthaar zu einer "Elvis-Tolle" hochfrisiert haben, Punkmädchen in Petticoats und Großmütter in Röhrenjeans teilen sich die Arenen mit Fans in zeitgemäßem Freizeitdress und bürgerlichem Zwirn.

Elvis lebt? Was für eine Frage! Auf der Bühne, in Live-Shows und in Playback-Vorstellungen geben wir uns immer wieder aufs Neue der Illusion hin, der "King of Rock 'n' Roll" habe nie aufgehört zu leben. In ihm personifiziert sich die Erinnerung an glückliche Tage und die Vorstellung von einer besseren Welt.

Werbeartikel für eine gleichnamige Elvis-Revue

Musik von unten

Für viele gilt der Rock 'n' Roll heute als musikalische Revolution und als Synonym für Freiheit, Identität und Rebellion - Generationen übergreifend populär. Der Rock 'n' Roll ist aber bei genauer Betrachtung zunächst auch in Deutschland eine Generationen spezifische Musik für jugendliche Massen, nicht für die Eliten und nicht für das Bürgertum. Eine Musik für jene Teens und Twens, die eine neue Welt entdecken wollten, die sich für amerikanische Filme, frisierte Mopeds und schwarze Lederjacken interessierten. Im Rock 'n' Roll sehen sie eine Musik von unten, gegen Konventionen und gegen überholte Moralvorstellungen, dynamisch, sinnlich, erotisch, eine Musik, die als wesentlich "echter" und lebenswahrer empfunden wurde als die Schnulzen der heimischen Schlagerbetriebe oder die als elitär empfundene klassische Musik.

Über Nacht wird der junge Elvis zum Star. Geboren am 8. Januar 1935 in Tupelo, Mississippi, wächst er in einfachen Verhältnissen und "schwarzer" Nachbarschaft auf. Eine Welt
voller Gegensätze, so urteilen später die Biografen: schwarz und weiß, arm und reich, sinnlich und lebenslustig, fromm und bigott. Am 5. Juli 1954 nimmt Elvis seine erste Single auf, "That's all right Mama", einen alten Bluessong. Die Platte ist auf Anhieb ein Erfolg. Neben "Rock Around the Clock" markiert die Aufnahme dieses Liedes den Beginn einer Ära-Rock 'n' Roll und Elvis Presley Superstar. Die steile Karriere nimmt ihren Lauf, von Memphis, Tennessee bis Bad Nauheim im Taunus.

Presley Enterprises Inc.

Nach seinem frühen Tod 1977 ist Elvis zur Unsterblichkeit verdammt. Schon zu Lebzeiten eine Legende, wird er nun weiter zu einem Markenartikel aufgebaut und die Industrie arbeitet daran, die Konturen dieser Corporate Identity präsent zu halten. Über Landesgrenzen und politische Ideologien hinweg hat er sich seinen Weg gebahnt. Von Kuba bis China, von Kanada bis Australien hat er die Welt in seinen Bann gezogen. Als Produkt ist er in der Musik geschichte einzigartig. Über 1.000 Elvis-Interpreten gibt es allein in Deutschland. Die Zahl der Sammler von Elvis-Devotionalien geht welt weit in die Hunderttausende. Elvis hat Konjunktur. Kitsch, Kram und Krempel zu Elvis und Rock 'n' Roll wird auf Flohmärkten angeboten. Schätzungsweise eine Milliarde Tonträger sind von Elvis Presley bislang verkauft worden. Das Wirtschafts magazin "Forbes" führt ihn in der Liste der bestverdienenden toten Stars ganz oben an. Die Marke "Elvis Presley" steuert heute ein Konzern, die Elvis Presley Enterprises Inc., im Besitz der Presley-Tocher Lisa-Marie. Sie erwirtschaftet 100 Millionen US-Dollar Umsatz im Jahr - durch Songtantiemen, Bild- und Filmrechte und eine offensive Vermarktung aller denkbaren Fanartikel.

Elvis-Memorabilien sind heiß begehrt. Autogrammkarten werden für bis zu 400 Euro gehandelt, eine ungenutzte Konzertkarte kostet 100 Euro, eine Jogginghose von Elvis 5.000 Euro und einen Original-Elvis-Plattenspieler gibt es für 10.000 Euro.

Der King of Rock 'n' Roll wäre im Januar 2005 siebzig Jahre alt geworden

Bei Sotheby's in London wird 2001 ein handgeschriebener Brief von Elvis für 14.100 Pfund verkauft. 2002 wechselt eine "enormous quantity of hair from the head of the King" für über 100.000 Dollar den Besitzer. Gegenstände aus dem Leben des King of Rock 'n' Roll haben Reliquienstatus.

Elvis lives

Was - fragt man sich - unterscheidet Elvis als Kultfigur von anderen Pop- und Filmikonen des 20. Jahrhunderts. "Elvis hat die Welt befreit, indem er die Menschen aufforderte, ihre Gefühle zu leben", ist sich Elvis-Imitator Nigel Kingsley sicher. Wahrscheinlich hat Kingsley recht, wenn man das Phänomen aus der Zeit heraus begreift und vor dem Hintergrund einer autoritär geprägten und hierarchisch strukturierten Gesellschaft zu analysieren versucht. Aber reicht diese Erklärung aus?

Vielleicht resultiert das Besondere der Verehrung auch aus dem hohen Maß an Nähe zu und Identifikation mit dem Idol? Vielleicht ist es Projektion, wach gehalten durch Musik, ein aggressives Marketing, und eine anrührende Erfolgsgeschichte, die jedem suggeriert: Elvis ist einer von uns, das hättest auch du sein können. Niemand kann sich der Faszination und der Kraft des Mythos entziehen, einige glauben sogar an seine Unsterblichkeit, weil sie an die eigene Erlösung glauben wollen. Rock 'n' Roll als Religionsersatz, Elvis ein moderner "Jesus Christ Superstar"?

Elvis, Priscilla, Dakota oder Tennessee: Alle 15 Kinder der Elvis-Presley-Fans Jean Pierre und Carine Anteheunis aus Gent in Belgien haben Namen, die an ihr Rock 'n' Roll-Idol erinnern. Nur beim jüngsten Nachwuchs wurde es schwierig.

Wackel-Elvis für's Auto: Weltweit werden über 100 Millionen Dollar mit Fanartikeln umgesetzt


Die Villa des Unsterblichen und das Mekka seiner Fans: Graceland, Memphis, Tennessee

Ein Mädchen hätten sie Linda genannt. "Der King hatte mal eine Geliebte mit dem Namen" erfuhr die Zeitung "Het laatste Nieuws" vom stolzen Vater, "aber für einen Jungen hatten wir keine Ideen mehr." Kind Nummer 16 bekam den Namen Ohio - keine Verbindung zu Elvis, aber immerhin zu Amerika. Elvis lebt: 15 zu 1, und kann es Zufall sein, dass die Worte "Elvis" und "lives" aus denselben fünf Buchstaben bestehen? - Das ist Beleg genug! Ohio muss deswegen nicht auch noch Graceland heißen.
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Jürgen Reiche

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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