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Vom
Bürgerschreck zum "All American Boy"
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G.I. Presley in Deutschland |
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Seine Musik löst Wellen von Gefühlsausbrüchen
bei Jugendlichen in der Bundesrepublik aus. Die
DDR sieht in ihm ein "Geschütz im Kalten Krieg".
Mit dem "Lipsi", einem in Leipzig entstandenen Tanz, ver
suchte die SED, die Amerikanisierung der eigenen Jugend
zu unterbinden. Sein Haus in der Goethestraße
14 in Bad Nauheim wird zur Pilgerstätte
seiner Fans. Elvis Presley bleibt siebzehn Monate in
der Bundesrepublik und beeinflusst
nachhaltig den Musikgeschmack einer ganzen Generation.
1. Oktober 1958: Der 23-jährige Elvis Aaron Presley setzt als Soldat
53.310.761 seinen Fuß auf deutschen Boden. Sein Ziel: das nördlich
von Frankfurt gelegene hessische Friedberg, wo er bis
Ende Februar 1960 die restlichen 17 Monate seines Wehrdiensts ableistet.
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Elvis Presley bei seiner Ankunft in Bremerhaven,
1958
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Der Dienst in der Army passt ins Imagekonzept
seines
lebenslangen Managers Colonel Thomas A. Parker. "Elvis the
Pelvis" (das Bekken) - so Parkers Kalkül - soll
durch den Wehrdienst auch für den Durchschnittsamerikaner salonfähig
werden.
Elvis verrichtet seinen Dienst in Friedberg
in der Rhein-Main-Region, einem Stationierungsschwerpunkt
der Amerikaner von der Zeit des
Kalten Kriegs bis Anfang der 1990er Jahre. Seit dem
3. Februar 1959 residiert er mit seinen Familienangehörigen
und Freunden in Bad Nauheim in der Goethestraße 14. Sein Aufenthalt
fällt
in eine Zeit, in der die Mehrzahl der Einheimischen
die Präsenz
amerikanischer Truppen als Schutzmacht begrüßte.
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Idol und Fans
Fans
pilgern teils von weit her
nach Bad Nauheim. Je weiter sich über Bad Nauheim und Friedberg
hinaus herumspricht, wo der Star sich niedergelassen
hat, desto mehr wird Elvis
in seinem Bewegungsspielraum eingeschränkt. Zeitweise kann
er sein Haus nur durch die Hintertür oder benachbarte
Gärten verlassen. Andererseits ist der Besucherstrom aus dem
In- und Ausland in der Goethestraße
14 durchaus willkommen. Elvis hält gerne Hof und umgibt sich
mit Freunden, Bekannten und Kameraden. |
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Titelseite der BRAVO, 1959
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Seit dem Film "Saat der Gewalt" mit
dem Superhit "Rock Around the Clock" im Vorspann im September
1956 beunruhigen so genannte Halbstarkenkrawalle zunehmend auch
die deutsche Öffentlichkeit.
Setzt
der Rock 'n' Roll Aggressionen bei Jugendlichen frei,
verstärkt er
destruktive Effekte? fragen sich viele Erwachsene. In
den Jugendexzessen schafft sich erstmals nach dem Krieg
eine undifferenzierte Unzufriedenheit
Luft, die
sich gegen autoritäre Ordnungsvorstellungen der Elterngeneration richtet.
Einigkeit herrscht unter Zeitgenossen wie Historikern, dass die Jugendtumulte
in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre nicht vordergründig politisch
motiviert sind. Vielmehr sucht hier eine Generation, die nach Nationalsozialismus
und Krieg häufig ohne Vater und ohne Illusionen aufwächst, im beginnenden
Wirtschaftswunder nach Orientierung und positiven Identifikationsfiguren. Einen
Höhepunkt erreichen die Rock 'n' Roll-Krawalle in der Bundesrepublik
Deutschland noch einmal im Oktober 1958, als mit Bill Haley der erste Megastar
des Rock 'n' Roll leibhaftig auf Deutschland-Tournee geht. Zum Entsetzen
der Veranstalter und der deutschen Öffentlichkeit fegt er im Herbst 1958
wie ein Tornado durch die Säle in Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Mannheim,
Stuttgart und West-Berlin. Im Berliner Sportpalast
geht Inventar für mehrere zehntausend
D-Mark zu Bruch.
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"Geschütz im Kalten Krieg"
Die zeitgenössischen Reaktionen auf den Rock 'n' Roll
in der Bundesrepublik und der DDR stimmen in einem
Punkt überein:
Der Rock 'n' Roll
mit seinen sexuellen Anspielungen und seinen wilden,
akrobatischen Tanzeinlagen gilt hier wie dort als Inbegriff
der Zügellosigkeit.
Der Unterschied wird dagegen deutlich, wenn Walter Ulbricht,
Erster Sekretär des Zentralkomitees
der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED),
in einer Rede am 24.
April 1959 in Bitterfeld gegen "kapitalistische
Dekadenz",
gegen die "Hotmusik" und die "ekstatischen ,Gesänge' eines
Presley" polemisiert. Elvis ist in dieser Perspektive nicht nur eine überdrehte,
mit den Hüften wackelnde amerikanische "Heulboje",
sondern wird zum Staatsfeind, zum "Geschütz
im Kalten Krieg".
Tatsächlich tut sich die SED-Führung äußerst schwer,
die schleichende Amerikanisierung der eigenen Jugend zu unterbinden. Im
Jahr 1959 instrumentalisieren die
Hüter der sozialistischen
Kultur einen neuen Modetanz, den Lipsi. Die Bezeichnung
wird abgeleitet von Lipsia, dem lateinischen Namen
für
Leipzig, wo der Tanz entstand. Diese neue Kreation will
die SED dem Rock 'n' Roll
entgegensetzen. Der Lipsi erlaubt das Tanzen nach schnelleren
Rhythmen, vermeidet jedoch die "Offenheit", das weite Auseinandertanzen.
Er soll damit dem verpönten "Gehüpfe" nach
westlicher Musik ein Ende bereiten.
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| DDR-Karikatur gegen
Rock 'n' Roll
und amerikanische "Kulturbarbarei"
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| Filmplakat, 1956
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Doch bereits Ende
1960 hat sich die Lipsi-Kampagne tot gelaufen. Die
eigentliche Zielgruppe, die DDR-Jugend, hat diese
Musik ignoriert. Hier und da soll es sogar
offenen Protest von Rock '
n' Roll-Fans gegen den Lipsi gegeben haben.
Gegen die "amerikanische
Unkultur" geht die DDR-Führung
entschlossen vor. Rock 'n' Roll ist politisch
verfemt, die Staatssicherheit observiert "Rock 'n' Roll-Banden" und
löst Fanclubs auf. In einigen Fällen wird die Begeisterung für "heiße
Musik" mit hohen Zuchthausstrafen bezahlt.
" Muss i denn, muss i denn ..."
Im Februar 1960 steht für Elvis der Abschied
von Deutschland und der US-Army kurz
bevor. Für Sergeant Presley - die Beförderung
erfolgt im Januar 1960 - ist mit dem Armeedienst
auch seine Zeit als Bürgerschreck endgültig
vorbei. Von Thomas Parker clever gemanagt,
wandelt er sich vom musikalischen
Rebellen zum "All American Boy".
Am 2. März 1960 fliegt Elvis vom militärischen
Teil des Frankfurter Flughafens zurück
in die USA. Er kehrt nie wieder nach Deutschland
zurück. Was bleibt, sind die Ansätze
einer eigenständigen, modernen Jugendkultur,
die sich in Deutschland im Übergang von
den 1950er zu den 1960er Jahren allmählich
herausbildet. Hierzu haben Elvis und andere
amerikanische Leitbilder, vermittelt durch die
kommerziellen Massenmedien, einen wesentlichen
Beitrag geleistet.
Christian Peters
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Widmung - Elvis Presley
schenkt diese Gitarre
Otto Schmidt, Besitzer des
Hotels Grunewald, in dem
Elvis und seine Begleiter
einige Monate wohnen.
"Lieber Herr Schmidt,
vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft.
Bitte nehmen
Sie dieses Geschenk als
Erinnerung an die schöne
Zeit an, die wir in Ihrem
Haus verbracht haben. Ich
schätze Ihre Aufmerksamkeit
und Freundschaft.
Elvis & Vernon Presley '58".
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| Der King interpretierte deutsches Liedgut, Plattencover.
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Die Austellung
"Elvis in Deutschland"
ist vom 21. November 2005
bis 27. Februar 2005 im
Haus der Geschichte
in Bonn zu sehen.
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