4/2004

   Sitemap Kontakt Impressum

 Inhalt

 Übersicht  
 Titel     
 Elvis lebt!
 Vom Bürgerschreck zum
 "All American Boy"
 "Zitteraal, Schüttelfrost
 und pure Energie"
 Geburtsort des
 Rock 'n' Roll
 Ausstellungen  
 Partnermuseen  
 Brennpunkt  
 Infothek  
 Zeitgeschichtliches
 Forum Leipzig  
                       
 Editorial 4/2004                       
 Termine 4/2004                      
 Archiv                
 Impressum 4/2004                
 Kontakt                
                       
                                        

 Haus der Geschichte, Bonn

 Zeitgeschichtliches Forum
 Leipzig

 

Titel

 

"Zitteraal, Schüttelfrost und pure Energie"

Inteview mit Ted Herold

Hüftschwung und Gürtelschnalle, eine Gitarre in der Hand und Pomade im Haar - Harald Walter Schubring alias "Ted Herold", der "deutsche Elvis" feierte in den 1950er und 1960er Jahren große musikalische Erfolge. Mit Hits wie "Moonlight" oder "Ich bin ein Mann" begeisterte er vor allem Teenager. Deren Eltern und Kritiker sahen in ihm und seiner Musik zunächst eine reelle Bedrohung, wobei für Ted Rock ’n’ Roll doch lediglich "pure Energie ist und wahnsinnige Lust erzeugt"..




mm Herr Herold, die Welt schrieb 1957 über den Rock 'n' Roll: Er gefährde die "seelische Gesundheit der Jugend" und Elvis sei eine Heulboje. Welches Image gab Ihnen die Presse?

Der deutsche Elvis:
Ted Herold, 1958

Herold Ich bekam viel, viel Schelte. Davon habe ich Ordner voll. Die Kritiker nannten mich Zitteraal, Elvis-Kopie, Krawall-Sänger oder Mensch gewordener Schüttelfrost. Auf einer Tournee 1958 mit Max Greger und seiner Tanzmusikband saßen sie meistens in der ersten Reihe und hatten vielleicht vorher eine Operette oder einen Liederabend mit Marika Rökk besucht. Dann kam ein bleichgesichtiger Jüngling auf die Bühne, ließ wild die Hüfte kreisen, schwang die Gitarre und behauptete von sich, er sei ein Mann. Die Kritiker glaubten, ich sei der Untergang des Abendlandes. Und so war es auch nicht überraschend, dass 1959 meine Platte "Ich bin ein Mann" auf dem Index stand. Sie wurde in Deutschland, der Schweiz und Österreich nicht gespielt, außer bei Radio Luxemburg.

mm Und welche Bedeutung hatten Sie für Ihre Fans?

Herold Für die war ich der absolute Hero. Wo immer wir mit dem Bus ankamen, erwartete uns schon eine Horde von Fans mit ihren Mopeds, den Skai-Lederjacken mit "Ted Herold" hinten drauf und begleiteten uns bis zur Halle. Und für deren Eltern war ich eine Provokation. Sie waren mit Blasmusik, Volksliedern und dem ganzen Schlagerkram wie Zarah Leander oder Rudi Schuricke aufgewachsen. Meine Mutter hörte daheim beispielsweise Rosita Serano "Am Zuckerhut, am Zuckerhut" (singt). Und plötzlich kam aus dem Radio "Rock Around the Clock". Das war eine Revolution.

mm In Ihrem Song "Bill Haley" heißt es: "In den frühen Fünfzigern da war nichts los" oder "das Rockin' und Rollin' machte alle wild". War Rock 'n' Roll das Ventil für eine ganze Generation?

Herold Auf jeden Fall. Jugendliche hatten zum ersten Mal in der Geschichte ihre eigene Musik und konnten sich dadurch von den Eltern abgrenzen. Sie hatten wahnsinnige Lust an der Musik - das war pure Energie. Auch Kinofilme wie "Außer Rand und Band", "Mit nackten Fäusten" oder Filme mit Bill Haley und anderen Rock ’n’ Rollern - nicht zu vergessen Elvis erste Filme - trugen zu dieser explosiven Atmosphäre bei.

mm Zahlte sich der frühe Erfolg aus?

Herold Andere haben von meinem Erfolg besser gelebt als ich. Meine Mutter verschleuderte das Geld. Sie und ihr Freund kauften sich von meinen Gagen nach zwei Jahren eine Yacht für 100.000 D-Mark. Anfangs wurde ich verschachert. Ich bekam nur 60 D-Mark am Abend bei meiner ersten Tournee. Davon musste ich auch noch Essen und Hotel bezahlen.

mm Waren Sie wenigstens frei in der musikalischen Interpretation von Songs?

Herold Da hat niemand reingeredet. Die Produzenten, die Musikmanager waren alles alte Papas und hatten von Rock ’n’ Roll keine Ahnung. Meine erste Platte habe ich mit Bert Kaempfert in Berlin eingespielt, das war 1956, da war ich gerade mal fünfzehn. Ich kam in die Musikhalle, Kaempfer gab mir zunächst einmal eine Berliner Weiße zu trinken und einen Dornkaat. Dann machten wir drei Takes und ich fuhr leicht benebelt wieder heim nach Bad Homburg. Als die Platte herauskam, stand nicht mein Name drauf. Sie hatten aus Harald einfach Herold gemacht und ein Ted davor gesetzt.

mm Mit vierzehn bekamen Sie Ihre erste Gitarre geschenkt. Mit achtzehn hatten Sie eine Million Platten verkauft und mit Anfang zwanzig kam schon das Ende Ihrer Karriere. Woran lag´s?

Herold Ich war Teenager-Sänger, und man sagte mir, das kann ich nur sein bis 21, dann ist die Teenagerzeit vorbei. Ich kam dann zum Militär. Der Übergang war extrem. Wochen vorher jubelten mir noch Fans zu und plötzlich stand ich mit 20 Mann morgens um halb sechs beim Zähneputzen. Jedoch war es psychologisch gesehen eine gute Zeit. Ich lernte viele unterschiedliche Menschentypen kennen. Und meine Vorgesetzte waren keine Schleifer. Sondern haben sich besonders für mich eingesetzt, sie wollten den deutschen Elvis in ihrer Kompanie haben.

"Rock 'n' Roll war eine Revolution"

mm Wann fingen Sie wieder mit der Musik an?

Herold 1977 rief mich Udo Lindenberg an und sagte, ich solle aufhören, nur in der Badewanne zu singen. Er holte mich nach Hamburg und wir machten zusammen die Platte "Panische Nächte", auf der auch ein Titel über mich zu finden ist - Teddy. Danach sollte ich mit ihm auf Tournee gehen. Das hab ich abgelehnt. Aber ich habe mit ihm zwei große Open-Airs gesungen in Nürnberg und Karlsruhe.

mm Anfang der 1960er Jahre wurde ein Ted-Herold-Club im Osten Berlins gegründet. Club-Mitglieder wurden nach Protestaktionen gegen den Mauerbau zu langen Haftstrafen verurteilt, der Club von der SED verboten. Welche Folgen hatten diese Ereignisse für Sie?

Herold Direkt keine. Es hieß in der Ost-Presse jedoch, "Ted Herold zündet Scheune an". Ich hätte meinen Fans im Osten den Befehl gegeben zu Protestaktionen und hatte doch gar keinen Kontakt zu ihnen. Ich durfte dann natürlich in der DDR nicht auftreten. Über Elvis, Haley und mich hieß es dort immer, wir seien von der Musikindustrie versklavte Negersänger, die imperialistisch ausgenutzt werden.

mm Was unterschied Sie von Ihrem Freund Peter Kraus?

Herold Er war nie ein richtiger Rock´n´Roller, eher ein Weichspüler. Deswegen hatte er auch mehr die Mädchen auf seiner Seite und ich die Halbstarken. Doch es gab eine gemeinsame Tournee mit uns beiden. Auf dem Killesberg in Stuttgart flogen dann die Fetzen. Das heißt, meine Fans machten die Bühne dem Erdboden gleich, als sie merkten, dass ich nur drei Lieder singen durfte und Kraus der Star des Abends war. Vater Kraus ist blau angelaufen und der Notarzt musste kommen. Die Tumulte setzten sich dann in jeder Stadt fort.

mm Sie trafen als Sechzehnjähriger 1958 in Bad Homburg den "King". Welchen Eindruck hatten Sie von Elvis?

Herold Ich fand ihn sehr zuvorkommend, sehr nett. Er war rank und schlank, sah sehr gut aus in seiner Uniform und war von zwei Leibwächtern begleitet. Ich traf ihn in einer Eisdiele in Bad Homburg. Er war erst zehn Tage in seiner Kaserne in Friedberg. Ich stellte mich ihm vor als Interpret von zwei seiner Lieder. Er signierte mir später noch meine erste Platte. Doch die Einladung, in meine Mansardenbude zu kommen und sich die Platte anzuhören, schlug er höflich aus.

mm Die wilden Hüftschwinger sind in die Jahre gekommen. Wie groß ist noch das nostalgische Potential beim deutschen Publikum?

Herold Ich würde jetzt vielleicht Gänseblümchen züchten, wenn das Potential nicht vorhanden wäre. Gott sei Dank bin ich wieder viel unterwegs. Besonders war und ist die Nachfrage in den neuen Bundesländern groß. Die Menschen dort konnten mich ja nie sehen. Die stehen manchmal mit Tränen in den Augen vor mir.

mm Was halten Sie von der aktuell diskutierten Einführung einer deutschen Quote im Radio?

Herold
Ich war mal dafür und dann dagegen. Jetzt bin ich wieder dagegen. So was sollte sich von selbst regeln. Die guten Sänger, die in den Charts vorne liegen, die viel verkauft werden, die stehen in den großen Läden in den Verkaufsregalen. Die Nischen haben aber kaum Platz. Und sie werden nicht in den Sendern gespielt. Newcomer haben es ganz schwer. Plattenfirmen geben heute kaum noch Geld aus, um neue Leute auch über längere Zeit zu unterstützen. Es zählt nur der schnelle Erfolg. Früher sagten die Plattenfirmen, wir halten an dem Jungen fest, auch wenn seine erste Platte floppt, wir machen eine zweite und dritte bis er durch ist. Heute geht’s nach dem Motto: Ex oder hopp.

mm Welche Musikrichtung ist mit dem Rock ’n’ Roll von damals vergleichbar?

Herold Techno. Ganz klar. Alles andere sind nur Spielarten des Rock ’n’ Roll. Techno das ist ein gesampelter Staubsauger, da sträuben sich bei mir die Nackenhaare. Ich kann mir gut vorstellen, dass - wenn "Klein Heini" mit einer Techno-Scheibe nach Hause kommt - sein Alter das überhaupt nicht mehr versteht. Und so war’s auch in den 1950er und 1960er Jahren.

mm Obligatorische Frage: Lebt Elvis?

Herold Er lebt, klar. In den Herzen seiner Fans wird er immer weiterleben. Sein Tod, seine exzessive Lebensweise, dass er sich vollgestopft hat mit Uppers und Downers, seine Umgebung und auch die Ärzte waren mitschuldig an seinem Tod.

 

Interview: Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

zum Seitenanfang