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„Niemand ist frei von der Geschichte, die er geerbt hat“

Willy Brandts Besuch in Warschau

Ein Foto symbolisiert die Last Nachkriegdeutschlands für die nationalsozialistischen Verbrechen und wurde zum Bestandteil unseres kollektiven Gedächtnisses: Vor 35 Jahren, am 7. Dezember 1970, kniet Willy Brandt vor dem Mahnmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto nieder.

Die 1969 gewählte sozial-liberale Regierung unter Bundeskanzler Willy Brandt ergänzt die von Konrad Adenauer durchgesetzte Westbindung durch vertragliche Regelungen mit den östlichen Nachbarn. Auf der ersten Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag zum Kriegsende 1945 erklärt Willy Brandt am 8. Mai 1970: "Ein Volk muss bereit sein, nüchtern auf seine Verantwortung zu blicken; denn nur, wer sich daran erinnert, was gewesen ist, erkennt auch, was heute ist, und vermag zu überschauen, was morgen sein kann. (...) Dennoch ist niemand frei von der Geschichte, die er geerbt hat."

Im Dezember 1970 reist Willy Brandt als erster deutscher Bundeskanzler nach Polen, um mit Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz den Warschauer Vertrag zu unterzeichnen. Bei der Kranzniederlegung am Denkmal des Aufstands der jüdischen Ghettobewohner von 1943 kniet er nieder. "Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt," erläutert Brandt später. Das Bild geht als Symbol eines friedvollen Deutschland um die Welt. Doch in der Bundesrepublik ist der Kniefall umstritten, Teile der deutschen Öffentlichkeit verurteilen ihn als unangebracht.

Die Bundesrepublik erkennt die Unverletzlichkeit - nicht Unveränderbarkeit - der Oder- Neiße-Linie als polnische Westgrenze an. Für Willy Brandt ist das der Preis seiner "Neuen Ostpolitik", die er und sein enger Mitarbeiter Egon Bahr bereits 1963 im Schatten des Mauerbaus konzipiert hatten. "Wandel durch Annäherung", eingebunden in die westliche Allianz, soll einen Weg zur Entspannung und letztlich zur Wiedervereinigung eröffnen. Die kommunistischen Machthaber verweigern jedoch noch über viele Jahre Reformen.

Innenpolitisch bleibt der Vertrag umstritten. Vertreter des Bundes der Vertriebenen und die CDU/CSU-Opposition polemisieren gegen den "Verzichtpolitiker" Brandt. Dieser entgegnet: "Der Vertrag von Warschau soll einen Schlussstrich setzen unter Leid und Opfer einer bösen Vergangenheit. (...) Dabei muss man von dem ausgehen, was ist; was geworden ist. Auch im Bezug auf die Westgrenze Polens. Niemand hat uns zu dieser Einsicht gezwungen. Wir sind mündig geworden."

Vor der Abstimmung im Bundestag verliert die sozial-liberale Regierung ihre Mehrheit. Verabschiedet wird der Vertrag erst nach dem Scheitern des konstruktiven Misstrauensvotums 1972. Gemeinsam mit dem Moskauer Vertrag wird er Grundlage für die Politik aller folgenden Bundesregierungen. Für Willy Brandt zahlt sich sein Beharrungsvermögen aus: Die Neuwahl am 19. November 1972 führt für die SPD zum Erfolg.

Am 10. Dezember 1971 erhält Willy Brandt den Friedensnobelpreis. Nach Gustav Stresemann (1926), Ludwig Quidde (1927) und Carl von Ossietzky (1935) wird ihm diese Ehrung als viertem Deutschen zuteil. In der Begründung des Komitees heißt es: "Bundeskanzler Willy Brandt hat als Chef der westdeutschen Regierung und im Namen des deutschen Volkes die Hand zu einer Versöhnungspolitik zwischen alten Feindländern ausgestreckt. Er hat im Geiste des guten Willens einen hervorragenden Einsatz geleistet, um Voraussetzungen für den Frieden in Europa zu schaffen."

Andreas Morgenstern

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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