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Flucht, Vertreibung, Integration

Neue Wechselausstellung in Bonn

Vor 60 Jahren: Rund 20 Millionen Menschen sind nach dem Zweiten Weltkrieg heimatlos, 12 Million davon sind Deutsche aus den von der Sowjetunion besetzten Gebieten. Die neue Wechselausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration" zeigt das Schicksal der Menschen, ihre Situation, ihre Ängste und Hoffnungen und die Schwierigkeiten eines Neuanfangs.

Siedlungsgebiete der Deutschen in der Tschechoslowakei, Leipziger Karte von 1936

"Es gibt tatsächlich in der ganzen Geschichte der Völkerwanderungen keine Parallele von Bevölkerungsbewegungen ähnlicher Größe und ähnlicher widriger wirtschaftlicher Voraussetzungen." Zu diesem Ergebnis kam Mitte 1948 ein im Auftrag der amerikanischen Militärregierung in Deutschland erstelltes Gutachten zum deutschen Flüchtlingsproblem. Sein Autor war der an der London School of Economics lehrende Julius Isaac. Als Fachmann für Migrationsfragen wusste er, wovon er sprach, als er diese weitreichende Aussage machte.

Denn Europa blieb auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Verschiebebahnhof für Millionen von Menschen. Zwangsverschleppte, Evakuierte, Deportierte, Kriegsgefangene, Emigranten und Überlebende der Konzentrations- und Vernichtungslager kehrten, wenn auch nicht alle und nicht sofort, nach Hause zurück. Im Unterschied zu ihnen begann mit dem Kriegsende für viele andere Menschen die Zeit der Heimatlosigkeit. Finnen, Polen, Ukrainer, Litauer, Weißrussen, Tschechen, Slowaken, Ungarn Rumänen, Bulgaren, Albaner, Serben, Kroaten, Italiener und Deutsche wurden zwangsweise umgesiedelt und vertrieben. Experten schätzen die Zahl der Zwangsmigranten in Europa in den ersten Nachkriegsjahren auf cirka 20 Millionen. Mehr als zwölf Millionen davon waren deutsche Vertriebene und Flüchtlinge.

Kontroverse Interessen

Mit der Entstehung der modernen europäischen Nationalstaaten setzte sich die Auffassung durch, dass ein Staat mit einer ethnisch einheitlichen Bevölkerung der bessere, weil stabilere sei. Solch ein "gereinigter" Nationalstaat sollte entweder durch Grenzverschiebungen oder Verschiebung von Minderheiten erreicht werden. Zunächst noch verworfen, gehörten Umsiedlungen deshalb bald zur Praxis der europäischen Politik. Ihre völkerrechtlichen Weihen erhielten solche staatlich initiierten und durchgeführten Vertreibungen mit der Konvention von Lausanne vom 30. Januar 1923. Darin wurde der gewaltsam vorgenommene griechisch-türkische Bevölkerungsaustausch nach dem Ersten Weltkrieg international sanktioniert. Dem nationalsozialistischen Deutschland dienten Umsiedlungen und Vertreibungen - zu Anfang in Kooperation mit der Sowjetunion - dazu, Europa nach rassischen Kriterien neu zu ordnen. Zunächst wurde ein Großteil der deutschen Minderheiten aus Ost-Mitteleuropa "heim-ins-Reich" geholt. Gewaltsame Bevölkerungsverschiebungen von hunderttausenden "Minderrassigen" bis hin zu Plänen, ganze Völker umzusiedeln, folgten. Die Deportation und Ermordung der europäischen Juden trieb den ethnischen Reinheitswahn schließlich auf die Spitze. Hitler gab damit "den Startschuss für all das, was nachher kam und bei Kriegsende über das deutsche Volk hereinbrach": Gebietsabtretungen, Flucht, Vertreibung, Umsiedlung.

Viele Deutsche wurden bereits in den letzten Monaten des Krieges umgesiedelt. Tausende flohen vor der schnell vorrückenden Ostfront. Geleitet von der Vorstellung eines ethnisch reinen Nationalstaats und nach Jahren brutaler deutscher Besatzungspolitik wiesen Polen und die Tschechoslowakei unmittelbar nach Kriegsende Hunderttausende ihrer deutschen Staatsbürger im Rahmen der "wilden Vertreibungen" aus.

Flüchtlinge auf einer Landstraße bei Breslau, Februar 1945

 

Charta der deutschen Heimatvertriebenen

Einen Schritt weiter gingen die alliierten Siegermächte. Entschlossen, Deutschland durch Gebietsabtretungen zu schwächen und in der Minderheitenfrage "reinen Tisch zu machen", vereinbarten sie im August 1945 auf der Konferenz von Potsdam die "Überführung" der deutschen Bevölkerung aus den deutschen Ostgebieten, Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn in das besetzte Deutschland. In "ordnungsgemäßer und humaner Weise" sollten gemäß Vereinbarung der Alliierten die organisierten Vertriebenentransporte Ende des gleichen Jahres einsetzen. Doch die Realität war anders. Die Zahl der Ostflüchtlinge in den vier Besatzungszonen stieg schnell auf mehrere Millionen an. Bei der Volkszählung vom 13. September 1950 betrug der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen - so die gesetzlich festgeschriebenen Bezeichnungen - in der Bundesrepublik 16,5 Prozent der gesamten Bevölkerung. Das entsprach etwa acht Millionen Menschen. Zum gleichen Zeitpunkt lebten auf dem Gebiet der DDR über vier Millionen Umsiedler, wie dort der staatlich verordnete Begriff lautete. Mit fast 25 Prozent lag ihr Anteil an der Bevölkerung der DDR deutlich höher als in der Bundesrepublik.

Nicht nur für das Ausmaß der Bevölkerungsverschiebung, die mehrere hunderttausend Todesopfer forderte, gab es bis dahin keine Parallele in der Geschichte. Auch für die Art und Weise, wie ein besiegtes, zerstörtes, hungerndes und viergeteiltes Land die Aufnahme von Millionen von Menschen bewältigen sollte, gab es kein Vorbild. Zunächst steuerten und überwachten die Besatzungsmächte dieses Experiment. Ihr Ziel: Die Entwurzelten sollten dauerhaft in Deutschland angesiedelt und hier heimisch werden, um so die Vertreibung unumkehrbar zu machen. Mit klaren Vorgaben und Verboten - z.B. eigene Parteien zu gründen - sowie strikter Kontrolle begleiteten die Besatzungsmächte in Ost und West die angestrebte Assimilation. Den Plänen, die Flüchtlinge und Vertriebenen in die eingesessene Bevölkerung einzuschmelzen, standen die widrigen wirtschaftlichen Bedingungen, die lange lebendige Hoffnung der Vertriebenen auf Rückkehr und ein hohes Konfliktpotenzial zwischen Einheimischen und Vertriebenen gegenüber. Unter den Bedingungen der deutschen Zusammenbruch-Gesellschaft stellten eingesessene und zugewiesene Bevölkerung die gleichen Fragen: "Wo komme ich unter? Wie werde ich satt? Wo finde ich meine Familie wieder?"

Die ungelöste Flüchtlingsfrage bildete einen gewichtigen Teil der Gründungskrise der beiden deutschen Staaten. Anders als die DDR, in der es Mitte der 1950er Jahre zwar immer noch das "Umsiedler-Problem", aber keine besondere "Umsiedler"-Politik mehr gab, war die Flüchtlingsfrage für die junge Bundesrepublik ein Kernstück ihrer Sozialpolitik. Entgegen der Erwartung und Vorhersage vieler Zeitgenossen im In- und Ausland gelang es zunächst, den Zeitzünder der Flüchtlingsfrage zu entschärfen und schließlich den neutralisierten Sprengkörper in das Fundament des entstehenden Staates einzufügen. Einer der wichtigsten Faktoren, der das begünstigte, war die Verschärfung des Ost-West-Gegensatzes.

Die SED untersagte die Bezeichnung
"Vertriebene". Offiziell sprachen die
Behörden von "Umsiedlern".

Unter den bedrohlichen Rahmenbedingungen des Kalten Krieges fiel die Saat der ordnungs- und sozialpolitischen Maßnahmen der Bundesregierungen zugunsten der Flüchtlinge und Vertriebenen - Flüchtlingsausgleich unter den Bundesländern, Lastenausgleich, Wohnungsbau, wirtschaftliche Förderung -auf fruchtbaren Boden. All diese Maßnahmen beruhten auf der Festschreibung des Vertriebenen-, Heimatvertriebenen- und Flüchtlingsstatus, wie er in dem am 19. Mai 1953 verabschiedeten Bundesvertriebenengesetz (BVFG) erstmals einheitlich definiert wurde. Er stellt die Flüchtlinge und Vertriebenen mit der Mehrheit der Bevölkerung gleich, räumte ihnen aber gleichzeitig - im Unterschied zur DDR - eine Sonderstellung ein. Der Grund: Die Flüchtlinge und Vertriebenen sollten einerseits in Deutschland eingegliedert werden, andererseits aber über Generationen hinweg andere, durch Flucht und Vertreibung gekennzeichnete Deutsche und damit politisch sichtbarer Ausdruck der offenen deutschen Frage bleiben.

Plakat zum Schlesiertreffen, 1959

In den folgenden Jahrzehnten gelang es durch ausreichenden Wohnungsbau und die im Zuge des Wirtschaftswunders entstandenen Arbeitsplätze die Flüchtlinge und Vertriebenen einzugliedern. Die fortschreitende Verwurzelung in Westdeutschland entzog der Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimatgebiete immer mehr den Boden.

Die Entstehung der Bundesrepublik ging so mit der "Entstehung eines neuen Volkes aus Binnendeutschen und Ostvertriebenen" einher. In diesem Prozess veränderten die Vertriebenen die Gesellschaft dieses Staates und wurden dabei selbst verändert. Diese Eingliederung von Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen ist ein in der Geschichte beispielloser Vorgang. Es wird daher zu Recht von der größten sozialpolitischen Aufgabe gesprochen, die die Bundesrepublik vollbracht hat. Von einem Wunder sprach bereits der eingangs zitierte Bevölkerungswissenschaftler Isaac. In Vergessenheit geraten ist dabei, dass es sich bei der Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen um keinen selbstläufigen, sondern um einen in hohem Maß konfliktbeladenen Prozess handelte. Er vollzog sich auch nicht schnell, sondern als Kraftakt und über Generationen hinweg. Legt man die gegenwärtigen erbitterten Auseinandersetzungen um den Ort von Flucht und Vertreibung im kulturellen Gedächtnis der Deutschen zugrunde, so scheint der Eingliederungsprozess noch immer nicht abgeschlossen zu sein.

Mathias Beer

 

Der Autor ist Leiter des Forschungsbereichs Zeitgeschichte am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Lehrbeauftragter an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Historische Migrationsforschung.

 

Die Wechselausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration" ist vom 3. Dezember 2005 bis 17. April im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen. Das Buch zur Ausstellung ist im Museumsshop für 19,90 € erhältlich.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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