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"Überall war Feuer und Rauch"

Interview mit Christian und Wolfgang Tschira

In den frühen Morgenstunden des 21. Januar 1945 verlassen rund 500 Menschen völlig überstürzt ihren Heimatort Lübchen in Schlesien. Mit Kinderwagen, Pferdefuhrwerken, Fahrrädern und zu Fuß treten sie die Flucht vor der Roten Armee an. Unter ihnen Hanns Tschira, ein bekannter Fotograf, dessen Kamera in der neuen Wechselausstellung zu sehen ist. Er dokumentiert die Flucht nicht nur in eindrucksvollen Bildern, sondern übernimmt auch die Führung des Trecks. Die Zwillinge Wolfgang und Christian Tschira, die später selbst als Fotografen arbeiteten, waren damals als Sechsjährige unter den Flüchtenden.

Die Zwillinge Tschira auf einem Handkarren, 1945

mm Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an die Flucht?

C. Tschira Ich kann mich vor allem an zwei Situationen erinnern. Obwohl wir den größten Teil der Strecke zu Fuß zurücklegten, konnten wir für ein kurzes Stück mit dem Zug fahren. Als der von Tieffliegern angegriffen wurde und die Lokomotive Feuer fing, stürzten wir aus den Waggons. Wir liefen die Böschung hinunter zu einem nahe gelegenen Wald, wo wir uns versteckten. Das Bild meines Bruders, wie er von meiner Mutter beim Angriff aus einem der Fenster gereicht wurde, hat sich bei mir tief eingeprägt.

mm Und die zweite Erinnerung?

C. Tschira Das zweite Bild, das ich nie vergessen werde, war ein brennendes Dorf. Von den vielen Granateinschlägen war es richtig zerfurcht. Ganz in der Nähe hörte man, wie ein Munitionszug in die Luft flog. Überall war Feuer und Rauch zu sehen.

mm Am 21. Januar 1945 verließen Sie Lübchen. Wie verlief der Aufbruch?

W. Tschira Die Stimmung war sehr gedrückt. Die Frauen, die Kinder und die vielen alten Menschen - alle blickten mit bitteren Mienen vor sich auf den Weg. Es war ein eiskalter Morgen, bestimmt minus zwanzig Grad kalt. Und obwohl unsere Mutter uns warm und dick eingepackt hatte, bekamen wir beide zwei Wochen später eine Lungenentzündung. Glücklicherweise haben wir die überstanden.

mm Ihr Vater hat den Flüchtlingstreck angeführt. War Ihnen als Kind die Rolle Ihres Vaters bewusst?

Wolfgang (l.) und Christian Tschira heute

W. Tschira Komischerweise nicht. Wir haben unseren Vater zwar immer wieder für mehrere Stunden nicht gesehen, weil er andere Dinge zu tun hatte. Doch unsere Mutter war die ganze Zeit bei uns. Erst viele Jahre später begannen wir zu verstehen, was unser Vater damals geleistet hat - erst als wir Briefe fanden, in denen Menschen unseren Eltern schrieben, dass sie ohne die Hilfe unseres Vaters nicht überlebt hätten.

mm Warum hat gerade Ihr Vater die Führung übernommen?

C. Tschira Am Abend vor der Flucht haben die Bewohner im Dorf eine Versammlung abgehalten. Schnell war klar, dass die Menschen nicht wollten, dass der Bürgermeister den Flüchtlingstreck anführte, weil er nicht sehr beliebt war. Da unser Vater schon viel in der Welt herum gekommen war und mehrere Sprachen beherrschte, haben Sie ihn gefragt. Und er war bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Er wurde dabei von seiner langjährigen Mitarbeiterin Marta Maria Schmackeit unterstützt.

Flucht vor der Roten Armee in eisiger Kälte: Auf dem Weg nach Westen

mm Der Treck suchte seinen Weg abseits der großen Verkehrsadern.

W. Tschira Ja, weil die Hauptstraßen alle verstopft waren. Da gab es Militäreinheiten auf dem Vormarsch und Soldaten auf dem Rückzug. Es herrschte das totale Chaos. Unser Vater versuchte, diese überfüllten und gefährlichen Gebiete so gut es ging zu umgehen. Denn dort, wo sich viel Militär ballte, war es höllisch gefährlich. Es war nicht einfach, den Treck zusammenzuhalten. Viele wollten nach kurzer Zeit schon nicht mehr weiter, weil sie sich in Sicherheit wähnten. Aber die Russen rückten immer weiter vor. Unser Vater drängte deshalb darauf, dass der Treck weiterziehen musste. Und er hatte Recht.

mm Nach Ihrer Flucht waren Sie zunächst in Langenrain am Bodensee, später in Allensbach untergebracht. Wie wurden Sie dort aufgenommen?

C. Tschira Nicht gerade gut. Das ist leider so. Flüchtlinge, egal wo sie herkommen, sind oft nicht sehr willkommen. Das war bei uns nicht anders. Wir wurden argwöhnisch betrachtet und manchmal auch offen angefeindet, zumal unser Vater als freischaffender Fotograf noch zusätzlich als Exot wahrgenommen wurde. Aber immerhin: Man sprach dieselbe Sprache und mit der Zeit haben wir uns auch eingelebt.

mm Und wie war Ihr Schulalltag?

W. Tschira Schrecklich! (lacht) Es gab einige Schüler, die sofort mit uns Streit anfangen wollten. Einer wollte sich sogar mit uns prügeln. Zum Glück standen uns dann einige andere Mitschüler zur Seite. Wie mein Bruder schon sagte, irgendwann haben wir uns eingefunden und auch viele Kameradschaften geschlossen. Sowohl am Bodensee wie auch später in Baden-Baden gab es ja auch viele nette, hilfsbereite Menschen.

mm Haben Sie mit Ihrem Vater jemals über die Erlebnisse der Flucht gesprochen?

C. Tschira Nein, leider war das nie ein Thema. Es gab irgendwie immer zu viel tun. Unser Vater musste nach dem Krieg von vorne anfangen, hatte viel Arbeit und war als Fotograf natürlich auch oft auf Reisen. Und dann ist er ja leider schon 1957 sehr früh verstorben.

mm Und Sie als Brüder, haben Sie untereinander darüber gesprochen?

C. Tschira Eigenartigerweise kaum. Erst vor zwei, drei Jahren haben wir angefangen, über das Thema "Flucht" zu reden. Im Grunde half uns der Kontakt zu Lucia Brauburger, die als Journalistin Bildmaterial zu diesem Thema suchte.

W. Tschira Letztes Jahr trafen wir uns dann sogar mit anderen Überlebenden des Trecks in der Nähe von Zwickau. Alle waren froh, endlich über diese Erlebnisse sprechen zu können. Und es kam zu sehr rührenden Momenten: Wir hatten beispielsweise ein Foto dabei, auf dem unser Vater eine schwangere Frau führte. Das damalige Kind im Bauch, heute eine erwachsene Frau, saß nun bei uns am Tisch - das war wirklich bewegend.

Interview:
Martin Ludwig Hofmann und
Markus Stadtmüller

 

Lucia Brauburger, Abschied von Lübchen. Bilder einer Flucht aus Schlesien. Mit Fotografien von Hanns Tschira, Berlin: Econ-Verlag 2004.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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