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mm Der Treck suchte seinen Weg abseits der großen Verkehrsadern.
W. Tschira Ja, weil die Hauptstraßen alle verstopft waren. Da gab es Militäreinheiten auf dem Vormarsch und Soldaten auf dem Rückzug. Es herrschte das totale Chaos. Unser Vater versuchte, diese überfüllten und gefährlichen Gebiete so gut es ging zu umgehen. Denn dort, wo sich viel Militär ballte, war es höllisch gefährlich. Es war nicht einfach, den Treck zusammenzuhalten. Viele wollten nach kurzer Zeit schon nicht mehr weiter, weil sie sich in Sicherheit wähnten. Aber die Russen rückten immer weiter vor. Unser Vater drängte deshalb darauf, dass der Treck weiterziehen musste. Und er hatte Recht.
mm Nach Ihrer Flucht waren Sie zunächst in Langenrain am Bodensee, später in Allensbach untergebracht. Wie wurden Sie dort aufgenommen?
C. Tschira Nicht gerade gut. Das ist leider so. Flüchtlinge, egal wo sie herkommen, sind oft nicht sehr willkommen. Das war bei uns nicht anders. Wir wurden argwöhnisch betrachtet und manchmal auch offen angefeindet, zumal unser Vater als freischaffender Fotograf noch zusätzlich als Exot wahrgenommen wurde. Aber immerhin: Man sprach dieselbe Sprache und mit der Zeit haben wir uns auch eingelebt.
mm Und wie war Ihr Schulalltag?
W. Tschira Schrecklich! (lacht) Es gab einige Schüler, die sofort mit uns Streit anfangen wollten. Einer wollte sich sogar mit uns prügeln. Zum Glück standen uns dann einige andere Mitschüler zur Seite. Wie mein Bruder schon sagte, irgendwann haben wir uns eingefunden und auch viele Kameradschaften geschlossen. Sowohl am Bodensee wie auch später in Baden-Baden gab es ja auch viele nette, hilfsbereite Menschen.
mm Haben Sie mit Ihrem Vater jemals über die Erlebnisse der Flucht gesprochen?
C. Tschira Nein, leider war das nie ein Thema. Es gab irgendwie immer zu viel tun. Unser Vater musste nach dem Krieg von vorne anfangen, hatte viel Arbeit und war als Fotograf natürlich auch oft auf Reisen. Und dann ist er ja leider schon 1957 sehr früh verstorben.
mm Und Sie als Brüder, haben Sie untereinander darüber gesprochen?
C. Tschira Eigenartigerweise kaum. Erst vor zwei, drei Jahren haben wir angefangen, über das Thema "Flucht" zu reden. Im Grunde half uns der Kontakt zu Lucia Brauburger, die als Journalistin Bildmaterial zu diesem Thema suchte.
W. Tschira Letztes Jahr trafen wir uns dann sogar mit anderen Überlebenden des Trecks in der Nähe von Zwickau. Alle waren froh, endlich über diese Erlebnisse sprechen zu können. Und es kam zu sehr rührenden Momenten: Wir hatten beispielsweise ein Foto dabei, auf dem unser Vater eine schwangere Frau führte. Das damalige Kind im Bauch, heute eine erwachsene Frau, saß nun bei uns am Tisch - das war wirklich bewegend.
Interview:
Martin Ludwig Hofmann und
Markus Stadtmüller
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