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Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

 

Rock! Jugend und Musik in Deutschland

Neue Wechselausstellung in Leipzig

Deutschland war nicht nur Schauplatz wichtiger Stationen der Rockmusikgeschichte, sondern hat auch eigene Musikstile hervorgebracht. Nachhaltig beeinflusst hat der Rock die Entwicklung der Jugendkultur in der Bundesrepublik und der DDR. Dies und mehr zeigt die Ausstellung "Rock! Jugend und Musik in Deutschland" im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig vom Mitte Dezember 2005 bis Ostern 2006.

Am 1. Oktober 1958 betritt Elvis Presley in Bremerhaven erstmals deutschen Boden - nicht als Rock ’n’ Roll-Musiker, sondern als Soldat. Ein Jahr zuvor hatte er in einem "Brief an die deutsche Jugend", den die "Bravo" veröffentlichte, den Wunsch geäußert, "eines Tages die Freude" zu haben, "Euer wunderbares Land zu besuchen." Als er dann nach Deutschland kommt, ist er bereits ein internationaler Star und der Rock ’n’ Roll zum entscheidenden Bindeglied einer neuen Jugendkultur geworden.

Good vibrations: Rockfans in ekstatischer Verzückung

Zwei Jahre später kommen drei junge Männer aus Liverpool nach Deutschland: Paul McCartney, John Lennon und Georg Harrison. Zusammen mit Stuart Sutcliffe und Pete Best bilden sie die "Silver Beatles", die 1960/61 in verschiedenen Hamburger Musikkneipen auftreten. Auch ihre erste Schallplattenaufnahme, noch als Begleitgruppe von Tony Sheridan, findet in Hamburg statt. Als sie ein Jahr später, nun mit Ringo Starr am Schlagzeug, erneut in St. Pauli gastieren, trägt das Quartett bereits den Namen, unter dem es Musikgeschichte schreiben soll: "The Beatles". Auftrittsort ist der legendäre "Star-Club", in dem - in ihrem Schlepptau - auch deutsche Rockbands wie die "Lords" und die "Rattles" ihre Karrieren beginnen.

Der Wegbereiter: Elvis Presley in der Bundesrepublik 1958

Die "Lords" werden hier 1964, auf schummriger Bühne vor einer gemalten Manhattan-Skyline, dem Markenzeichen des "Star-Club", von den begeisterten Fans zum Sieger des Wettbewerbs "Wer spielt so wie die Beatles" gekürt. "Treffpunkt der Jugend" steht noch bis zu seiner Schließung 1969 über dem Eingang des Saalbaues an der Großen Freiheit.

Die Beatwelle kommt auch von Hamburg aus ins Rollen! Und ganz nebenbei wird hier die legendäre Beatles-Frisur kreiert: Denn zum Freundeskreis um die Kunststudenten Astrid Kirchherr und Klaus Voormann, gehört auch der Fotograf Jürgen Vollmer.

City-Konzert mit dem Motto "Rock für den Frieden", Bautzen 1984

Er trägt eine Frisur, die auch den Beatles gefällt. Sie machen den "Pilzkopf" zu ihrem Markenzeichen, und damit nach der Elvis-Tolle zur zweiten Haarkreation des noch jungen Rock, die weltweit Nachahmer findet. Astrid Kirchherr wird zur wichtigsten Fotochronistin der frühen Beatles-Jahre. Klaus Voormann arbeitet mit den Musikern erfolgreich als Grafiker und Bassist - u. a. in Lennons "Plastic Ono Band" und bei Harrisons legendärem "Konzert for Bangla Desh" - zusammen. Für sein Cover zur Beatles-LP "Revolver" erhält er 1966 einen Grammy.

Legendär: Beatles-LP "Revolver"

Beatdemo in Leipzig

Die Jugend in der DDR nimmt die neue Musik genauso begeistert auf wie im Westen. Auch hier schießen Beatbands wie Pilze aus dem Boden. Sie heißen "Sputniks", "Buttlers" und "Guitar Men" und werden anfangs sogar staatlich gefördert. Im April 1965 lobt der Zentralrat der FDJ ihren Sound als "progressive Erscheinung", die dem Lebensgefühl der Jugend im Kontext der weltweiten technischen Revolution entspreche.

Flugblatt zur Leipziger Beat-Demo 1965

Da scheint selbst der westliche Ursprung der Musik verschmerzbar. Nationale Wettbewerbe der "Gitarrengruppen" werden organisiert. Doch schon bald kommen der SED-Führung Bedenken. Im Oktober 1965 setzen Verbotsaktionen gegen Beatmusiker ein. Allein in Leipzig dürfen von 58 zugelassenen Gruppen danach nur noch vier auftreten. Die staatlich gelenkten Medien machen Stimmung gegen ihre Fans wegen "stinkender, ungepflegter Haare" und "affenartigem Benehmen beim Tanz". Dagegen formiert sich Widerspruch unter Jugendlichen. Flugblätter rufen die "Beat-Freunde" in Leipzig für den 31. Oktober 1965 zu einem "Protestmarsch" in der Innenstadt auf.

Stage diving: Ritual und fester Bestandteil der Show. Campino von den "Toten Hosen", 1998

Alle Versuche, ihn zu unterbinden, bleiben erfolglos. Mehr als 800 Beatfans versammeln sich auf dem Leuschner Platz, flankiert von 1.700 Staatsfunktionären in Zivil. Die Polizei setzt Wasserwerfer, Schlagstöcke und Hundestaffeln ein. 267 Jugendliche werden verhaftet, viele davon für mehrere Wochen "zur Bewährung" in den Kohlentagebau gesteckt. Die"„Leipziger Beat-Demo" ist die größte unangemeldete Demonstration in der DDR zwischen dem 17. Juni 1953 und dem 9. Oktober 1989.

Mit dem berüchtigten "Kahlschlag-Plenum" bricht das ZK der SED im Dezember 1965 endgültig den Stab über eine liberale Jugendpolitik. Rockmusik bleibt über Jahre verboten und neue Gruppen werden Ende der 1960er Jahre erst zugelassen, wenn sie - statt nur englische Hits nachzuspielen - ein eigenes Repertoire mit deutschen Texten vorweisen können.

Born to run: Bruce Springsteen in Berlin-Weißensee 1988

Deutschrock

Die Disziplinierungsmaßnahme erweist sich im Nachhinein als Geburtsstunde der Rockmusik mit deutschen Texten. Der Leipziger Musiker Klaus Renft, Gründer der 1965 verbotenen "Butlers", beschreibt dies später: "Man spielte sich langsam frei, die stilistische Unsicherheit schwand …, man wurde lockerer damals und löste sich von dem Trauma, nur Kopist zu sein."

Nahezu zeitgleich beginnt um 1970 die Gruppe "Ton Steine Scherben" in West-Berlin eigene Texte in deutscher Sprache zu vertonen. Ihr Sänger Rio Reiser bescheinigt der DDR-Rockmusik 1988 in einem Interview, dass sie "früher als im Westen angefangen" habe, mit deutschen Texten zu arbeiten und "dadurch, dass auch viel mehr Musiker und Gruppen daran beteiligt waren, ist da mehr raus gekommen."

Heute gehören Titel der "Klaus Renft Combo", der "Puhdys", der Gruppen "Silly", "City" oder "Karat" ebenso zum Bestand der Rockmusik aus Deutschland wie die von Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen, Ulla Meinicke, Herbert Grönemeyer oder Peter Maffay.

Staatstragend waren sie in Ost wie West nie. Sie alle erklingen in der Ausstellung.

Bernd Lindner

 

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung, sie ist vom 17. Dezember 2005 bis Ostern 2006 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen, danach von Mitte Mai bis Ende Oktober 2006 in Bonn.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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