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Schachzug, Bauernopfer,
Patt, Remis - in der Berichterstattung
der Medien zu
Gesellschaft und Politik sind
Metaphern aus dem Schachspiel
geläufige Bilder. Warum
werden diese Analogien
gebildet? Welche vielfältigen
Bezüge zwischen Schach,
Gesellschaft und Politik
haben sich im Verlauf des
20. Jahrhunderts entwickelt?
Die Ursachen für die zahlreichen Verknüpfungen zwischen Schach, Gesellschaft und Politik
liegen im Charakter des Spiels begründet:
Schach gilt als "Prüfstein des Gehirns" (Goethe).
Es bietet darüber hinaus eine Projektionsfläche
für allegorische und symbolhafte Deutungen
oder spiegelt konkrete Zustände und Ereignisse
wider.
Mit dem Schachspiel waren stets auch gesellschaftliche
und politische Absichten verbunden.
Wegen der Herausforderung an die
Kombinationsfähigkeit und das strategische
Denken des Spielers schätzten die oberen
Stände das Spiel. Seit der Aufklärung sah vor
allem das Bürgertum im Schachspiel eine Möglichkeit,
diese geschätzten Eigenschaften zu
fördern. Auch die Arbeiterbewegung entdeckte
das Schachspiel als pädagogisches Mittel:
Es sollte die Arbeiter für den Klassenkampf
geistig stärken.
Vereinnahmung
Die Nationalsozialisten versuchten, Schach als "Nationalspiel der Deutschen" in den Dienst des Regimes zu stellen. Ziel sollte die geistige Ertüchtigung des "neuen nationalsozialistischen Menschen" sein. Zu diesem Zweck wurden die Schachverbände der Weimarer Republik gleichgeschaltet und zu einem Großdeutschen Schachbund zwangsvereinigt, jüdische Mitglieder - bedeutende Exponenten des Schachlebens in Deutschland - ausgeschlossen. Mit der Deutschen Schachgemeinschaft der Nationalsozialistischen Organisation "Kraft durch Freude" schuf das Regime eigens eine Vereinigung, die Schach in alle Schichten der Bevölkerung tragen sollte. Wenig Erfolg hatte der Versuch der Machthaber, ein inhaltlich-ideologisch ausgerichtetes "Wehr-Schach" zu popularisieren, das vor allem die Jugend auf Kampf und Krieg einstellen sollte.
Schach als Überlebensstrategie
Wie bereits im Ersten Weltkrieg erhielt das
Schachspiel auch mit Kriegsbeginn 1939 eine
besondere Funktion: Für viele Soldaten wurde
es im Schützengraben und später in der
Gefangenschaft Teil der Überlebensstrategie.
Verfolgte der Hitler-Diktatur nutzten Schach
als Mittel geistiger Selbstbehauptung in den
Gefängniszellen und Konzentrationslagern.
Selbstgefertigte Spiele und Erlebnisberichte
zeigen die große Bedeutung, die Schach für die Inhaftierten hatte. Literatur und Film, besonders
eindringlich Stefan Zweigs "Schachnovelle",
vermittelten diese Erfahrungen nach dem
Zweiten Weltkrieg einem breitem Publikum.
Schach im Kalten Krieg
Nach 1945 fand der Kalte Krieg auch auf
dem Schachbrett statt: 1972 machte nach jahrzehntelanger
Vorherrschaft der russischen
Spieler im internationalen Spitzensport ein
Amerikaner dem russischen Titelträger den
Weltmeistertitel streitig. Das Duell zwischen
dem Herausforderer Bobby Fischer und dem
amtierenden Weltmeister Boris Spasski in
Reykjavik entwickelte sich zu einem internationalen
Medienereignis, das die Welt bewegte.
Auch die Duelle zwischen dem russischen
Dissidenten Viktor Kortschnoi und dem Sowjetrussen
Anatoli Karpow spiegelten den Ost-West-Konflikt.
Imagefaktor Schach
Die strategische Komponente des Schachspiels
erfordert Klugheit und Umsicht - Eigenschaften,
welche die politische Elite für sich
reklamiert. Mit der zunehmenden Personalisierung
der Politik und seitdem die Medien
die Person des Politikers immer mehr in den
Vordergrund rücken, werden die persönlichen
Interessen und Hobbys immer wichtiger. Sie
können ein positives Image vermitteln. Bilder
von schachspielenden Politkern - vor
allem das Kräftemessen mit Spitzenspielern
als publikumswirksamer Event - sind in der Öffentlichkeit positiv besetzt und erhöhen das
Ansehen. Auch die Wahlwerbung hat die Metapher
des Schachspiels für sich entdeckt. Sie setzt gerne sowohl Spieler als auch Figuren
auf dem Schachbrett mit politischen Akteuren
gleich. Große Popularität hat das Schachspiel
als politische Metapher nach 1945 mit dem so
genannten Raketenschach erlangt, dem Bild
für die atomare Aufrüstung in Ost und West
im Kalten Krieg.
Grenzgänge
Die Frage, ob der Mensch eine künstliche
Intelligenz schaffen könne, die sich geistig mit
ihm messen lasse, hat die Menschen seit jeher
fasziniert und inspiriert. Als Gradmesser und
Exempel dafür ist oftmals das Schachspiel ausgewählt
worden. Prominentestes historisches
Beispiel ist der "Schachtürke", den Wolfgang
von Kempelen für Kaiserin Maria Theresia
schuf. Dieser Automat, als mechanisches Wunderwerk
weltweit bestaunt, barg jedoch ein
Geheimnis. Er war "getürkt": Nicht das Gerät,
sondern ein in ihm versteckter Schachspieler
machte die Züge. Erst mit der elektronischen
Datenverarbeitung gelang es Wissenschaftlern
künstliche Intelligenz und Schach miteinander
in Verbindung zu bringen. Schachcomputer
mit ihren scheinbar unendlichen Möglichkeiten
fordern heute ihre menschlichen Gegenspieler
heraus. Auch hier gilt noch immer das
Schachspiel als Probe auf den Verstand.
Helene Thiesen
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Das Wehrschachspiel
von 1940 bezieht sich
auf aktuelle Geschehnisse
im Zweiten Weltkrieg.
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Häftlinge im Konzentrationslager
sparten sich sogar Brot
auf, um damit Schachfiguren
zu fertigen.
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Stefan Zweigs "Schachnovelle"
wurde 1960 mit Curd Jürgens
und Mario Adorf in den
Hauptrollen verfilmt.
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Der Kupferstich vom Ende
des 18. Jahrhunderts zeigt
den Schachtürken mit dem "getürkten" Schachautomat.
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In der Karikatur von 1982
ist weder der amerikanische
noch der sowjetische Soldat
gewillt, die Abrüstungspartie
zu beginnen.
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Das SPD-Plakat zur Landtagswahl
von 1954 setzt politische
Strategie und Schachspiel
in Beziehung..
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