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Günter Grass bezeichnete
sie als "miese Ehe", Karl
Jaspers fürchtete gar einen "verkappten Staatsstreich":
Die erste Große Koalition auf
Bundesebene, die CDU/CSU
und SPD am 1. Dezember
1966 mit der Wahl Kurt
Georg Kiesingers (CDU) zum
Bundeskanzler besiegelten,
war jedoch weit besser als
ihr Ruf.
Gut gelaunte Minister an einer sommerlichen
Tafel - das berühmte Foto der Kabinettsitzung
der Großen Koalition im Garten des
Palais Schaumburg mag auf den ersten Blick täuschen. Denn um den Tisch sitzen führende
Politiker, die ehedem unterschiedlichen Lagern
angehörten. Kiesinger selbst war wegen seiner
NSDAP-Mitgliedschaft und seiner Funktion
in der Rundfunkabteilung des Auswärtigen
Amtes während des Zweiten Weltkriegs starker
Kritik ausgesetzt. Neben ihm am Tisch:
Vizekanzler und Außenminister Willy Brandt
(SPD), der während der nationalsozialistischen Herrschaft emigriert war, sowie der ehemalige
KPD-Funktionär Herbert Wehner (SPD) als
Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Zu den
weiteren Hauptdarstellern der Großen Koalition
gehörten Wirtschaftsminister Karl Schiller
(SPD) und Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU). Als "Plisch" und "Plum" wurden sie zu
Medienstars der Politik.
Einer Regierungsmehrheit von 447 Abgeordneten
standen im Bundestag gerade einmal
49 FDP-Abgeordnete gegenüber. Bis heute
werden die Folgen der ersten Großen Koalition
auf das parlamentarische System kontrovers diskutiert. Gemessen am Ergebnis war jedoch
die nur kurze Amtszeit bis 1969 erfolgreicher
als so manch andere Regierung. Eine antizyklische
Wirtschafts- und Finanzpolitik half, die
erste Rezession nach 1949 zu überwinden.
Wachsende Arbeitslosigkeit - 1967 erreichte
sie einen Höchstwert von 2,1 % - hatte Sorgen
und Ängste in der Bevölkerung ausgelöst.
Parallel zur Regierungszeit Kiesingers erhielt
die so genannte Außerparlamentarische Opposition
in Deutschland Zulauf. Schwere Proteste
richteten sich unter anderem gegen die
1968 verabschiedeten Notstandsgesetze. Auch
das rechtsradikale Lager um die NPD bekam
Auftrieb.
Innen- wie außenpolitisch leitete die Große
Koalition eine Phase des politischen Umbruchs
ein. Mit Außenminister Brandt ging sie erste
Schritte einer neuen Deutschland- und Ostpolitik. Innenpolitisch stellte sie bereits viele Weichen
für spätere Regierungen, wie etwa mit
der Liberalisierung des Strafrechts. Spätestens
zu Beginn des Jahres 1969 war allerdings die
gemeinsame Basis der Regierungskoalition
aufgebraucht. Immer deutlicher stellten Union
und SPD ihre Unterschiede heraus; schließlich
konnte man sich nicht mehr auf einen gemeinsamen
Kandidaten für die Wahl zum Bundespräsidenten
einigen. Kurt Georg Kiesinger,
dem ersten Kanzler einer Großen Koalition,
sollte Willy Brandt als erster Kanzler einer sozialliberalen
Koalition folgen.
Magdalena Zeller
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