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In der Zeit der Teilung entstehen
in beiden deutschen
Teilstaaten ganz unterschiedliche
Sichtweisen
auf das Leben "drüben".
"Zuerst merkt es Ihre Nase: Schon auf dem
S-Bahnhof Friedrichstraße riecht es anders.
Es riecht wie in Prag, Bukarest, Moskau. Wie
im ganzen Ostblock." Mit dieser Bemerkung
stimmt der Ratgeber "Tips für Reisen in die
DDR" auf eine Fahrt nach "drüben" ein. In
der Tat ist es für viele Westdeutsche nach den
in der Regel schikanösen Grenzkontrollen der
erste und nachhaltigste Eindruck einer Reise
in den anderen Teil Deutschlands: eine ganz
andere Luft zu atmen.
Für die Zeit-Redakteurin Marion Gräfin
Dönhoff ist die DDR 1964 "Eine Art Freilichtmuseum
deutscher Vergangenheit". Gemeinsam
mit ihren Kollegen Theo Sommer und
Rudolf Walter Leonhardt unternimmt sie eine
zweiwöchige Erkundungsfahrt durch "ein
Stück Deutschland, das … meist nur noch aus
Geschichtsunterricht und Wandkalendern bekannt ist" In ihrem viel beachteten
Bericht "Reise in ein
fernes Land" schildern Dönhoff,
Sommer und Leonhardt
ihr Gefühl, "in eine Welt eingetreten
zu sein, die dreißig
Jahre hinter der unsrigen zurück" sei. In der DDR sei im
Vergleich zur Bundesrepublik "alles sehr viel trister, freudloser und weniger glanzvoll, aber eben auch schlichter und bescheidener". Aber nicht nur dem äußeren Erscheinungsbild des "fernen Landes" gilt das Augenmerk der Journalisten, sondern auch den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen sowie den Einstellungen der Menschen. "Für mich", so Dönhoff, "war das Erschreckendste: dass wir auf Schritt und Tritt einer von Grund auf verschiedenen Weltauffassung begegneten; diese Tatsache hat mir den nachhaltigsten Eindruck gemacht. Es war, als hätten wir es mit Bewohnern einer fernen Insel zu tun gehabt und nicht mit Angehörigen unseres Volkes, die doch die gleiche Geschichte durchlebt haben und dieselbe Sprache sprechen wie wir." Erst nach dem Novemberpogrom 1938 ändern zumal die angelsächsischen Länder ihre Haltung. Leben in Großbritannien vor 1938 weniger als 6.000 deutschsprachige Immigranten, so sind es 1945 bereits 65.000. Die britischen Aufnahmekriterien bevorzugen zunächst Berufsgruppen wie Fabrikanten, Geschäftsleute und Wissenschaftler. Mit begrenzten Quoten werden zudem Immigranten für Mangelberufe wie Hausangestellte, Krankenpfleger oder Landarbeiter aufgenommen.
Das "deutschere" Land
Jahre später will auch Günter Gaus, irritiert
von der Unkenntnis und Gleichgültigkeit
der bundesdeutschen Gesellschaft, auf die
DDR neugierig machen. Der Publizist und
langjährige Leiter der Ständigen Vertretung
der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin
fühlt sich den Ostdeutschen besonders verbunden,
sieht in der DDR sogar das "deutschere"
Land. Mehrere Ursachen hätten bewirkt, so
erklärt Gaus 1981, "dass sich dort drüben bis
auf den heutigen Tag hergebrachte Familienstrukturen,
positive wie negative Einstellungen
zum sozialen Umfeld, Verhaltensnormen,
Sentiments und Ressentiments stärker erhalten
haben als bei uns". Das Festhalten an einem "primitiven Antikommunismus" mache die Westdeutschen "nahezu blind für die Tatsache, dass drüben Landsleute leben". In der Bundesrepublik werde eine unbegründete Angst vor der DDR erzeugt und dabei vielfach übersehen, dass die Menschen dort "eine hohe Fähigkeit entwickelt" hätten, "ihren Ausweg aus gesellschaftlich-politischer Überforderung in private Nischen zu organisieren".
Wie ist in jener Zeit die Sicht der Westdeutschen auf die DDR? Hatte in den 1950er Jahren noch das Gedenken an die "Brüder und Schwestern im Osten" im öffentlichen Raum eine große Rolle gespielt, so richtet sich seit Mitte der 1960er Jahre eine wachsende Mehrheit der Bevölkerung in der Bundesrepublik ein. Das Interesse für den anderen deutschen Staat - seine Menschen, Städte, Landschaften, historischen Orte - nimmt kontinuierlich ab. Das Thema Wiedervereinigung verliert zusehends an Bedeutung, der Kreis derer, die in der Hoffnung auf die Einheit etwas rückständiges, wenn nicht gar anrüchiges sehen und von einer "Lebenslüge" der Bonner Republik sprechen, wird größer. In den 1980er Jahren betrachtet knapp ein Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung die DDR sogar als Ausland. Gleichzeitig verändert sich die Wahrnehmung der politischen Verhältnisse "drüben". Westdeutsche verbinden mit dem SED-Staat zwar nach wie vor Unfreiheit und Mangelwirtschaft, aber auch soziale Leistungen, etwa im Gesundheits- und Schulwesen oder bei der Arbeitsplatzsicherung. Bei Umfragen findet die These, die DDR biete - etwa im Hinblick auf die soziale Absicherung der Bevölkerung, bei Fragen der Gleichberechtigung, in Erziehung oder auch der Sportförderung - interessante Alternativen, verstärkt Zustimmung. Die Begeisterung mancher für ein vermeintlich fortschrittlicheres System führt aber so gut wie nie zu dem Wunsch, "nach drüben zu gehen", oder zu einer besonderen Zuneigung für die Ostdeutschen. Mit diesen sieht man vielmehr wegen ihrer "Kleinbürgerlichkeit" in Auftreten, Einstellungen und Lebensgewohnheiten kaum Berührungspunkte.
Idealisierung der Verhältnisse
Ganz anders blicken die Ostdeutschen nach "drüben". Für sie ist Westdeutschland, wie
es Wolfgang Thierse später ausgedrückt hat, "Vorbild und Objekt der Sehnsucht, manchmal auch Objekt von Neid". In vielerlei Hinsicht beziehen
sie sich auf den für sie anderen Teil
Deutschlands und wissen auch weit mehr über
das Leben dort, als dies umgekehrt der Fall ist. Die Pakete aus dem Westen prägen ihr Bild vom Wirtschaftswunderland Bundesrepublik entscheidend mit. Besuche von "drüben" - jede zweite Familie in der DDR hat Westverwandte - und von 1964 an die jährlich eine Million Rentnerreisen in die Bundesrepublik bewirken, dass die von der SED verbreiteten Zerrbilder vom Westen in der breiten Bevölkerung kaum angenommen werden. Im Gegenteil: Die antiwestliche Propaganda ihrer politischen Führung führt bei vielen Ostdeutschen eher zu einer Idealisierung der Verhältnisse in der Bundesrepublik. Der seit den späten 1960er Jahren dann vor allem durch den Empfang des "Westfernsehens" ermöglichte ständige Blick nach "drüben" lässt die Ostdeutschen nicht nur die politischen Systeme vergleichen, sondern beeinflusst sie stark in ihren Vorlieben und Alltagsgewohnheiten. Sie orientieren sich an westdeutscher Mode, Kunst, Popmusik, westdeutschem Konsum-, Freizeit- und Reiseverhalten. Gleichsam als "Zaungäste der Westens unternehmen sie via Fernsehen allabendlich eine "kollektive Ausreise". Folgt man den Ergebnissen der so genannten Stellvertreterbefragungen, bei denen Westdeutsche nach Besuchen "drüben" Auskunft zu den Einstellungen ihrer Ostverwandten geben, so liegen in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren die Zustimmungswerte zur Wiedervereinigung bei fast 90 Prozent. Diese Stimmungslage zeigt
sich mit großer Wucht im Herbst 1989 - zur Überraschung der meisten Westdeutschen. Dass die Ostdeutschen sich in der übergroßen Mehrheit nicht als "Bürger der DDR" sondern als Deutsche fühlen und die allermeisten so leben wollen wie ihre Landsleute "drüben", ist zu dieser Zeit für viele in der Bundesrepublik, das belegen zahlreiche Äußerungen, jenseits ihrer Vorstellungskraft.
Anne Martin
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Karikaturen zur deutschen
Einheit - wie diese
des Leipziger Grafikers
Ulrich Forchner von 1985 - werden in der DDR nicht öffentlich gezeigt.
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Schild des Bundesgrenzschutzes
von der
innerdeutschen Grenze
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Als eine "Reise in ein fernes
Land" beschreiben die Zeit- Redakteure ihre Fahrt durch
die DDR im Jahre 1964.
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Verschiedene Hilfsorganisationen
werben
in den 1950er Jahren
für den Versand von
Päckchen in die DDR.
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Der Verlag "für Agitations-
und Anschauungsmittel" zeigt
das Wunschbild der SED
zum 30. Jahrestag der
DDR-Gründung.
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Punks mit Irokesenfrisur in
Ost-Berlin, 1988. Mahmoud
Dabdoub fotografierte über
viele Jahre den Alltag und
die Menschen in der DDR.
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Hüben wie drüben -
Blickwechsel zwischen
Kleingärtnern nach dem
Fall der Mauer, Karikatur
von 1989
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