Sitemap Kontakt Impressum

 Inhalt

Übersicht  
Titel     
 drüben. Deutsche  Blickwechsel
 Warum kann man das nicht  ändern?
 Fußballblick nach drüben
Ausstellungen  
Infothek  
Ausgewählt  
Brennpunkt  
Zeitgeschichtliches Forum Leipzig  
Berlin        
                       
Karikatur                       
Editorial                      
Archiv                
Termine 4/2006                
Impressum 4/2006                
                       
                                        
 aktuelle Ausgabe                  

 Haus der Geschichte, Bonn

 Zeitgeschichtliches Forum
 Leipzig

Archiv

Titel

 

drüben. Deutsche Blickwechsel

Neue Wechselausstellung in Bonn

In der Zeit der Teilung entstehen in beiden deutschen Teilstaaten ganz unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben "drüben".

"Zuerst merkt es Ihre Nase: Schon auf dem S-Bahnhof Friedrichstraße riecht es anders. Es riecht wie in Prag, Bukarest, Moskau. Wie im ganzen Ostblock." Mit dieser Bemerkung stimmt der Ratgeber "Tips für Reisen in die DDR" auf eine Fahrt nach "drüben" ein. In der Tat ist es für viele Westdeutsche nach den in der Regel schikanösen Grenzkontrollen der erste und nachhaltigste Eindruck einer Reise in den anderen Teil Deutschlands: eine ganz andere Luft zu atmen.

Für die Zeit-Redakteurin Marion Gräfin Dönhoff ist die DDR 1964 "Eine Art Freilichtmuseum deutscher Vergangenheit". Gemeinsam mit ihren Kollegen Theo Sommer und Rudolf Walter Leonhardt unternimmt sie eine zweiwöchige Erkundungsfahrt durch "ein Stück Deutschland, das … meist nur noch aus Geschichtsunterricht und Wandkalendern bekannt ist" In ihrem viel beachteten Bericht "Reise in ein fernes Land" schildern Dönhoff, Sommer und Leonhardt ihr Gefühl, "in eine Welt eingetreten zu sein, die dreißig Jahre hinter der unsrigen zurück" sei. In der DDR sei im Vergleich zur Bundesrepublik "alles sehr viel trister, freudloser und weniger glanzvoll, aber eben auch schlichter und bescheidener". Aber nicht nur dem äußeren Erscheinungsbild des "fernen Landes" gilt das Augenmerk der Journalisten, sondern auch den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen sowie den Einstellungen der Menschen. "Für mich", so Dönhoff, "war das Erschreckendste: dass wir auf Schritt und Tritt einer von Grund auf verschiedenen Weltauffassung begegneten; diese Tatsache hat mir den nachhaltigsten Eindruck gemacht. Es war, als hätten wir es mit Bewohnern einer fernen Insel zu tun gehabt und nicht mit Angehörigen unseres Volkes, die doch die gleiche Geschichte durchlebt haben und dieselbe Sprache sprechen wie wir." Erst nach dem Novemberpogrom 1938 ändern zumal die angelsächsischen Länder ihre Haltung. Leben in Großbritannien vor 1938 weniger als 6.000 deutschsprachige Immigranten, so sind es 1945 bereits 65.000. Die britischen Aufnahmekriterien bevorzugen zunächst Berufsgruppen wie Fabrikanten, Geschäftsleute und Wissenschaftler. Mit begrenzten Quoten werden zudem Immigranten für Mangelberufe wie Hausangestellte, Krankenpfleger oder Landarbeiter aufgenommen.

Das "deutschere" Land

Jahre später will auch Günter Gaus, irritiert von der Unkenntnis und Gleichgültigkeit der bundesdeutschen Gesellschaft, auf die DDR neugierig machen. Der Publizist und langjährige Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin fühlt sich den Ostdeutschen besonders verbunden, sieht in der DDR sogar das "deutschere" Land. Mehrere Ursachen hätten bewirkt, so erklärt Gaus 1981, "dass sich dort drüben bis auf den heutigen Tag hergebrachte Familienstrukturen, positive wie negative Einstellungen zum sozialen Umfeld, Verhaltensnormen, Sentiments und Ressentiments stärker erhalten haben als bei uns". Das Festhalten an einem "primitiven Antikommunismus" mache die Westdeutschen "nahezu blind für die Tatsache, dass drüben Landsleute leben". In der Bundesrepublik werde eine unbegründete Angst vor der DDR erzeugt und dabei vielfach übersehen, dass die Menschen dort "eine hohe Fähigkeit entwickelt" hätten, "ihren Ausweg aus gesellschaftlich-politischer Überforderung in private Nischen zu organisieren".

Wie ist in jener Zeit die Sicht der Westdeutschen auf die DDR? Hatte in den 1950er Jahren noch das Gedenken an die "Brüder und Schwestern im Osten" im öffentlichen Raum eine große Rolle gespielt, so richtet sich seit Mitte der 1960er Jahre eine wachsende Mehrheit der Bevölkerung in der Bundesrepublik ein. Das Interesse für den anderen deutschen Staat - seine Menschen, Städte, Landschaften, historischen Orte - nimmt kontinuierlich ab. Das Thema Wiedervereinigung verliert zusehends an Bedeutung, der Kreis derer, die in der Hoffnung auf die Einheit etwas rückständiges, wenn nicht gar anrüchiges sehen und von einer "Lebenslüge" der Bonner Republik sprechen, wird größer. In den 1980er Jahren betrachtet knapp ein Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung die DDR sogar als Ausland. Gleichzeitig verändert sich die Wahrnehmung der politischen Verhältnisse "drüben". Westdeutsche verbinden mit dem SED-Staat zwar nach wie vor Unfreiheit und Mangelwirtschaft, aber auch soziale Leistungen, etwa im Gesundheits- und Schulwesen oder bei der Arbeitsplatzsicherung. Bei Umfragen findet die These, die DDR biete - etwa im Hinblick auf die soziale Absicherung der Bevölkerung, bei Fragen der Gleichberechtigung, in Erziehung oder auch der Sportförderung - interessante Alternativen, verstärkt Zustimmung. Die Begeisterung mancher für ein vermeintlich fortschrittlicheres System führt aber so gut wie nie zu dem Wunsch, "nach drüben zu gehen", oder zu einer besonderen Zuneigung für die Ostdeutschen. Mit diesen sieht man vielmehr wegen ihrer "Kleinbürgerlichkeit" in Auftreten, Einstellungen und Lebensgewohnheiten kaum Berührungspunkte.

Idealisierung der Verhältnisse

Ganz anders blicken die Ostdeutschen nach "drüben". Für sie ist Westdeutschland, wie es Wolfgang Thierse später ausgedrückt hat, "Vorbild und Objekt der Sehnsucht, manchmal auch Objekt von Neid". In vielerlei Hinsicht beziehen sie sich auf den für sie anderen Teil Deutschlands und wissen auch weit mehr über das Leben dort, als dies umgekehrt der Fall ist. Die Pakete aus dem Westen prägen ihr Bild vom Wirtschaftswunderland Bundesrepublik entscheidend mit. Besuche von "drüben" - jede zweite Familie in der DDR hat Westverwandte - und von 1964 an die jährlich eine Million Rentnerreisen in die Bundesrepublik bewirken, dass die von der SED verbreiteten Zerrbilder vom Westen in der breiten Bevölkerung kaum angenommen werden. Im Gegenteil: Die antiwestliche Propaganda ihrer politischen Führung führt bei vielen Ostdeutschen eher zu einer Idealisierung der Verhältnisse in der Bundesrepublik. Der seit den späten 1960er Jahren dann vor allem durch den Empfang des "Westfernsehens" ermöglichte ständige Blick nach "drüben" lässt die Ostdeutschen nicht nur die politischen Systeme vergleichen, sondern beeinflusst sie stark in ihren Vorlieben und Alltagsgewohnheiten. Sie orientieren sich an westdeutscher Mode, Kunst, Popmusik, westdeutschem Konsum-, Freizeit- und Reiseverhalten. Gleichsam als "Zaungäste der Westens unternehmen sie via Fernsehen allabendlich eine "kollektive Ausreise". Folgt man den Ergebnissen der so genannten Stellvertreterbefragungen, bei denen Westdeutsche nach Besuchen "drüben" Auskunft zu den Einstellungen ihrer Ostverwandten geben, so liegen in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren die Zustimmungswerte zur Wiedervereinigung bei fast 90 Prozent. Diese Stimmungslage zeigt sich mit großer Wucht im Herbst 1989 - zur Überraschung der meisten Westdeutschen. Dass die Ostdeutschen sich in der übergroßen Mehrheit nicht als "Bürger der DDR" sondern als Deutsche fühlen und die allermeisten so leben wollen wie ihre Landsleute "drüben", ist zu dieser Zeit für viele in der Bundesrepublik, das belegen zahlreiche Äußerungen, jenseits ihrer Vorstellungskraft.

Anne Martin

Karikaturen zur deutschen Einheit - wie diese des Leipziger Grafikers Ulrich Forchner von 1985 - werden in der DDR nicht öffentlich gezeigt.

 

Schild des Bundesgrenzschutzes von der innerdeutschen Grenze

 

Als eine "Reise in ein fernes Land" beschreiben die Zeit- Redakteure ihre Fahrt durch die DDR im Jahre 1964.

 

Verschiedene Hilfsorganisationen werben in den 1950er Jahren für den Versand von Päckchen in die DDR.

 

Der Verlag "für Agitations- und Anschauungsmittel" zeigt das Wunschbild der SED zum 30. Jahrestag der DDR-Gründung.

 

Punks mit Irokesenfrisur in Ost-Berlin, 1988. Mahmoud Dabdoub fotografierte über viele Jahre den Alltag und die Menschen in der DDR.

 

Hüben wie drüben - Blickwechsel zwischen Kleingärtnern nach dem Fall der Mauer, Karikatur von 1989

Die Ausstellung "drüben. Deutsche Blickwechsel" ist ab dem 8. Dezember 2006 im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

zum Seitenanfang