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Warum kann man das nicht ändern?

Wie westdeutsche Schüler die DDR erlebten

In den 1970er und 1980er Jahren unternimmt eine Vielzahl von Schulklassen aus der Bundesrepublik Fahrten in die DDR. Reisetagebücher und -berichte belegen Erfahrungen und Eindrücke, die die Jugendlichen in dem für sie fremden Teil Deutschlands machten.

Seit 1985 organisiert der Osteroder Gymnasiallehrer Hans Mittmann Touren über die nahe gelegene innerdeutsche Grenze. Er will seine Schüler an Orte deutscher Geschichte führen und ihnen die Möglichkeit bieten, das landläufige Bild von der DDR durch eigene Eindrücke zu ergänzen oder zu revidieren. Dabei legt er erhöhten Wert auf Begegnungen mit ostdeutschen Jugendlichen, besonders im kirchlichen Umfeld. In der DDR eigene Wege zu gehen, ist für die Gruppen aber fast unmöglich. Bei mehrtägigen Fahrten müssen sie einem vorher festgelegten Ablaufplan folgen und werden von einem offiziellen "Stadtbilderklärer" begleitet. Dennoch gelingt es immer wieder, die Aufpasser abzuschütteln.

Wie Hans Mittmann engagieren sich auch viele andere. Seit Anfang der 1970er Jahre reisen, finanziell unterstützt durch Bund und Länder, westdeutsche Schulklassen in großer Zahl in die DDR. Reisetagebücher und -berichte, wie sie etwa für den vom Europa-Haus Marienberg veranstalteten Wettbewerb "Unsere Jugend erlebt die DDR" eingereicht werden, belegen die große Bandbreite ihrer Erwartungen, Eindrücke und Erkenntnisse. Nicht alle Jugendlichen sind von der Idee, in den für sie sehr fremden anderen Teil Deutschlands zu fahren, gleich angetan. London, Paris oder Rom locken weit mehr als Leipzig, Weimar oder Dresden.

Auch Hans Mittmanns Schülerinnen und Schüler haben Mühe, sich den Menschen "drüben" verbunden zu fühlen. Ihr Äußeres erscheint ihnen fremd, die Kleidung altmodisch. In einem der vielen Aufsätze, die Hans Mittmann gesammelt hat, erfahren wir von einem Reiseteilnehmer: "Alles ist so deprimierend, trist, langweilig und dreckig."

Während einer Tagesfahrt nach Nord-
hausen posieren Osteroder Gymnasiasten vor dem "Roland"am Rathaus.

Augenfällig ist für die meisten das Wohlstandsgefälle zwischen West und Ost, der Mangel an für sie völlig selbstverständlichen Konsumgütern: "Die Geschäfte dort sind schlimmer, als ich erwartet hatte… Das Angebot an Waren ist sehr gering; die Läden sind leer … Deshalb war es für einige von uns auch schwer, das DDR-Geld loszuwerden… Ich glaube, dass wir alle aufgeatmet haben, aus der DDR raus zu sein. Wir können froh sein hier zu leben, denn wenn man die Verhältnisse drüben gesehen hat, merkt man erst, wie gut es einem hier geht." Irritierend ist für die Gäste aus der Bundesrepublik die Aufmerksamkeit, die sie erregen: "Es ist interessant, wenn man über einen Marktplatz geht und von den Leuten 'völlig unauffällig' beobachtet wird, als käme man vom Mars. Wenn einer dann noch eine Cola-Büchse aufmacht, wird es gefährlich. Aber ich muss zugeben, dass dann schnell das Gefühl aufkommt, man sei etwas Besseres als die Menschen drüben."

Viele Schüler bekennen aber auch, ein differenzierteres Bild vom Leben in der DDR erhalten zu haben. Ein Teilnehmer schreibt: "Die vielen Fluchtversuche von DDR-Bürgern, die durchs Radio gebracht wurden, bauten in mir ein vollkommen falsches Bild auf. Ich dachte immer, dass jeder Bürger nur ein Ziel hatte: Flüchten - Bloß raus aus diesem schrecklichen Land!

Nach der Reise in die DDR stellen Schüler
1987 einen Fahrtbericht zusammen, der
die Route, Beschreibungen der
besichtigten Orte, Gedichte sowie hier eine Collage enthält.

Aber ganz so war es nicht." Von einem anderen ist zu erfahren: "Bei mir sind die Vorurteile zur Hälfte zusammengebrochen". Philosophisch das Fazit eines dritten: "Nur eins hat mich bei diesen Gesprächen gewurmt: Wenn alle drüben nicht an das glauben, was sie sagen müssen (und das haben sie wirklich gesagt), warum kann man das denn nicht ändern?"

Anne Martin

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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