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Seine Leidenschaft für den West-Fußball musste er mit harten Repressalien und Gefängnis bezahlen. Die Geschichte eines ostdeutschen Fußballfans beleuchtet eindringlich das totalitäre System der DDR.
Helmut Klopfleisch, von seinen Freunden "Schnitzel" genannt, ist seit seiner Kindheit ein
Fußballenthusiast. Sein Herz schlägt vor allem
für die Vereine Hertha BSC und Bayern München.
In seiner Wohnung sind die Wände mit
Fotos der Spieler tapeziert, er sammelt Fan-Artikel
und natürlich versucht er, so oft wie möglich
seine Idole "live" zu erleben. Klopfleisch,
Jahrgang 1948, ist eigentlich ein ganz normaler
Fan, doch er muss für seine Leidenschaft
harte Konsequenzen tragen: Staatliche Organe
drangsalieren ihn und seine Familie, er kommt
mehrfach in Haft, verliert seinen Arbeitsplatz
und entschließt sich schließlich, gemeinsam mit
Ehefrau und Sohn seine Heimat zu verlassen.
Denn Klopfleisch lebt in Ost-Berlin, ist "Bürger
der DDR". Seine Begeisterung für den westdeutschen
Fußball macht ihn zum "Staatsfeind".
Der gelernte Elektriker ist nicht der einzige
Ostdeutsche mit einem Fußballblick nach "drüben". Viele Fans in der DDR fiebern mit
den westdeutschen Mannschaften, versuchen
auf den unterschiedlichsten Wegen, an heiß begehrte Souvenirs wie Schals, Wimpel und
Trikots zu kommen oder basteln diese nach.
Wenn die bundesdeutsche Nationalelf oder eine
Mannschaft aus der Bundesliga in der Tschechoslowakei,
Polen oder Ungarn spielt, reisen
zahlreiche Ostdeutsche an, um ihre Stars zu
sehen und sie mit Transparenten und Sprechchören
zu unterstützen. Trotz der gezielten
Gegenmaßnahmen durch das Ministerium für
Staatssicherheit kommt es immer wieder zu solchen "Entgleisungen". Sie laufen dem Anspruch
und Ziel der SED, mit eigenen sportlichen Erfolgen
die Überlegenheit ihres Systems zu demonstrieren
und die Bevölkerung an den Staat
zu binden, gänzlich zuwider. Die Fußballfans
aus der DDR zeigen sogar recht unbekümmert
nationale Gefühle. Nach dem UEFA-Cup-Spiel Dukla Prag gegen Bayer Leverkusen im Oktober
1986 berichtet ein Mitarbeiter der bundesdeutschen
Botschaft dem Auswärtigen Amt in Bonn: "Nach dem Match spielten sich die üblichen
Szenen vor dem Spielerbus von Bayer ab. Die
Fans aus der DDR keilten ihn ein und rissen den
Spielern Autogrammkarten bzw. Wimpel aus
den Händen. Mit unverkennbarem sächsischem
Akzent skandierten mehrere Dutzend junge
Leute: "Wir sind Deutsche, wir sind Deutsche,
Bayer, Bayer, wir sehen uns wieder."
Obgleich Helmut Klopfleisch wegen seiner
Kontakte zu westdeutschen Vereinen bereits
schon einmal in Stasi-Haft war und danach
aus seinem Beruf gedrängt wurde, fährt auch
er zu solchen Auswärtsspielen, wann immer
er kann. So trifft er 1980 die bundesdeutsche
Nationalmannschaft in Sofia, 1981 besucht er
ein Spiel des FC Bayern München im tschechischen
Ostrau. Dabei gelingen ihm immer
wieder persönliche Begegnungen mit den Spielern,
denen er bald wohlbekannt ist. In Ostrau
macht er mit seiner Schmalfilmkamera von seinem Hotelzimmer aus Aufnahmen von den
sich um den Bayern-Bus drängenden ostdeutschen
Fans, die von der tschechischen Polizei
mit Gummiknüppeln vertrieben werden. Dass
er dies filmt, bringt ihn wieder in Stasi-Haft.
Von nun an gilt er endgültig als Bedrohung für
den sozialistischen Staat. Sein Personalausweis
wird einbehalten, stattdessen erhält er einen "PM 12", einen vorläufigen Ausweis, mit dem
er nicht mehr ins Ausland reisen kann und der
ihn zudem als Oppositionellen kenntlich macht.
Noch schlimmer ist für ihn, dass sein Sohn, der
seine Fußballleidenschaft teilt und Profi-Spieler
werden möchte, ebenfalls die Konsequenzen
zu spüren bekommt: Als Ralf Klopfleisch sich
weigert, als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums
für Staatssicherheit seinen Vater auszuspionieren,
darf er, obwohl er bester Schüler
seiner Klasse ist, das Abitur nicht machen.
Im Wehrausbildungslager wird er nach einer
schweren Verletzung nicht behandelt und behält
bleibende Schäden. Der Traum von einer
Karriere als Fußballer ist ausgeträumt. Damit
ist das Maß für Helmut Klopfleisch und seine
Familie voll. 1986 stellen sie einen Antrag auf
Ausreise in die Bundesrepublik, der erst im Mai
1989, drei Jahre und viele weitere Schikanen
später, bewilligt wird.
Anne Martin, Andreas Pausch
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