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Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

 

Erfahrung Exil: Dissidenten im geteilten Europa

Symposion am 9. Oktober 2006

Namhafte Publizisten, Historiker und Schriftsteller verließen zur Zeit des eisernen Vorhangs ihre mittel- und osteuropäischen Heimatländer. In Leipzig diskutierten sie über ihre Erfahrungen und ihr Verhältnis zu Heimat und Exil.

Das zwanzigste Jahrhundert prägen in der historischen Erinnerung nicht zuletzt grauenvolle Kriege, rassistisch begründeter Massenmord, Flucht, Vertreibung und Emigration. Die Ausbürgerung des aus der DDR kommenden Liedermachers Wolf Biermann vor 30 Jahren war Anlass, auf dem diesjährigen Symposion der Reihe "Zeit-Fragen" im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig nach den Erfahrungen von ostmitteleuropäischen

Zeitzeugen und Experten erörterten die Bedeutung des mittelosteuropäischen Exils im geteilten Europa: Erich Loest, Bedrich Loewenstein, Dieter Bingen, Kazimierz Wóycicki, György Dalos und Hannes Schwenger (v.l.n.r.).

Dissidenten im geteilten Europa zu fragen. Dabei war wichtig, dass es sich um eine Emigration handelte, die mit so großen Namen wie Pavel Kohout, Leszek Kolakowski, Milan Kundera, Czeslaw Milocz, Alexander Solschenizyn oder Paul Goma verbunden ist. Aber auch die Deutschen Wolf Biermann, Erich Loest, Reiner Kunze und Jürgen Fuchs gehören in diese Reihe.

In einem beeindruckenden Vortrag fragte zuerst Erich Loest danach, ob die aus der DDR Verdrängten wirklich ihre Heimat verloren hätten und beschrieb, mit welchen Akzeptanzschwierigkeiten sie in der Bundesrepublik kämpften. Letztlich blieben die deutschen Emigranten jedoch - anders als die osteuropäischen Dissidenten - im gleichen Sprachraum. Dies trug auch dazu bei, dass viele von ihnen nach Wiederherstellung der deutschen Einheit nicht in den Osten zurückkehrten. Erich Loest selbst ging nach Leipzig, also in die Stadt, in der er lange wirkte, zurück und kämpft hier unter dem Motto "Nichts ist vorbei und nichts ist vergessen" unverdrossen gegen Ostalgie und Schönfärberei der Vergangenheit.

Der Westberliner Publizist Hannes Schwenger war in der Studentenbewegung aktiv und setzte sich für politische Gefangene in der DDR ein. Er beschrieb, wie schwer und langwierig es für viele in der Studentenbewegung der 1960er Jahre war, die Unteilbarkeit von Bürgerrechten zu akzeptieren. An Sympathien für die herrschenden realsozialistischen Diktaturen in seiner neuen Heimat erinnerte sich auch Bedrich Loewenstein. Er war aus Prag nach West-Berlin geflohen, wo er nur wenig Aufmerksamkeit und Solidarität erfuhr.

Für alle Emigranten in der Diskussionsrunde stellte sich die kontrovers diskutierte Frage nach der "wirklichen" Heimat. Vielleicht sei, so der Budapester Schriftsteller György Dalos, für die Dissidenten Europa die Heimat gewesen. Die Vorgänge in ihrer "alten Heimat" nicht nur zu beobachten, sondern auch zu beeinflussen, war für alle Dissidenten im Exil entscheidend. In diesem Sinne war für den polnischen Historiker Kazimierz Wóycicki der Dissident sogar "der eigentliche Bürger".

Alle ehemals im Exil lebenden Podiumsteilnehmer riefen am Ende des Symposions dazu auf, aus ihrem Schicksal zu lernen. Die Einsicht, Emigranten heute zu unterstützten und sich in der Tradition der friedlichen Revolutionen für die demokratische Entwicklung einzusetzen, gelte es auch im heutigen Deutschland zu stärken und zu verbreiten.

Rainer Eckert

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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