Geistiger Vater von „Trabi Schorsch“: Drehbuchautor und Regisseur Peter Timm, 2007
Mit seinem Film „Go, Trabi,
go“ aus dem Jahr 1990
zeichnet Peter Timm satirisch
die Gefühle nach, die nach
dem Mauerfall Ost- und Westdeutsche
bewegten. Im Interview
spricht der Regisseur
und Drehbuchautor über die
Bedeutung des Trabants in
Film und Wirklichkeit.
mm „Go, Trabi, go“ war der
erste deutsche Kinofilm, der
auf den Fall der Mauer reagierte.
Warum spielte gerade
ein „Trabi“ die Hauptrolle?
Timm Der „Trabi“ bestimmte
unmittelbar nach dem
Mauerfall das Straßenbild im
Westen. Man erkannte diesen
kleinen Kerl schon von weitem.
Und wenn man ihn nicht
sah, hörte man ihn deutlich
heraus durch sein merkwürdiges „Getöffel“ oder roch
seine blaue Dunstfahne. Mit über 300 Trabiwitzen war er
in aller Munde und avancierte
zu einer der Ikonen der Wende.
Er war also schon ein Star,
bevor wir ihm die Titelrolle „anboten“.
mm Welche Erinnerungen
haben Sie an die Dreharbeiten?
Timm Sie fielen in die Zeit des
Umbruchs. Für die Darsteller
aus der DDR war es das erste
Mal, dass sie ihre eigene Geschichte
darstellten und im
Westen drehten. Die großen
gesellschaftlichen Veränderungen
dieser Zeit standen
immer im Hintergrund und
hatten natürlich auch Einfluss
auf die Schauspieler.
mm Wie ist Ihr Film in Ostund
in Westdeutschland vom
Publikum aufgenommen worden?
Timm In ostdeutschen Kinos
war „Go, Trabi, go“ in der
Startphase Wochen im Voraus
ausverkauft. Das sprach sich
auch im Westen herum und
machte neugierig. Man sah
sich die Darsteller des Films
näher an und lernte, wie Ostdeutsche
den Westen sahen.
Das war die wichtige Aufgabe
dieses Films.
mm In der Geschichte kann
der Vater (Wolfgang Stumph)
endlich die italienische Reise
von Goethe machen. Während
Goethe mit der Kutsche fuhr,
fährt er mit dem „Trabi“…
Timm … ja, das hat eine gewisse
Parallelität. Mein Film
erzählt vom großen Bedürfnis,
zu reisen und etwas zu sehen.
In Wirklichkeit war es so: Die
Mauer fiel, die Ostdeutschen
kamen und guckten sich den
Westen an. Mit dem „Trabi“ aber bewegten
sie sich eher verzagt fort: Was wäre, wenn
der Wagen im Westen eine
Panne hätte? Es war immer
riskant, sich auf den Weg zu
machen. Als Trabifahrer war
man ständig damit beschäftigt,
das „Sorgenkind“ am Leben
zu erhalten.
mm Nach der Italienreise
kehrt „Trabi Schorsch“ stark
verändert nach Bitterfeld zurück - haben sich ostdeutsche
Mentalitäten so schnell
gewandelt?
Timm Nein, denn anders
als bei einem Auto funktioniert
die Europäisierung des
Menschen langsamer. Wir
müssen uns gegenseitig besser
kennenlernen, damit wir
respektvoll unsere verschiedenen
Mentalitäten miteinander
leben können.
mm Mit anderen regimekritischen
Künstlern wurden Sie
1973 aus der DDR ausgebürgert.
Haben Sie damals einen
eigenen „Trabi“ besessen?
Timm Nein, ich war aber
froh, wenn mich ein „Trabi“ beim Trampen
mal mitgenommen hatte, denn das war sehr
selten der Fall. Eine Freundin
durfte manchmal den himmelblauen„
Schorsch“ ihres
Vaters leihen. Es war die
engste Liebeslaube ...
mm Spielte der „Trabi“ bereits
vor 1989 eine große
identitätsstiftende Rolle in
Ostdeutschland?
Timm Zwangsläufig. Allein
die zwölfjährige Wartezeit
machte ihn zum Hätschelkind
seines stolzen Besitzers
und diesen wiederum - nicht
selten - zum Spießer. Eine
im Übrigen gesamtdeutsche
Identität.
Interview: Magdalena Zeller
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