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Titel

 

Skandale in Deutschland nach 1945

Neue Ausstellung im Haus der Geschichte

Die Ausstellung stellt die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aus einer ungewöhnlichen Perspektive dar - mit Blick auf die Unvollkommenheiten der Gesellschaft, auf ihre Defekte, Machtkämpfe und Intrigen. Der Gang durch die Ausstellung zeigt die Lernfähigkeit und Korrekturmöglichkeiten einer Demokratie, aber auch die Schwierigkeiten, die allgemein geltenden politischen und moralischen Normen umfassend durchzusetzen.

Die Wechselausstellung zeigt 20 Fälle, die exemplarisch für die Geschichte der Skandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte stehen. Skandale sind zwar tief im kollektiven Gedächtnis verankert, in den meisten Fällen ist aber nur ihre mediale Darstellung bekannt. Die Ausstellung präsentiert die zum Teil komplexe Verkettung der Ereignisse in ihrem jeweiligen historischen Kontext und verdeutlicht die Eigenarten dessen, was den Skandal als gesellschaftliches Phänomen ausmacht.

Für die Auswahl galten vier Kriterien: Wieweit ist der Einzelfall typisch für einen Sachbereich, beispielsweise für Politik, Wirtschaft, Umwelt, Kultur oder Sport? Welche zeittypischen Erfahrungen haben in ihm ihren Niederschlag gefunden? Welche nachhaltige Wirkung hat er hinterlassen? Ist der Einzelfall repräsentativ für die unterschiedlichen Funktionen, die ein Skandal haben kann?

Auswahl

Die Skala der anhand dieser Kriterien ausgewählten Beispiele reicht vom Protest gegen den Film „Die Sünderin“ 1951, in dem die katholische Kirche eine "Verletzung des sittlichen Empfindens" sah, bis zum Fall Mannesmann/Vodafone, bei dem im Jahr 2000 im Zuge der Firmenübernahme gezahlte Sonderprämien zum Stein des Anstoßes wurden. Die Skandalisierung der „Sünderin“ zeugt zeittypisch von der Angst der Nachkriegsgesellschaft vor Destabilisierung noch ungefestigter christlich-abendländischer Werte. Vor allem die Rechtfertigung von Sterbehilfe und Selbstmord wurde vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Verbrechen als nicht akzeptabel empfunden. Bei Mannesmann/Vodafone artikulieren sich in skandaltypischer Personalisierung und Dramatisierung ökonomische und soziale Verteilungsängste in Zeiten der Globalisierung und der Sozialstaatskrise. So verschieden ihre jeweilige Ursache und ihr Verlauf auch waren, die gesellschaftliche Empörung führte in beiden Fällen zu einer breiten öffentlichen Debatte und trug schließlich zur Neuformulierung gesellschaftlicher Handlungsrichtlinien bei: So schrieb 1954 das Bundesverwaltungsgericht gemäß Grundgesetz Artikel 5 Absatz 3 die Freiheit der Kunstmuseumsmagazingattung Film rechtlich fest. Und es war sicher auch kein Zufall, dass der Deutsche Bundestag 2005 in unmittelbarer zeitlicher Folge des Mannesmann/Vodafone-Skandals ein Gesetz zur Offenlegung der Bezüge von Vorstandsmitgliedern börsennotierter Aktiengesellschaften verabschiedete.

Indikatoren des Wandels

Die Auswahl der 20 in der Ausstellung gezeigten Skandale ist weit mehr als die bloße Addition besonders eindrucksvoller Einzelfälle. Die Ausstellung beleuchtet bei jedem Skandal das gesellschaftliche Wertesystem, die Reaktionsweisen der Öffentlichkeit und die Macht der Medien. Damit lassen sich zentrale Wandlungsprozesse der politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland ablesen.

Der Vergleich der beiden herausragenden Politikskandale, der „Spiegel“-Affäre und des Flick-Skandals, lässt wie in einem Brennglas die gesellschaftlichen Veränderungen in der Bundesrepublik Deutschland sichtbar werden. Im Verlauf der „Spiegel“-Affäre formierte sich auf breiter gesellschaftlicher Grundlage massiver öffentlicher Protest gegen das Vorgehen der Bundesregierung. Die „Spiegel“-Affäre veränderte das politische Klima: Sie gilt als Geburtsstunde einer durchsetzungsfähigen liberalen Öffentlichkeit und als Schlüsselereignis für das Wächteramt der Presse als vierter Gewalt.

In der Flick-Affäre übernahmen die Medien ganz selbstverständlich die Rolle des „Skandalisierers“, der den jahrelangen Enthüllungen zu gesellschaftlicher Resonanz verhalf: Steuerhinterziehung, schwarze Kassen, illegale Parteispenden, Prozesse wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit gegen Politiker und Wirtschaftsvertreter sowie Rücktritte namhafter Politiker hielten die Gesellschaft in Atem. Der Skandal hatte eine Neuordnung der Parteienfinanzierung zur Folge. Dies konnte aber nicht verhindern, dass weiterhin illegale Spendenpraktiken für Schlagzeilen sorgten, die erneut zu Verschärfungen des Parteiengesetzes führten. Diese Skandale waren eine der Ursachen für wachsenden Glaubwürdigkeitsverlust der Politik.

Funktionen

Die Wirkung von Skandalen bleibt umstritten: Als Instrument der Herrschaftskontrolle werden sie positiv gesehen. Gesellschaften lernen mit Hilfe von Skandalen, ihr Normensystem weiterzuentwickeln und allgemeine Handlungsrichtlinien zu überprüfen.

Andererseits gelten Skandale als oberflächlich und kurzatmig. Ihre emotionalisierende und personalisierende Form verhindere die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Missständen und untergrabe das Vertrauen in Führungseliten und Institutionen. Die Besucher der neuen Wechselausstellung sind eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen.

Andrea Mork

Größter Leinwand-Skandal in der jungen Bundesrepublik: Der Film „Die Sünderin“ bricht 1951 mit Tabuthemen wie Prostitution, Selbstmord und Sterbehilfe. Die Hauptdarstellerin Hildegard Knef ist kurz nackt zu sehen.

 

Spiegel-Titel zum bislang schwärzesten Kapitel des deutschen Profifußballs: 1971 liefert Horst-Gregorio Canellas, Präsident von Kickers Offenbach, Beweise dafür, dass in der Bundesliga Spiele gegen Geld verschoben wurden.

 

Teil eines abgestürzten Starfighters. Die Umstände der Beschaffung des Kampfflugzeugs lösen Mitte der 1960er Jahre in der Bundesrepublik einen Skandal aus.

 

Plakat eines Münchner Demonstranten vom Oktober 1962

 
 

„Herr Ackermann ...?“: Die Karikatur von Jürgen Tomicek nimmt Bezug auf ein Foto, das den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Josef Ackermann vor Beginn des Prozesses am Landgericht Düsseldorf mit dem Victory-Zeichen zeigt.

 
 

Der gewerkschaftseigene Baukonzern „Neue Heimat“ macht 1982 Schlagzeilen durch Filz, Misswirtschaft und Milliardenverluste.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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