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Die Ausstellung stellt die
Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland aus einer
ungewöhnlichen Perspektive
dar - mit Blick auf die
Unvollkommenheiten der
Gesellschaft, auf ihre
Defekte, Machtkämpfe und
Intrigen. Der Gang durch die
Ausstellung zeigt die
Lernfähigkeit und Korrekturmöglichkeiten
einer Demokratie,
aber auch die
Schwierigkeiten, die allgemein
geltenden politischen
und moralischen Normen
umfassend durchzusetzen.
Die Wechselausstellung zeigt 20 Fälle, die
exemplarisch für die Geschichte der Skandale
in der deutschen Nachkriegsgeschichte stehen.
Skandale sind zwar tief im kollektiven
Gedächtnis verankert, in den meisten Fällen
ist aber nur ihre mediale Darstellung bekannt.
Die Ausstellung präsentiert die zum Teil komplexe
Verkettung der Ereignisse in ihrem jeweiligen
historischen Kontext und verdeutlicht
die Eigenarten dessen, was den Skandal als
gesellschaftliches Phänomen ausmacht.
Für die Auswahl galten vier Kriterien:
Wieweit ist der Einzelfall typisch für einen
Sachbereich, beispielsweise für Politik, Wirtschaft,
Umwelt, Kultur oder Sport? Welche
zeittypischen Erfahrungen haben in ihm ihren
Niederschlag gefunden? Welche nachhaltige
Wirkung hat er hinterlassen? Ist der Einzelfall
repräsentativ für die unterschiedlichen Funktionen,
die ein Skandal haben kann?
Auswahl
Die Skala der anhand dieser Kriterien ausgewählten
Beispiele reicht vom Protest gegen
den Film „Die Sünderin“ 1951, in dem die
katholische Kirche eine "Verletzung des sittlichen
Empfindens" sah, bis zum Fall Mannesmann/Vodafone,
bei dem im Jahr 2000
im Zuge der Firmenübernahme gezahlte Sonderprämien
zum Stein des Anstoßes wurden.
Die Skandalisierung der „Sünderin“ zeugt
zeittypisch von der Angst der Nachkriegsgesellschaft
vor Destabilisierung noch ungefestigter
christlich-abendländischer Werte. Vor
allem die Rechtfertigung von Sterbehilfe und
Selbstmord wurde vor dem Hintergrund der
nationalsozialistischen Verbrechen als nicht
akzeptabel empfunden. Bei Mannesmann/Vodafone
artikulieren sich in skandaltypischer
Personalisierung und Dramatisierung ökonomische
und soziale Verteilungsängste in Zeiten
der Globalisierung und der Sozialstaatskrise. So verschieden ihre jeweilige
Ursache und
ihr Verlauf auch waren, die gesellschaftliche
Empörung führte in beiden Fällen zu einer
breiten öffentlichen Debatte und trug schließlich
zur Neuformulierung gesellschaftlicher
Handlungsrichtlinien bei: So schrieb 1954 das
Bundesverwaltungsgericht gemäß Grundgesetz
Artikel 5 Absatz 3 die Freiheit der Kunstmuseumsmagazingattung
Film rechtlich fest. Und es war sicher
auch kein Zufall, dass der Deutsche Bundestag
2005 in unmittelbarer zeitlicher Folge des
Mannesmann/Vodafone-Skandals ein Gesetz
zur Offenlegung der Bezüge von Vorstandsmitgliedern
börsennotierter Aktiengesellschaften
verabschiedete.
Indikatoren des Wandels
Die Auswahl der 20 in der Ausstellung gezeigten
Skandale ist weit mehr als die bloße
Addition besonders eindrucksvoller Einzelfälle.
Die Ausstellung beleuchtet bei jedem
Skandal das gesellschaftliche Wertesystem,
die Reaktionsweisen der Öffentlichkeit und die
Macht der Medien. Damit lassen sich zentrale
Wandlungsprozesse der politischen Kultur in
der Bundesrepublik Deutschland ablesen.
Der Vergleich der beiden herausragenden
Politikskandale, der „Spiegel“-Affäre und des
Flick-Skandals, lässt wie in einem Brennglas
die gesellschaftlichen Veränderungen in der
Bundesrepublik Deutschland sichtbar werden.
Im Verlauf der „Spiegel“-Affäre formierte sich
auf breiter gesellschaftlicher Grundlage massiver öffentlicher
Protest gegen das Vorgehen der Bundesregierung.
Die „Spiegel“-Affäre
veränderte das politische Klima: Sie gilt als
Geburtsstunde einer durchsetzungsfähigen liberalen Öffentlichkeit
und als Schlüsselereignis
für das Wächteramt der Presse als vierter
Gewalt.
In der Flick-Affäre übernahmen die Medien
ganz selbstverständlich die Rolle des „Skandalisierers“,
der den jahrelangen Enthüllungen
zu gesellschaftlicher Resonanz verhalf: Steuerhinterziehung,
schwarze Kassen, illegale
Parteispenden, Prozesse wegen des Vorwurfs
der Bestechlichkeit gegen Politiker und Wirtschaftsvertreter
sowie Rücktritte namhafter
Politiker hielten die Gesellschaft in Atem. Der
Skandal hatte eine Neuordnung der Parteienfinanzierung
zur Folge. Dies konnte aber nicht
verhindern, dass weiterhin illegale Spendenpraktiken
für Schlagzeilen sorgten, die erneut
zu Verschärfungen des Parteiengesetzes führten.
Diese Skandale waren eine der Ursachen
für wachsenden Glaubwürdigkeitsverlust der
Politik.
Funktionen
Die Wirkung von Skandalen bleibt umstritten:
Als Instrument der Herrschaftskontrolle
werden sie positiv gesehen. Gesellschaften
lernen mit Hilfe von Skandalen, ihr Normensystem
weiterzuentwickeln und allgemeine
Handlungsrichtlinien zu überprüfen.
Andererseits gelten Skandale als oberflächlich
und kurzatmig. Ihre emotionalisierende
und personalisierende Form verhindere
die
ernsthafte Auseinandersetzung mit den
Missständen
und untergrabe das Vertrauen in Führungseliten
und Institutionen.
Die Besucher der neuen Wechselausstellung
sind eingeladen, sich selbst ein Bild
zu
machen.
Andrea Mork
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Größter Leinwand-Skandal in der jungen Bundesrepublik: Der Film „Die Sünderin“ bricht 1951 mit Tabuthemen wie Prostitution, Selbstmord und Sterbehilfe. Die Hauptdarstellerin Hildegard Knef ist kurz nackt zu sehen.
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Spiegel-Titel zum bislang schwärzesten Kapitel des deutschen Profifußballs:
1971 liefert Horst-Gregorio Canellas,
Präsident von Kickers Offenbach,
Beweise dafür, dass in der Bundesliga Spiele gegen Geld verschoben
wurden.
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Teil eines abgestürzten
Starfighters. Die Umstände
der Beschaffung
des Kampfflugzeugs lösen
Mitte der 1960er Jahre
in der Bundesrepublik
einen Skandal aus.
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Plakat eines Münchner
Demonstranten
vom Oktober 1962
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„Herr Ackermann ...?“:
Die Karikatur von Jürgen
Tomicek nimmt Bezug auf
ein Foto, das den Vorstandsvorsitzenden
der Deutschen
Bank Josef Ackermann vor
Beginn des Prozesses am
Landgericht Düsseldorf mit
dem Victory-Zeichen zeigt.
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Der gewerkschaftseigene Baukonzern „Neue Heimat“ macht
1982 Schlagzeilen durch Filz,
Misswirtschaft und Milliardenverluste.
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